Kultur : Kurzmeldungen

Als Bernd und Hilla Becher erstmals ihre Fotografien anonymer Bauten der Bergbaureviere präsentierten, wollten viele die Bilder nur als Dokumente akzeptieren. Heute zählen sie zu den bedeutendsten Vertretern der Gegenwartskunst. Am Mittwoch erhalten sie den Erasmus-Preis Die Augenzeugen des Industriezeitalters

Bernhard Schulz

Mit dem Alter kommen die Auszeichnungen. Am nächsten Mittwoch werden die Fotografen Bernd und Hilla Becher in Amsterdam mit dem niederländischen Erasmus-Preis geehrt, der zu den angesehensten und, dank seiner Dotierung von 150000 Euro, zugleich einträglichsten europäischen Kulturpreisen zählt. Der Praemium Erasmianum wird seit 1958 „für überragende Leistungen“ vergeben, die einen „für Europa wichtigen Beitrag auf kulturellem, sozialem oder sozialwissenschaftlichem Gebiet“ leisten. Zu den bisherigen Preisträgern zählen Persönlichkeiten wie Karl Jaspers, Ingmar Bergman und Henry Moore.

Das Geld hätten „die Bechers“, wie sie stets genannt werden, in früheren Jahren gut brauchen können. Zu Beginn seiner Fotografentätigkeit fuhr das Ehepaar mit einem alternden VW-Bus durch halb Europa und verbrachte Woche um Woche in unwirtlichen Industrieregionen, nur um mit stoischer Gelassenheit Kühl- und Fördertürme, Kalköfen und Gasbehälter, Silos und Hüttenwerke abzulichten: „Wir lebten im Bus.“ Ob ihre Anfangszeit schwer gewesen sei, wurde Hilla Becher gefragt: „Eigentlich die ersten 25 Jahre“, so ihre lakonische Antwort.

Das ist Vergangenheit. Die Bechers, er 1931 in Siegen geboren, sie Potsdamerin des Jahrgang 1934, zählen zu den unbestrittenen Größen der Gegenwartskunst. In den vergangenen Jahren wurden ihnen die wichtigsten Auszeichnungen der Kunstwelt zugesprochen, vom Goldenen Biennale-Löwen 1990 (für Skulptur) bis zum Goslarer Kaiserring (undotiert!) 1994. Zudem hat ihr Heimat-Bundesland Nordrhein-Westfalen mit seinem Staatspreis 2001 endlich anerkannt, was die Bechers – wahre Feldforscher der Industriearchäologie – für die historische Erinnerung von Ruhrgebiet und Siegerland getan haben, während NRW selbst sich unter dem Schutzschild der „Modernisierung“ gedankenlos seiner Vergangenheit entledigt hat wie eines schäbig gewordenen Mantels.

Das Werk der Bechers oszilliert im Urteil seiner Betrachter zwischen Kunst und Dokumentation. Das Ehepaar, seit 1959 gemeinsam tätig und zwei Jahre später erst verheiratet, fotografiert beinahe ausschließlich Industriebauten. Anfangs galt das Interesse den Fachwerkhäusern der Siegerländer Heimat Bernd Bechers. Aber auch da gab es zwischen den grünen Hügeln Industrie, Bergbau in engen Tälern und bereits im Untergang begriffen. Indem sich der Aktionsradius der Bechers erweiterte, wurden sie zu Chronisten dieses Untergangs in halb Europa – des Verschwindens der Zeugnisse des Industriezeitalters in ihrer eindrucksvollsten, aber auch bedrückendsten Gestalt, den Bauten der Montanindustrie. Das Ruhrgebiet, die wallonischen Provinzen, Lothringen und Luxemburg, Mittelengland und Wales sind die Stammreviere der Bechers, dazu der rust belt der USA.

Die nüchternen, distanzierten, in ihrer Bildsprache aufs Engste verwandten Ansichten der Bechers haben das Verschwinden selbst allerdings nie thematisiert. Erst hinterher, als die Abzüge fertig waren, stellte sich heraus, wie viele der portraitierten Bauten unterdessen beseitigt worden waren. Die – ausschließlich schwarz-weißen – Aufnahmen der Bechers sind ohne jede Dramatik, ja das Gegenteil aller Dramatisierung. Sie konstatieren, was im Moment der Aufnahme vorhanden ist; doch so, dass dem flüchtigen Moment zeitlose Monumentalität zuwächst. Der Augenblick verwandelt sich in Dauer.

Ihre Aufnahmen haben die Bechers von Anbeginn an nach Gebäudetypen sortiert; ihr Archiv dürfte eines der größten und wichtigsten zur Industriegeschichte bilden. Diese typologische Ordnung spiegelte sich in ihren Ausstellungen und Publikationen. Auf faszinierende Weise wurde dabei deutlich, dass die namenlose, scheinbar serielle Architektur all dieser Nutzbauten unendlich variationsreich ist. Kaum, beinahe nie gleichen zwei Gebäude einander. Auf zu neun, zwölf oder fünfzehn Aufnahmen geordneten Tafeln, scheinbar wahllos aus den verschiedensten Ländern und Aufnahmejahren zusammengestellt, offenbaren die Bauten einen bemerkenswerten Formenreichtum bei starker Verwandtschaft in ihren konstruktiven Grundgedanken.

