Kultur : Kurzmeldungen

Berlins Staatsoper startet in die Ära Peter Mussbach – mit Donizettis „Liebestrank“, inszeniert von Percy Adlon Höhenluft macht müde

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Von Christine Lemke-Matwey

Es gibt Dinge auf der Opernbühne, die erweisen sich mit den Jahren als ganz besonders schal. Männer in Trenchcoats gehören dazu, aber auch Chöre im Gleichschritt. Insofern ist die Eröffnungspremiere der Ära Peter Mussbach an der Berliner Lindenoper schon in dem Moment gelaufen, da man den Fuß in den Saal setzt und entdeckt, dass der Orchestergraben bespielt werden wird. Sänger, die den Guckkasten fliehen, die sich auf dem schmalen Laufsteg zwischen Graben und erster Reihe, pardon, prostituieren müssen – ja, glaubt man denn hier an gar nichts mehr? Zirkusfaxen als letzter Trumph?

Nun ist es ja keineswegs so, dass wir uns nicht gern eines Besseren belehren ließen – wenn’s taugt, und wenn’s im Falle Donizetti etwas verrät vom Lachen, das im Halse stecken bleibt, und vom Komischen, welches lautlos ins Tragische kippt. „L’elisir d’amore“ (1832 uraufgeführt) erzählt die läppische Geschichte von Adina und Nemorino, die mit Hilfe eines Liebestranks schließlich zueinander finden. „Tristan“ für Belcantisten, Liebeshandlung light: Der Zaubertrank besteht aus mehreren Flaschen Bordeaux, Leichen gibt es keine, und Nemorino macht zum Happy End noch eine fette Erbschaft. Formal aber – und das ist das Spannende! – changiert Donizettis melodramma giocoso zwischen allen Gattungen. Hier wird jeder ungetrübten Buffa-Tradition der Boden entzogen, hier reißen sich zwei Figuren plötzlich die Brust auf und zeigen sich als gebrochene Charaktere, während alle anderen aus der gipsernen Welt der commedia dell’arte herübergrüßen.

Peter Mussbach aber wollte den kleinen Coup – und traute dem eigenen Haus nicht. Mit Daniele Callegari holte er einen Gastdirigenten, der vom Esprit, von den Brüchen dieser Partitur noch nie etwas gehört hatte (entsprechend schludrig gebärdete sich die Staatskapelle); mit Vladimir Stoyanov als derbem Belcore und Natale de Carolis als angestrengt chargierendem Wunderdoktor Dulcamara engagierte er Gastsänger, die ihr Geld nicht wert sind; und mit dem Filmregisseur Percy Adlon (“Out of Rosenheim“) verpflichtete er einen Selbstberufenen, dessen musikalische Fantasie sich darin erschöpfte, dass der Chor rüsselige Masken trägt und mit Bratpfannen fuchtelt (Kostüme: Kathi Maurer), während sich in Momenten der Rührung eine Partykugel dreht.

Das Ganze spielt in einem italienischen Bergdorf, Dulcamara bewohnt ein herzförmiges Wohnwägelchen, das Alpenpanorama glüht (Bühne: Frank Philipp Schlößmann). Vielleicht wollte sich Adlon hier als Achternbusch der Opernregie empfehlen. Jedenfalls wird mehrmals ein erlegter Gamsbock über die Szene geschleppt, und irgendwie ist ja auch alles nur inszeniert, nur Spiel im Spiel (mit Adriane Queiroz’ Giannetta als „Regisseurin“). Irgendwie ist einem das aber auch völlig egal.

Bleiben die beiden Liebenden: Dina Kuznetsovas Adina, die durch unebene Koloraturen und klirrende Höhen enttäuscht, und Rolando Villazons Nemorino. Ein hoch musikalischer, schnuckeliger Typ mit Knopfaugen und Löckchen, ein Ur-Komödiant, ein mexikanischer Mr. Bean. Schade, dass er sich grimassenschneidender- und pulloverärmelringenderweise meist selbst überlassen blieb. Und schade auch, dass sein agiler, ganz leicht kehlig eingedunkelter Tenor nicht einmal im Concertato des ersten Finales wirklich gefordert wurde. „Una furtiva lagrima“, die berühmte Romanze, sang er dann bei aller Makellosigkeit der Phrasierung mit etwas zu viel Druck, mit ein paar verführerischen Schluchzern zu viel. Aber ein Sänger allein macht ohnehin noch keinen Donizetti. Und eine neue Staatsopern-Ära schustert sich nicht aus ein paar billigen Etiketten zusammen.

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