Kultur : Kurzmeldungen

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Am Anfang war der Lärm. Gewisper, Gekicher im ersten Rang des Berliner HebbelTheaters. Eine Busladung holländischer Jungstudenten, die es offenbar urkomisch finden, dass ein Mann im Rollkragenpullover den Orchestergraben betritt und sich verbeugt. Nach ein paar Minuten reißt Rüdiger Bohn, dem musikalischen Chef der Zeitgenössischen Oper Berlin, allerdings die Geduld: „Entweder es ist jetzt sofort Ruhe, oder Sie verlassen den Saal!“ Das wirkt. Den Rest besorgt Salvatore Sciarrinos Musik, für die aufs erregendste gilt, was der 55-jährige Italiener seiner zweiaktigen Oper „Die tödliche Blume“ (uraufgeführt 1998 bei den Schwetzinger Festspielen) als Motto vorangestellt hat: „Die Zeit der Stille und der Risse ist angebrochen.“ Eine Musik, die sich gleichsam nackt macht, entkleidet, und die mit weitem Atem und somnambuler Souveränität auf jedes opernhafte Pathos, ja auf nahezu alle Gesten des Dramatischen verzichtet. Sciarrino schürt keine strukturellen oder klanglichen Konflikte, sondern saugt das Ereignishafte seiner Partitur aus der Innenschau der wiederum weniger handelnden als sich entäußernden und sich in eben diesen Entäußerungen permanent spiegelnden, ja einspinnenden Personen. Die Geschichte, die auf einen Text aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht, beschwört archaische Geschlechterfragen: Frau betrügt Mann mit einem namenlosen „Gast“ (dem entzückenden Countertenor David Cordier), wird vom Diener (Dorin Mara) verraten und zum bösen Ende hin umgebracht. Ein Liebestod, der seiner Implosivkräfte wegen szenisch sehr wohl etwas Fleischlichkeit und pulsierende Leidenschaft verdient hätte. Regisseurin Sabrina Hölzer und ihr Ausstatter Etienne Pluss beschränken sich allerdings aufs so genannte Abstrakte, lassen vor weißer Operafolie respektive in einer leeren Kammer spielen und bei sparsamer Choreografie frontal in den Saal singen – und doppeln so holzschnittartig, was die Musik viel klüger sagt und vor allem: viel riskanter. Márta Rózsa als die Frau (La Malaspina) und Jonathan de la Paz Zaens als der Mann (Il Malaspina) aber versehen ihre virtuos-lautsprachlichen Partien mit Verve, auch das Orchester der Zeitgenössischen Oper unter Rüdiger Bohn legt höchste Disziplin an den Tag – und nach knapp 80 Minuten schweigt sogar die holländische Busladung hübsch fein still. (Bis 20. Oktober, jeweils 20 Uhr) Le. Foto: DRAMA

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