Kultur : Kurzmeldungen

Franz Xaver Ohnesorg kehrt Berlin und den Philharmonikern den Rücken – und viele atmen auf Der Terminator

NAME

Von Christine Lemke-Matwey

Das Ganze ist doch ziemlich schizophren. Erst der ganz große Coup, der ganz große Jubel und Ovationen von allen Seiten. Als das Berliner Philharmonische Orchester (wie es damals noch hieß) und der Musikmanager Franz Xaver Ohnesorg sich im April 2001 vertraglich das Ja-Wort gaben, ging nicht nur durch das hauptstädtische Musikleben ein gewaltiger Ruck. Der erklärte Supertanker unter den europäischen Luxusklangkörpern (neben den Wiener Philharmonikern), zusammengespannt mit einer der umtriebigsten, schillerndsten Persönlichkeiten des internationalen Kulturmanagements; die preußischen Nobelmusiker und das wieselige Original aus Weilheim/Oberbayern. Was sollte da noch schiefgehen? Der damalige Berliner Kultursenator Christoph Stölzl – aus bayerischer Verbundenheit der Hauptdrahtzieher in der Verpflichtung Ohnesorgs – wurde nicht müde, diesen über den grünen Klee zu loben, Philharmoniker-Vorstand Peter Riegelbauer versuchte, die „riesengroße Freude“ des Orchesters in Worte zu fassen, und Ohnesorg selbst fraß als frischgebackener Intendant mehr Kreide denn je: „Ich verstehe meine Aufgabe als Kommunikator und Vermittler in alle Richtungen.“

Und dann: das ganz große Zerwürfnis, der ganz tiefe Fall und - viel Häme. Denn heute, 18 Monate später, wollen es alle von Anfang an gewusst haben. Dass die Berliner Philharmoniker, diese „Orchesterrepublik“ mit schwergewichtiger 120-jähriger Tradition, sich weder in ihren Strukturen noch in ihrem Selbstverständnis würden von heute auf morgen umkrempeln lassen; dass Berlin, diese extern unter dem Generalverdacht der Provinzialität stehende, intern mal unter Größenwahn, mal unter Minderwertigkeitskomplexen leidende Stadt, ihre eigenen Bedingungen hat, denen mit dem Holzhammer keinesfalls beizukommen ist; und dass FXO (in Bayern sprach man dieses Kürzel uncharmanterweise „F-X-Null“ aus) bekanntermaßen über eine komplexe, menschlich höchst schwierige Persönlichkeit verfügt. Nur vorher, wie gesagt, wollte dies alles niemand wahrhaben. Nur vorher hat keiner den Mund aufgemacht. Jetzt wirft Ohnesorg zum 1. Januar 2003 „aus persönlichen Gründen“ das Handtuch. Ein Crash, eine Verunsicherung, ein Imageverlust für die Stadt und ihren stärksten Exportartikel, der zu vermeiden gewesen wäre?

Ohnesorgs beruflicher Weg nach Berlin führte steil nach oben und war lang, jedenfalls allemal lang genug. Man hätte sich also erkundigen können. Man hätte bei den Münchner Philharmonikern anrufen können, wo der studierte Betriebswirt, Theater- und Musikwissenschaftler (der ursprünglich Flötist werden wollte) bereits als Dreißigjähriger zum Orchesterdirektor bestellt wurde; dort geriet Ohnesorg - was keine Kunst war - heftig in Clinch mit Sergiu Celibidache, dem damaligen Musik-Chef, und verließ die Stadt im Streit. Ebenso hätte man sein Augenmerk nach Köln richten können, wo Ohnesorg fast eineinhalb Jahrzehnte lang die Philharmonie leitete und nicht nur mit innovativen Marketingkonzepten von sich reden machte, sondern auch mit kassenschlagerträchtigen Crossover-Programmen und einem rüden Umgang mit jeder Art von öffentlicher Kritik. Und auch dass er es in seiner letzten Position, als Künstlerischer Leiter und Verwaltungschef der ehrwürdigen New Yorker Carnegie Hall, mal eben zwei Jahre ausgehalten hat, hätte zu denken geben müssen: Dort schmierte man ihm - was gewiss nicht die feine amerikanische Art war - solange Hakenkreuze an die Tür, bis er seine Sachen packte. Ohnesorg, der unbequeme Neuerer? Oder Ohnesorg, der notorische Querulant, der Monomane und arrogante Besserwisserling?

