Kultur : Kurzmeldungen

Berlins Kulturszene steht vor dem Umbruch. Bei den Opern fängt es an. Aber auch die Berliner Festwochen sind auf der Suche nach sich selbst Das Schneckenrennen

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Von Rüdiger Schaper

Die zwanziger Jahre haben zwei mühsame Mythen geprägt – den von der Kulturmetropole Berlin und den vom Berliner Tempo. Nun kann man seit der Wende 1989/90 beobachten, wie diese für das Selbstverständnis und die Außenwirkung der Stadt lebenswichtigen Mythen einander bedingen, ja: blockieren. Denn tatsächlich vollzieht sich die Entwicklung des hauptstädtischen Kulturbetriebs nicht rasant wie in den legendären roaring twenties, sondern – wenn sich überhaupt etwas bewegt – in enervierendem Berliner Schneckentempo.

Ob Schlossdebatte, Museumsinsel oder Opernreform, es schleicht und schleppt sich alles hin, zur ewigen Wiedervorlage beim gerade amtierenden Staatsminister oder Senator. Beim Auswechseln des kulturpolitischen Personals, das in dem Schneckenhaus regiert, legt Berlin freilich einen unglaublichen speed vor. Der Stillstand verschleißt.

Auch die Berliner Festspiele, eine der traditionsreichsten Kulturinstitutionen der Hauptstadt, beteiligten sich an dem Schneckenrennen. Seit der Bund die Festspiele in seine Finanzregie genommen hat, haben sie ein eigenes Haus – und sie befinden sich in diesem Herbst in der Erprobungsphase eines neuen Konzepts. Festspiele-Chef Joachim Sartorius legt erstmals auch eine veränderte Programmatik vor. Für Musik, Tanz und Theater heißt das grob: Die Gattungsgrenzen fließen, das Angebot trägt experimentellere Züge als zu Zeiten Ulrich Eckhardts, der Zeitrahmen ist nun ausgedehnt von Ende August bis in den November hinein.

Ein Spezialitätenprogramm? Das wäre in einer weltoffenen Stadt wie Berlin kein Makel, sondern ist künstlerische und auch politische Notwendigkeit. Nur: Die Festwochen bekommen derzeit symptomatisch zu spüren, wie schwer es geworden ist, dieses Berlin zu bespielen. Das Publikum zeigt sich brutal wählerisch, was sein gutes Recht ist; Tickets sind schließlich teuer. Es giert nach Events, es greift nach Markenartikeln und Stars wie Rattle in der Philharmonie, Castorf an der Volksbühne, Thalheimer am Deutschen Theater, Thielemann an der Deutschen Oper, und es kümmert sich herzlich wenig um, sagen wir, eine Festwochen- Reihe mit Theater aus Tunesien. Selbst das prominente polnische Theatergastspiel von Krystian Lupa an diesem Wochenende im Festspielhaus – früher wohl ein Magnet – zieht nicht die Massen an, während William Forsythe und das Frankfurter Ballett, das Ende Oktober kommt, hier wochenlang vor ausverkauften Rängen tanzen könnten.

Ähnliche Probleme haben das Hebbel-Theater oder auch das Haus der Kulturen der Welt. Das Spezifische droht im riesigen Angebot der Kulturstadt Berlin zu versinken. Weil die internationalen Performance-Programme einander zu ähnlich geworden sind. Weil es gewiss auch eine allgemeine Krise in der Theaterrezeption gibt. Und weil die Berliner Institutionen – das Beispiel der drei Opernhäuser zeigt das deutlich – weder heftig miteinander konkurrieren noch ausreichend kooperieren. Man bewegt sich langsam und übervorsichtig nebeneinander her.

Ein Blick nach Nordrhein-Westfalen ist lehrreich. Gerard Mortier hat aus dem Nichts ein innovatives Festival erfunden, die Ruhr-Triennale. Das Budget von rund 40 Millionen Euro, das Mortier für vier Spielzeiten zur Verfügung hat, übersteigt die finanziellen Möglichkeiten der Berliner Festspiele allerdings um ein Vielfaches. Und: Mortier beackert in Bottrop oder Hamm absolutes Neuland, während die Berliner natürlich längst schon alles kennen und zig Mal gesehen haben. Man ist hier schnell satt.

