Kultur : Kurzmeldungen

NAME

CITY LIGHTS

Wenn Vertreter von Staat und Kirche lauthals gegen einen Film demonstrieren, darf man vermuten, dass sie häufig den Film gar nicht kennen. Das war 1951 so, als katholische Protestierer offen zugaben, Willi Forsts Dirnen-Melodram „Die Sünderin“ nicht gesehen zu haben - schließlich will man für derlei Schweinkram keinen Pfennig bezahlen. Und das war noch vor kurzem so, als „Big Brother“ gestoppt werden sollte, obwohl niemand wissen konnte, was genau im TV-Container passieren würde. Frei von Sachkenntnis waren auch jene Vorwürfe gegen Volker Schlöndorff, der 1975 gerade seinen Film Die verlorene Ehre der Katharina Blum (1975) mit großem Erfolg in den Kinos gestartet hatte. Wie bereits der Autor der Vorlage, Heinrich Böll, galt Schlöndorff plötzlich als Terroristen-Sympathisant. Dabei ist Katharina Blum (Angela Winkler) gar keine politische Aktivistin – sie wird lediglich verdächtigt, mit Terroristen zusammenzuarbeiten. Die Boulevardpresse macht aus der introvertierten Frau einen Staatsfeind. Und als sie endlich aktiv wird und einen schmierigen Reporter niederschießt, ist das keine politische Tat, nur ein privater Racheakt. Mut haben Schlöndorff und seine Co-Regisseurin Margarethe von Trotta dennoch bewiesen: So ausführlich ist Polizeiterror bis dahin nie in einem deutschen Film dargestellt worden (Sonnabend und Sonntag im Lichtblick).

Bernardo Bertoluccis Der große Irrtum (1972) dagegen lässt sich schwer auf eine Botschaft reduzieren. Jean-Louis Trintignant spielt einen Mann, der als Kind sexuell belästigt worden und vielleicht sogar zum Mörder seines Verführers geworden ist. Aus Angst vor Entdeckung hat er sich zu einem Konformisten entwickelt („Il conformista“ heißt der Film im Original), und da der Hauptteil der Handlung 1938 im italienischen Faschismus spielt, pflastern bald Leichen seinen Weg: Menschen, die ihm vertraut haben und dann von ihm, dem Spitzel, verraten wurden. Im Gedächtnis ist weniger Bertoluccis sexualpathologische Faschismusanalyse geblieben als eine lesbische Nebenhandlung, die in einer grandios choreografierten Tangosequenz zwischen Dominique Sanda und Stefania Sandrelli kulminiert (Freitag im FT am Friedrichshain, Sonntag im Delphi, Montag im Thalia Babelsberg).

Die Liebesspiele von Sanda und Sandrelli sind eindeutig mit männlichem Blick für männliche Zuschauer inszeniert worden. Erst Mitte der achtziger Jahre gab es so viele Filme von Lesben über Lesben, dass ein spezialisiertes Festival initiiert werden konnte. Vom 8. bis zum 13. Oktober findet das nunmehr 18. Lesben Film Festival in Berlin statt, 90 Filme aus 19 Ländern sind zu sehen, die meisten davon – aus Budgetgründen – Kurzfilme. Im (langen) Eröffnungsfilm, Helen Lesnicks A Family Affair, darf man über eine lesbische Aktivistin schmunzeln, die ihre alleinstehende Tochter unbedingt an die Frau bringen möchte. In anderen Teilen der Welt geht es ernster zu: Mitra Farahani porträtiert in Juste une femme einen Mann aus dem Iran, der sich zur Frau hat umoperieren lassen. Es erscheint unfassbar, dass jemand in einem islamischen Land freiwillig seine männlichen Privilegien aufgibt. Noch unfassbarer für den westlichen Zuschauer: Morarid (auf deutsch: Perle) prostituiert sich. Mit welchen Tricks das funktioniert, ist trotz der schwachen Bildqualität (versteckte Kamera!) faszinierend zu beobachten (Festival im Arsenal). Frank Noack

0 Kommentare

Neuester Kommentar