Ihr erstes Buch, 1970 erschienen, trägt den doppeldeutigen Titel „Anonyme Skulpturen. Eine Typologie technischer Bauten“. Als „Typologie“ mochten die Aufnahmeserien der Bechers beim damaligen Publikum durchgehen; doch die abgebildeten Bauten als „Skulpturen“ zu verstehen, überstieg die seinerzeit herrschende Vorstellungskraft.

Als Fotografie ist das Vorgehen der Bechers eingebettet in die künstlerische Geschichte dieses Mediums, zugleich als Dokumentation der industriellen „Architektur ohne Architekten“ verpflichtet; beides in einer Balance haltend, die den singulären Rang ihres Werkes kennzeichnet.

Begonnen hat Bernd Becher als bildender Künstler, doch „ab einem bestimmten Punkt ließ sich der Anspruch auf äußerste Präzision nicht mehr erfüllen.“ So kam er zur Fotografie. Es begann die Zusammenarbeit mit der gelernten Fotografin Hilla Wobeser, aus der eine Arbeits- und Lebensgemeinschaft wurde: „Wir haben sehr ähnliche Vorstellungen“, so Bernd Becher knapp. Die mit einer traditionellen Plattenkamera gefertigten Aufnahmen der Bechers gewinnen ihre Kraft aus einer Präzision, wie sie das bloße Auge nie zu erfassen vermag. Die Nähe zur Fotografie der Neuen Sachlichkeit der zwanziger Jahre ist oft betont worden. Die Faszination für Geschwindigkeit und die Rhythmik der Maschine freilich ist den Bechers fremd. Dynamische Perspektiven kommen in ihrem Werk nicht vor, stürzende Linien sind streng verpönt. Gleichmäßiges, schattenloses Licht aus hellgrauem Himmel bewirkt und unterstreicht die absolute Gleichrangigkeit sämtlicher Details. Die meisten Ansichten zeigen ihren Gegenstand frontal, vollständig in die Fläche gebannt, die durch die ausdrückliche Vermeidung atmosphärischer Stimmungen als neutrale Folie wirkt.

Erst in ihrer jüngsten, soeben in ihrem Hausverlag Schirmer/Mosel veröffentlichten Publikation „Industrielandschaften“ weitet sich der Blick zur ungewohnten Totale, kennt Vordergrund oder Bilddiagonalen. Und mit dem wegen der langen Belichtungszeiten verwischten Rauch aus Schloten und dem Dampf aus Kühltürmen gibt es auch einen Hinweis auf Zeitlichkeit und Vergehen.

Nach Vorbildern gefragt, nennen die Bechers Walker Evans, Eugène Atget – und natürlich August Sander. Auch der war ein Typologe, freilich mit seinem unabgeschlossenen Lebenswerk der „Menschen des 20. Jahrhunderts“ ein Soziologe mit der Kamera. Mit seinem enzyklopädischen Anspruch berührt sich die Arbeit der Bechers am innigsten. Die Verbreitung von Sanders damals beinahe vergessenem Werk haben sie früh gefördert.

Die Irritation war groß, als die ersten Becher-Fotografien auf großen Kunstausstellungen auftauchten. Auch dies ist Vergangenheit. 1972 wurden sie erstmals zur Documenta eingeladen, der legendären „d5“, in diesem Sommer waren sie bei der Documenta 11 ein weiteres Mal dabei. Seit Bernd Becher 1976 eine Professur für Fotografie an der Düsseldorfer Kunstakademie übernahm – die Vorlesungen fanden eher im (gemieteten) Wohn- und Archivhaus der Bechers statt –, bildete sich jene „Becher-Schule“, die heute die deutsche Gegenwartskunst dominiert, mit Namen wie Thomas Struth, Thomas Ruff, Andreas Gursky oder der am unbeirrtesten der protestantischen Ethik ihrer Lehrer folgenden Candida Höfer – die ihnen übrigens in der soeben erschienenen Festschrift ein persönliches Denkmal setzen.

Ihr eigenes Werk, von dem auch ein gutes Dutzend reich bebilderter Bücher nur Ausschnitte zeigen kann, wird zukünftig in Kooperation mit der Kölner „Stiftung Kultur“ erschlossen – jener Einrichtung, die den umfangreichen Sander-Nachlass betreut. Und gleich ihrem Vorbild werden sie an ihrem prinzipiell unabschließbaren Lebenswerk weiterarbeiten. „Die Sache steht für sich“, so ihr Credo: „Was übrig bleibt, sind Bilder.“

Soeben erschienen: Bernd und Hilla Becher: Industrielandschaften. 272 S., 180 Tafeln, geb. 68 €. – Festschrift Erasmuspreis 2002. 168 S., 68 Abb., 60 Tafeln, geb. 39,80 €. – Beide im Verlag Schirmer/Mosel, München.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben