Kultur : Kurzmeldungen

Arbeit im Steinbruch: Zwei neue Bände der Max–Weber–Gesamtausgabe ordnen die Schriften des Soziologen über (Religions-)Gemeinschaften neu Die entzauberte Welt

Bernhard Schulz

Max Webers Leben – er wurde 1864 in Erfurt geboren und starb 1920 in München – überspannt die hohe Zeit des Kapitalismus im expansiven Nationalstaat. Die Industrieländer sahen sich auf der Höhe der menschlichen Entwicklung, und alle Wissenschaft nahm für das bestehende Gesellschaftssystem das Prädikat der Vernunft in Anspruch.

Auch Webers Denken kreist um den Begriff der Rationalität und den Vorgang der Rationalisierung. Doch kommt er zu einer anderen Fragestellung: wie es hat kommen können, dass sich „auf dem Boden des Okzidents und nur hier“ jene spezifische Form der Rationalität entwickeln konnte, die sich als rationale Weltbeherrschung äußert und ihrerseits universalhistorische Bedeutung erlangt hat. Weber hat dafür den Begriff der „Entzauberung der Welt“ geprägt und auf das jüdisch–hellenische Denken zurückgeführt. Rationalität als Zweck–Mittel–Beziehung hingegen, so Webers Beobachtung, hat es stets und überall gegeben. Am allerwenigsten ist sie aufs bloße Wirtschaften beschränkt. Und eben auch für das Wirtschaften gilt nicht allein die Zweckrationalität der Ertragsmaximierung. Wie Weber in seinem berühmten Aufsatz über die „Protestantische Ethik“ von 1904 nachwies, können gänzliche irrationale Antriebe zu rationalen Folgen führen, so zur Entstehung des modernen „Berufsmenschen“ aus der calvinistischen Lehre.

Es hat einen langen und womöglich müßigen Streit um die Frage gegeben, ob die (vergleichende) Religionssoziologie oder aber das nachgelassene Opus „Wirtschaft und Gesellschaft“ als Hauptleistung Max Webers anzusehen sind. Es sollte als „Grundriß der verstehenden Soziologie“ die Gesamtheit der weit gespannten Erkenntnisinteressen Webers vereinen, zentrierend um die Rationalisierung. Generationen haben sich durch dieses rund 1100 Seiten umfassende Werk geschuftet – oder eben doch nicht, zerfiel es doch sichtbar in disparate Teile.

Die Kritik an den Editionsprinzipien zunächst Marianne Webers, der Ehefrau, die bereits 1925 eine Zusammenstellung des Titels herausgegeben hatte, und in der Nachkriegszeit dann Johannes Winckelmanns verdichtete sich in den siebziger Jahren. Friedrich Tenbruck wies die Unhaltbarkeit der bis dahin vorgelegten Zusammenstellungen 1977 in einem Aufsatz unter dem bezeichnenden Titel „Abschied von ,Wirtschaft und Gesellschaft’“ überzeugend nach – und löste allgemeine Ratlosigkeit aus, mangelte es doch an den originalen Manuskripten und einer vom Autor Max Weber zweifelsfrei diktierten Anordnung, aus denen sich der Aufbau dieses magnum opus hätte ergeben können. Das Jahrhundertwerk der „Max Weber Gesamtausgabe“ (MWG), die in diesen Jahren in Angriff genommen wurde, hat sich Tenbrucks Einwände schließlich zu eigen gemacht.

Über die Schulter schauen

Was im Rahmen der Herkulesaufgabe der auf 23 Bände angelegten MWG – ihr erster Band erschien 1984, ein Abschluss ist noch längst nicht abzusehen – unter dem Titel „Wirtschaft und Gesellschaft“ erscheint, ist ein Konvolut von fünf Bänden. Diese behandeln einzelne Abschnitte, die Weber selbst in den Zusammenhang des Gesamtwerks hat stellen wollen. Die MWG–Herausgeber Horst Baier, M. Rainer Lepsius, Wolfgang J. Mommsen und Wolfgang Schluchter „wollen Max Webers unvollendetes Hauptwerk nicht rekonstruieren“, schreiben sie lapidar; ihre historisch–kritische Edition „präsentiert Texte in ihrer überlieferten Form“. Genau darum hätte es schon immer gehen müssen.

Daraus folgt ein enormer Bearbeitungsaufwand. Denn es galt – und gilt für alle Leser –, Max Weber gewissermaßen bei der Abfassung seiner Manuskripte über die Schulter zu schauen und etwa den überwältigenden Kenntnisstand des Autors auf allen relevanten Fachgebieten nachzuvollziehen. Das ungeheure Abstraktionsniveau, das Webers Texte auszeichnet – und viele Leser der bisherigen Editionen von „Wirtschaft und Gesellschaft“ schon bei den einleitenden 40 Seiten der „Soziologischen Grundbegriffe“ entmutigte – ist der enormen Vorsicht geschuldet, sich auf die Annahme historischer Gesetzmäßigkeiten festzulegen.

Davon legen auch die mittlerweile erschienenen Teilbände 22/1 und 22/2 unter den Titeln „Gemeinschaften“ und „Religiöse Gemeinschaften“ Zeugnis ab. So besteht Band 22/1 aus neun einzelnen Texten, darunter der für Weber besonders wichtige, 1910 unvollendet abgebrochene Text „Machtprestige und Nationalgefühl“. In Band 22/2, der als eigene Fassung der später wiederaufgenommenen Religionssoziologie anzusehen ist, springt der Autor mühelos zwischen den Zeiten, Erdteilen und Weltreligionen hin und her, eben um eine bloße Ereignisgeschichtsschreibung einerseits, eine normative Entwicklungsgesetzlichkeit andererseits zu vermeiden. So wie er selbst den Begriff der „Chance“ als den der bloßen Wahrscheinlichkeit herausgearbeitet hat, dass ein bestimmtes Handeln bestimmte Folgen zeitigt, war es ihm darum zu tun, die universalhistorische Entwicklung keinesfalls als zwangsläufig verstanden zu wissen.

Schreiben und liegen lassen

Die vorliegenden Teilbände bieten, anders als der bereits zuvor publizierte Teilband „Die Stadt“ (22/5), nicht das Faszinosum eines einigermaßen geschlossenen und zudem historisch eingegrenzten Themas. Die „Gemeinschaften“-Bände verweisen in ihrer fragmentarischen Gestalt darauf, dass Max Weber die Arbeit an diesem Opus als Auftragsarbeit in einen weit größeren Rahmen, nämlich einen geplanten „Grundriß der Sozialökonomik“ gestellt wissen wollte. Ein Jahrzehnt lang hat Weber sich damit beschäftigt, hat mehrere Versionen von Teilgebieten erarbeitet, liegen gelassen, umgeschrieben, daneben eine ungeheure Fülle anderer Arbeiten bewältigt. Eine vollständige Systematik ist ihm nach dem „Stoffverteilungsplan“ von 1910 und einer neuerlichen Disposition des Gesamtwerks von 1914 nicht mehr vergönnt gewesen; er starb mitten in intensivster Arbeit in einer der verheerenden Grippewellen nach dem Ersten Weltkrieg.

Der besondere Wert der vorliegenden Teilbände liegt – wie stets bei der MWG – neben der Etablierung einer so weit als möglich gesicherten Textgestalt darin, Max Weber endlich in seinem historischen Kontext lesbar zu machen. Aus den schwierigen Texten schält sich die engagierte Auseinandersetzung des Soziologen mit seinen Zeitgenossen und ihren heute vielfach vergessenen Schriften heraus.

Gerade die Themen von Gemeinschaft und Gesellschaft, insbesondere das der religiösen Vergemeinschaftung, waren erstrangige Fragen der damaligen Soziologie. Webers Heidelberger Kollege Ernst Troeltsch verfolgte ganz ähnlich die Frage nach dem Verhältnis des Protestantismus zur Moderne. Doch Weber zielte mehr und mehr auf eine Synthese dessen, was er unter Rationalisierung in universalhistorischer Perspektive beobachtete, und was schließlich in die berühmte Formulierung über die drohende Zukunft der Menschheit mündete: Sie sah Weber in einem „stählernen Gehäuse der Hörigkeit“ unter der Bürokratie als der „formal rationalsten Form der Herrschaftsausübung“.

Dieser Gedanke aber weist über die beiden neuen Teilbände hinaus in die Herrschaftssoziologie, die seit jeher als Kern von „Wirtschaft und Gesellschaft“ gesehen wird. Ihr Erscheinen ist als vierter Teil der sechsbändigen Ausgabe vorgesehen.

Um den Gesamtzusammenhang auszumessen, empfiehlt sich ein Blick in die kürzlich erschienene Werkbiografie von Michael Sukale, „Max Weber: Leidenschaft und Disziplin“. Wie der Titel nahe legt, versucht das umfängliche Buch eine Integration oder zumindest doch Parallelisierung von Lebens– und Werkgeschichte. Das Unterfangen ist problematisch genug, wie gerade die überaus verzwickte Entstehung der einander überschneidenden Fragmente von „Wirtschaft und Gesellschaft“ belegt – von Webers schwieriger Persönlichkeit ganz abgesehen. Aber eine solche glättende Darstellung hilft als Einführung in das titanische Werk.

Webers Riesen–Oeuvre bleibt der Steinbruch, in dem jeder schürfen kann und muss. Nicht der geringste Beleg dafür ist die Tatsache, dass nach den beiden, noch aus persönlichem Erleben entstandenen „Lebensbildern“ von Marianne Weber (1926) und Eduard Baumgarten (1964) mit dem Buch von Michael Sukale neuerlich eine Darstellung entstanden ist, bei der die Sympathie mit der geschilderten Person den Textduktus bestimmt. Sie muss wettmachen, dass die so dringend benötigte wissenschaftliche Biografie auch weiterhin aussteht.

Max Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Die Wirtschaft und die gesellschaftlichen Ordnungen und Mächte. Nachlass. Teilband 1: Gemeinschaften, Teilband 2: Religiöse Gemeinschaften. Max Weber Gesamtausgabe, Band 22/1, XXVI, 402 Seiten, 129 €; Band 22/2, XXVI, 584 Seiten, 184 €.

Friedrich H. Tenbruck: Das Werk Max Webers. Gesammelte Aufsätze zu Weber, 1999. XXIV, 271 Seiten, 49 €. Michael Sukale: Max Weber. Leidenschaft und Disziplin. 2002. XXIV, 642 Seiten, 69 €. – Alle Bücher im Verlag J.C.B. Mohr (Paul Siebeck), Tübingen.

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