Auch Luc Bondys Wiener Festwochen gedeihen im Vergleich mit den Berliner Verhältnissen unter luxuriösen Bedingungen: Kein Wunder, dass Berliner Ensemble und Castorfs Volksbühne inzwischen regelmäßig mit den österreichischen Festivals von Salzburg und Wien koproduzieren. Nun hat Mortier für sein Salzburg im Kohlenpott auch noch Frank Castorf als theatralischen Inititialzünder gewonnen. Castorf erschließt sich neue Quellen in Recklinghausen – auch weil eine Zusammenarbeit mit den Berliner Festspielen finanziell im Moment nicht machbar wäre. In Wien wiederum arbeiten Burgtheater und Festwochen Hand in Hand. Regisseure und Ressourcen ergänzen sich und binden einander ein. Auch beim Pariser Festival d’Automne weht der Festspielgeist auf den großen Bühnen.

Dagegen sehen sich die Berliner Festspiele mit ihrem begrenzten Spielraum zwangsläufig als zusätzliches Angebot. Sie haben ihre künftige Rolle, ihren Platz in der Hauptstadt noch nicht gefunden. Man muss nun auch erkennen, dass der Bund, nach dessen Engagement in Berlin immerzu gerufen wird, allein noch lange nicht die Lösung sämtlicher Probleme bringt. Die Berliner Festspiele und der Gropius-Bau, der schönste Ausstellungsort der Stadt, wurden zur gleichen Zeit vom Bund übernommen und – nun macht mal schön! – ins eiskalte Wasser geworfen. Das eingefleischte Berliner Tempo wirkt lähmend. Jedoch Beschleunigung ist nicht garantiert, wenn der Bund ins Spiel kommt.

Alles neu macht der Mai

Eingeklemmt zwischen all den Berliner Schwerkräften (die schnell zu Fliehkräften werden können, wenn man Kulturpolitiker, Opern- oder Philharmonikerintendant ist), dürfen sich die Festspiele nicht neutralisieren lassen. Ihr Zeitrahmen scheint nicht glücklich gesetzt. Wie soll man über Monate für ein durchaus ambitioniertes Programm Aufmerksamkeit schaffen, während rings herum, an den Bühnen und Konzerthäusern, eine neue Spielzeit beginnt? Fest-Wochen verlieren den Charakter des Besonderen, wenn sie sich hinziehen. Da droht die Anti-Klimax. Und im internationalen Festival-Kalender standen die Berliner Festspiele schon immer weit hinten, nach Wien, nach Salzburg, nach Avignon und Aix.

Wenn man sich eingesteht, dass eine Dauerbespielung des Festspielhauses (der ehemaligen Freien Volksbühne) aus räumlichen und finanziellen Gründen Illusion bleibt und wenn zugleich nicht damit zu rechnen ist, dass der Bund den Festspiel-Etat gewaltig erhöht, wird man die Kräfte konzentrieren müssen. Zu veränderten Spiel-Zeiten. Denkbar wäre eine Komprimierung des Festwochen-Programms auf zwei Wochen Ende August, Anfang September – im Gleichklang mit dem „Tanz in August“, schließlich will Markus Luchsinger, der Festwochen-Theatermann, die Grenzen zwischen Tanz und Sprech-Theater offen halten. Wozu braucht man zwei Berliner Festivals nacheinander? Und obendrein eine „In Transit“-Performance-Reihe im Haus der Kulturen der Welt, das organisatorisch mit den Festspielen unter einem Bundes-Dach steht.

Verlockender noch erscheint eine andere Variante für die Zukunft der Festwochen. Allen Debatten zum Trotz hat sich das Theatertreffen im Mai als krisenfester Selbstläufer erwiesen: Warum nicht die Dynamik des Theatertreffens nutzen für ein internationales Programm? Der Zeitpunkt wäre günstig. Das Publikum ist hungrig, die Spielzeit klingt aus, mit einem Höhepunkt im Festspielhaus.

Es gibt noch ein paar Unbekannte in dieser Rechnung. Was zum Beispiel wird aus dem Hebbel-Theater, dessen Programmauftrag ja auch internationale, experimentelle Gastspiele und Eigenproduktionen vorsieht. Auch hier: eine Hängepartie. Entscheidungsprozesse im Schneckentempo. Und was – man mag es nicht mehr hören – wird aus den Opern? Ob der Bund eingreift oder nicht, (k)eine Opernreform wird die Berliner Kulturlandschaft verändern, so oder so. Schneckenhäuser sind zerbrechlich.

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