Kultur : Kurzmeldungen

Sie waren Gelehrte und Aristokraten, Kardinäle und Kaufleute – die Kunstsammler Venedigs. Nun zeigt die Bonner Bundeskunsthalle ihre Besitztümer aus Jahrhunderten Die Schätze des Schönen

Christina Tilmann

Wie spannend Sammlungsgeschichte sein kann, bewies letztes Jahr die Ausstellung zur römischen Sammlung Giustiniani im Alten Museum Berlin. Auch die Sammlung Farnese, die 1995 im Münchner Haus der Kunst zu sehen war, zeigte eine ähnliche Mischung aus sicherem Blick für Qualität und eigenem, unverwechselbaren Geschmack.

Was Rom recht war, ist Venedig nur billig. Auch die Dogenrepublik hatte ihre Sammlerpersönlichkeiten, die die Kunst in der Stadt zur Blüte brachten und zugleich den Grundstein legten für ihren fortdauernden Reichtum. Eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle hat es sich nun zum Ziel gesetzt, zusammen mit den Musei Civici Veneziani diese Sammlungen und ihren Einfluss zu rekonstruieren. Mit über 350 Objekten verspricht sie einen Überblick vom 13. bis 19. Jahrhundert, eine Kulturgeschichte Venedigs im Spiegel seiner Sammler.

Im Entree lernen wir sie alle kennen: den Notar Oliviero Forzetta, der im 14. Jahrhundert seinen Angestellten „Einkaufszettel“ schrieb, um bestimmte Handschriften zusammenzutragen; den Kardinal Bessarion aus Byzanz, der es sich im 15. Jahrhundert in den Kopf setzte, eine griechische Nationalbibliothek in Venedig zu gründen und damit den Grundstein der Markusbibliothek legte. Oder im 16. Jahrhundert die Familie Grimani, eine der mächtigsten Adelsfamilien Venedigs, die mit 200 Antiken, 500 Gemälden und einer großen Bibliothek die reichste Sammlung des „Siglo d’Oro“ zusammentrug und in ihrer „Schatzkammer“ präsentierte. Und schließlich geschickte Kaufleute wie Teodoro Correr, der aus der Notlage Venedigs nach der Besetzung durch die Österreicher Gewinn schlug und Kunst zu Dumpingpreisen ankaufte. Sein Palazzo am Canal Grande, heute Sitz des Museo Correr, war voller Meisterwerke, Kopien und Fälschungen, eng gehängt bis unter die Decke.

In ihren Porträts erstehen sie noch einmal: die feinsinnigen Gelehrten und kühlen Aristokaten, feisten Kardinäle und gut kalkulierenden Kaufleute. Maler wie Tizian, Tintoretto, Palma Il Giovane und Giovanni Battista Moroni haben sie porträtiert. In einem imaginären Consiglio finden sie sich in Bonn zusammen, ernste Gestalten, die nur wenig vermuten lassen von der bunten Pracht, die sie in ihren Sammlungen horteten.

Wer sich allerdings, geleitet vom Markuslöwen, in Bonn dann aufmacht auf den Gang durch die Jahrhunderte, findet wenig von der Konzentration und Dichte, die das Entree erhoffen ließ. Natürlich waren viele Sammlungen selbst eher Sammelsurien aus Handschriften, Schmuck, Kunstgewerbe, Bildern, Antiken, Karten und Münzen. Die Bonner Präsentation, streng geordnet nach Jahrhunderten, löst sie jedoch noch weiter auf – bis zur Beliebigkeit.

So finden auch die Scuole, die mittelalterlichen Bruderschaften, Aufnahme, die sich ihre Gebäude gern von venezianischen Künstlern ausschmücken ließen. Zyklen wie Vittorio Carpaccios kindlich-erzählfreudigen Marienzyklus aus der „Scuola degli Albani“ erstmals wieder vereint zu sehen, ist sicherlich ein Höhepunkt der Ausstellung – als prägnante Sammlerpersönlichkeit ist die Albaner-Bruderschaft dagegen kaum zu bezeichnen. Auch die Ausführungen zur Blüte der Buchdruckkunst im 15. Jahrhundert, als Venedig die Buchdruckerstadt Europas war, sind kulturhistorisch bedeutsam, aber kaum im Kontext der Kunstsammlungen. So scheinen die Kuratoren, den Reichtum der Lagunenstadt vor Augen, häufig der Versuchung erlegen zu sein, statt einer konzentrierten Sammlungsgeschichte eine allgemeine Kulturgeschichte Venedigs zu bieten.

Erst gegen Ende des 18. Jahrhunderts, als sich Venedigs Familien selbst restaurativ an ihren Ruhm klammerten und ihre alten Sammlungen bestenfalls ergänzten, kommt noch einmal etwas von dem Pioniergeist auf, der die Sammler früherer Jahrhunderte angetrieben hatte. Ortsfremde wie der deutsche Feldmarschall Graf von der Schulenburg, der Venedig gegen die Türken verteidigte, oder der englische Konsul Joseph Smith trugen Kollektionen nach eigenem Geschmack zusammen: hier Schlachtenbilder, dort eine erlesene Sammlung von Zeichnungen. Ende des 19. Jahrhunderts schließlich inszenierte sich der Künstler, Maler und Erfinder Mariano Fortuny inmitten einer exzentrischen Atelierwelt von Tausenden von Reproduktionen und Abbildungen selbst – eine Figur wie von Henry James oder Gabriele d’Annunzio. Die Geschichte venezianischer Sammlungen ist eben doch am spannendsten dort, wo sie die Geschichte ihrer Sammler ist.

Venezia! Kunst aus venezianischen Palästen. Kunst- und Ausstellungshalle der Bundesrepublik Deutschland in Bonn, bis 12. Januar 2003. Katalog (Hatje Cantz) 34 Euro.

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