Dass der Mann mit den vielen vielen bunten Fliegen und dem funkelnden Packen-wir’s-an-Lächeln mindestens zwei Gesichter hat, spürten die Berliner Philharmoniker und ihre Mitarbeiter rasch. War intern seit Ohnesorgs Amtsantritt am 1. September 2001 nur mehr vom „madhouse“ Philharmonie die Rede, so flogen zwischen Ohnesorg und den Orchestervorständen und Medienvertretern alsbald kräftig die Türen. Die Musiker mokierten sich darüber, dass die nszüge Simon Rattles und Franz Xaver Ohnesorgs in den Programmheften in gleicher Größe erschienen, sie fühlten sich in der Gestaltung ihrer Programme mehr als einmal überfahren, und auch die Auflösung der alten Gesellschaft bürgerlichen Rechts (in der das Orchester seine Tantiemen aus Platten und Medienauftritten selbst verwaltete) zu Gunsten der neuen „Stiftung Berliner Philharmoniker“ schürte böses Blut.

Verkrustete Strukturen, Erbrechte, lieb und teuer gewordene Gewohnheiten? Gewiss. Dass all dieses dringend einer zeitgemäßen Revision zu unterziehen war und ist, steht außer Frage. Dass Franz Xaver Ohnesorg weder das diplomatische Geschick aufbrachte noch das nötige menschliche Fingerspitzengefühl, um seine Ziele durchzusetzen, war ein kardinaler Fehler (der umso schwerer wiegt, als Ohnesorg ihn kaum einsehen wird). Mit einem selbstherrlichen, cholerischen und nicht wirklich teamfähigen Intendanten allein wird aus der Berliner Philharmonie noch kein „offenes Haus der Musik“. Und im Hauruckverfahren, mit Dauerdruck allein lässt sich keine Zukunft bauen.

Und Ohnesorg machte schnell weitere, unnötige Fehler. Er legte sich mit Joachim Sartorius an, indem er die Philharmonie erstmals nicht an die Berliner Festwochen vermietete und die Philharmoniker erstmals nicht im (neu gewandeten) Programm der Festwochen auftreten ließ. Er verdarb es sich mit dem Deutschen Symphonie-Orchester (DSO), indem sich die Absprache von Terminen plötzlich als nahezu unmöglich erwies. Und er antichambrierte bei Daniel Barenboim und der Staatskapelle, die ihre Konzerte nun auch im Scharoun-Bau absolvieren dürfen. Allesamt reichlich flügellahme Versuche, alte West-Berliner Seilschaften zu kappen, um eine neue musikalische Mitte aus dem Boden zu stampfen. Auch das Gerücht, dass sechs bis sieben Prozent der von Ohnesorg neu akquirierten Sponsorengelder (5,5 Millionen Euro von der Deutschen Bank) asl Prämie in seine eigene Tasche fließen, ließ ihn in den Augen der Öffentlichkeit nicht eben selbstloser erscheinen.

Gewiss, Ohnesorg hat mit seinem Machtinstinkt in der kurzen, ihm verbliebenen Zeit viel erreicht. Er brachte das Stiftungsmodell unter Dach und Fach, er ebnete Simon Rattle den Weg und wies mit dem neuen Education-Programm durchaus ein Stück nach vorn. Man muss nicht das alte Stresemann-Wort vom „Glauben“ an die Philharmoniker zitieren, um das Problem, das wiederum ein sehr zeitgemäßes ist, an der Wurzel zu packen. Denn so wenig egal es ist, als Manager Schweinehälften oder Bücher zu verkaufen, so wenig egal ist es, ob man Events organisiert oder sich wachen Sinns in den Dienst einer gewachsenen Tradition stellt. Mit dem Pfund dieser Tradition werden die Philharmoniker nach dem Debakel mit Ohnesorg ebenso wuchern müssen wie mit ihrer Offenheit, ihrem Willen zur Veränderung.

Von solchen Differenzierungen wird FXO allerdings auch künftig wenig halten, wohin immer es ihn verschlägt. Und so fällt uns am Ende der gute alte August Everding ein, der, als auch er einst im Streit von München nach Köln wechselte, den hübschen süffisanten Satz sagte: „Die Kölner können sich die Lippen lecken. Sie bekommen nämlich etwas ganz besonders Feines.“

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben