Kultur : Kurzmeldungen

Drei Vorschläge für die Berliner Opernreform liegen auf dem Tisch. Der Kultursenator schweigt dazu – denn lösen kann die Krise allein der Bund Warte nur ein Weilchen

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Von Frederik Hanssen

Vielleicht ist die Taktik des Berliner Kultursenators doch gar nicht so ungeschickt: Gestern Nachmittag hat Thomas Flierl in der Akademie der Künste zwei weitere Vorschläge zur Neuordnung der Berliner Opernszene vorgestellt. Nicht seine Visionen, sondern die Idee besorgter Bürger, die angesichts der katastrophalen Haushaltslage der Hauptstadt von der Musiktheaterlandschaft retten wollen, was noch zu retten ist. Der Senator saß mit auf dem Podium und hörte zu, wie Richard von Weizsäcker, Antje Vollmer und Ulrich Eckhardt sich die Zukunft der Operntrias vorstellen.

Nachdem die „Zeit“ die beiden Vorschläge bereits am Mittwoch über die Presseagenturen lanciert hatte, ließ Flierl verlauten, er selber werde sich seine Meinung zu den Projekten erst im Laufe der nachfolgenden Diskussion bilden: Daraufhin hagelte es gestern in fast allen Feuilletons Kritik auf den PDS-Politiker.

Mag die Begeisterung des ehemaligen Baustadtrats von Mitte für die Gattung Oper auch so gering sein wie seine Kenntnisse in diesem Bereich bei Amtsantritt – eines hat er sich aus der endlosen Diskussion um den Zuschnitt der Musiktheatermetropole gemerkt: Jeder, der sich mit einem Reformvorschlag in dieser Sache vorwagt, holt sich eine blutige Nase. Wenn es um die Kunst der großen Gefühle geht, kochen die Emotionen hoch. Für Diskussionen unter Opernliebhabern gilt die alte Wolfgang-Neuss-Regel: „Hier können wir richtig deutsch diskutieren, wir haben Verbandszeug im Hause.“

Nachdem der Tagesspiegel bereits in der vergangenen Woche die Vorteile einer Umwandlung der Staatsoper Unter den Linden in ein von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz getragenes internationales Festspielhaus skizziert hatte, wagten sich nun der Altbundespräsident, der Berliner Festspielchef i.R. und die Bundestagsvizepräsidentin vor: Allerdings basieren ihre Vorschläge weitgehend auf altbekannten Papieren.

Richard von Weizsäcker schließt sich einer Idee an, die Staatsopern-Chefdirigent Daniel Barenboim im vergangenen Jahr zusammen mit seinem neuen Intendanten Peter Mussbach publik machte. Danach soll in Berlin-Mitte ein gigantisches Musikzentrum entstehen, mit der Staatsoper an der Spitze und der Komischen Oper als assoziierter, unselbständiger Zweitspielstätte sowie dem Konzerthaus am Gendarmenmarkt und der Musikhochschule „Hanns Eisler“. Hintergrund dieser Idee eines circus maximus Barenboimensis ist der Traum der Staatsopernleitung, ihr marodes Haus nicht nur zu sanieren, sondern in einen futuristischen Musentempel zu verwandeln: Wie beim Schloss soll nur die Fassade an die Tradition erinnern, der Saal aber, um einen Rang erweitert, moderner als der der Deutschen Oper werden.

Ulrich Eckhardt geht in seinem Vorschlag noch weiter zurück, in den Winter 2000, zum Reformkonzept Christoph Stölzls. Anders als der damalige Kultursenator betont Eckhardt jedoch, dass seine Idee „nicht in erster Linie Ratschläge zwecks Erzielung von Einsparungen“ transportiere, sondern „Empfehlungen zur Steigerung der Qualität“. Sein Ideal wäre eine Art Opernholding mit einem Generaldirektor, der als Verwaltungschef agiert, und drei autonomen künstlerischen Leitern für die drei Häuser. Von dieser Zusammenführung in einem Stiftungsmodell à la Berliner Philharmoniker verspricht sich Eckhardt unter anderem eine bessere Koordination der Spielpläne. Ein Blick auf die Saison 2002/03 hätte ihm allerdings gezeigt, dass Stölzls Worte bei den neuen Berliner Intendanten nicht ungehört verhallten: So vielseitig, so sensibel auf die akustischen Gegebenheiten der einzelnen Häuser abgestimmt waren die Premierenpläne lange nicht.

Falls sich seine Stiftungsidee (natürlich mit Bundesbeteiligung) nicht realisieren lässt, will Eckhardt übrigens die Deutsche Oper und die Staatsoper fusionieren – exklusive ihrer beiden Orchester. Mit dieser Einschränkung und dem Hinweis, dass seine Vorschläge sich „auf die Zeit nach dem Auslauf derzeit geltender vertraglicher Bindungen“ beziehen, benennt Eckhardt das größte Problem der Politik: gegen Daniel Barenboim lässt sich in der hauptstädtischen Musikszene nichts realisieren (noch nicht einmal eine sanfte Ballettreform) – mit ihm aber auch nicht. Die Tatsache, dass die vom Kanzler persönlich gewährte Gehaltserhöhung für die Staatskapelle an die Präsenz Barenboims in Berlin geknüpft ist, führt dazu, dass die hausintern extrem starken Musiker alles tun werden, um den Dirigenten auch über das künstlerisch vertretbare Zeitmaß hinaus in Berlin zu halten.

So unterschiedlich die drei Vorschläge auch sind, mit denen sich Kultursenator Thomas Flierl nun in Klausur begeben will – eines haben sie gemein: Die Einsicht, dass ohne ein Engagement des Bundes bald die Vorhänge zu sind und alle Fragen weiterhin offen. Nur der Bund kann den gordischen Knoten zerschlagen, finanziell, aber eben auch gedanklich. Ohne einen finalen Befreiungsstoß von außen sind Berliner Dauerstreits nicht zu schlichten, das konnte man in der Vergangenheit erleben, bei der Diskussion um das Mahnmal wie auch in der Schlossplatz-Frage. Vor allem beim Gedanken an letztere keimt eine Erkenntnis auf: Wie sähe es aus, wenn einst die Museumsinsel im Glanz des Guten, Wahren, Schönen erstrahlt, das Stadtschloss prachtvoll die Republik repräsentiert, wenn also das Herz der Hauptstadt in einer nie dagewesenen förderalen Kraftanstrengung einen Schrittmacher eingepflanzt bekommen hat – und da steht, mitten in all dieser bundesrepublikanischen Herrlichkeit, die Ruine der Staatsoper, erst von der Baupolizei geschlossen, dann in einer nächtlichen Sitzung des Abgeordnetenhauses mit Schiller-Wort zu Grabe getragen? Eine Stein gewordene Blamage.

Es war die Berliner Grünen-Politikerin Alice Ströver, die den bahnbrechenden und einzig neuen Vorschlag zur Lösung der Opernkrise gemacht hat: die Lindenoper in die gesamtstaatliche Verantwortung der Stiftung Preußischer Kulturbersitz zu überführen, wie die Museumsinsel und das künftige Schloss. Von der neuen Kulturstaatsministerin Christina Weiss hängt nun alles ab. Glücklicherweise hat sie mehr Affinität zur Bühne als ihre beiden Vorgänger. Die langjährige Hamburger Kultursenatorin weiß, was Musiktheater brauchen, um funktionieren zu können: Mutige künstlerische Visionen gedeihen nur auf der Grundlage langfristiger finanzieller Planungssicherheit. Vielleicht ist die Abwarte-Taktik von Thomas Flierl also wirklich raffinierter als gedacht.

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