Kultur : Kurzmeldungen

1911 protestierten 140 deutsche Künstler gegen den Ankauf des Gemäldes „Das Mohnfeld“ von Vincent van Gogh und die französische Moderne. Die Bremer Kunsthalle zeigt den Streit in neuem Licht – und präsentiert van Gogh als Revolutionär der modernen Malerei Das Feld des Missvergnügens

Bernhard Schulz

Es fällt heutzutage schwer, das Ausmaß der Empörung zu begreifen, das van Goghs Bilder einst auslösten. Das harmlose Gemälde eines von leuchtend rotem Klatschmohn durchsetzten Kornfeldes löste 1911 einen Streit aus, der die schwelenden Konflikte auf Deutschlands Weg ins 20. Jahrhundert grell beleuchtet. Das Gemälde, vom Trägerverein der Kunsthalle Bremen Ende 1910 für 30000 Mark erworben, geriet zum Symbol des Zerwürfnisses über die von Frankreich ausgehende Kunst der Moderne und das Verhältnis von nationaler und „fremder“ Kultur.

Der „Protest deutscher Künstler“, 1911 von dem Bremer Maler Carl Vinnen angeregt, gehört zu den geläufigen Fußnoten der Kunstgeschichte – Symptom eher als Wegscheide. Den Konflikt, den die Bremer Kunsthalle unter ihrem Direktor Gustav Pauli durchzustehen hatte, gab es zeitgleich in mehreren Städten des Deutschen Reiches. Der Grundsatzstreit eskalierte am stärksten in Berlin, wo jede Auseinandersetzung um einen Ankauf der Nationalgalerie das Selbstverständnis des wilhelminischen Reiches berührte.

Der Bremer Streit hingegen ist ein Streit unter Künstlern und Kunstvermittlern; ein Konflikt, der die Bruchlinie zwischen Beharrung und Fortschritt innerhalb des Bürgertums selbst markiert. Man staunt, dass es bislang kein Museum unternommen hat, diesen Streit an Hand der Kunstwerke selbst darzustellen – und so, nebenbei, den Abstand erkennbar zu machen, der das heutige Sehen vom damaligen trennt.

Die Kunsthalle Bremen, durch ein glückliches Schicksal unverändert im Besitz „ihres“ van Gogh – dessen Werke in anderen Museen der NS-Aktion „Entartete Kunst“ zum Opfer fielen –, holt das Versäumnis nun glanzvoll nach. Die Ausstellung „Van Gogh: Felder. Das ,Mohnfeld’ und der Künstlerstreit“ führt den Anlass des Protestes im Zusammenhang zahlreicher weiterer, zwischen 1889 und dem Tod des Künstlers 1890 entstandener Werke vor. Den Streit selbst illustriert sie mit einer Gegenüberstellung: Sie zeigt sowohl Arbeiten der protestierenden wie auch derjenigen Künstler, die mit einer Veröffentlichung „Im Streit um die Kunst“ entgegneten. Dabei wird überraschenderweise deutlich, dass sich die ästhetischen Positionen so stark nicht unterschieden: Der „Protest“ war, mit einem damaligen Wort, zuvörderst ein „Brotkorbstreit“, ein Konflikt um Geld und Einkommen.

Indem die Bremer Kunsthalle ihr „Mohnfeld“ mit knapp 50 weiteren Gemälden und Zeichnungen Vincent van Goghs zusammenbringt, verfolgt sie allerdings über die Darstellung des nur mehr historisch interessierenden „Protestes“ von 1911 hinaus ein weiter gehendes Ziel. Wie bei kaum einem zweiten Künstler hat sich bei van Gogh das landläufige Klischee vom peintre maudit, dem vom Schicksal verfluchten, im Falle van Goghs: geisteskranken Künstlers verfestigt. Der schlichten Erklärung der eruptiven, expressiven Bilder van Goghs mit dessen Krankheit sucht die Ausstellung eine sorgfältige, Bild auf Bild belegte Analyse der künstlerischen Probleme und Lösungen des FastAutodidakten van Goghs entgegenzustellen.

Das hoch gesteckte Ziel wird auf überzeugende, ja grandiose Weise erreicht. Mit der bloßen Opulenz herkömmlicher„Übersichtsausstellungen“ hat das Bremer Vorhaben nichts gemein. Indem es sich auf einen eng begrenzten Zeitabschnitt in der ohnehin kurzen Reifezeit van Goghs beschränkt, lehrt sie die feinen Nuancen und zugleich enorme Spannweite der Formensprache des 1853 geborenen Niederländers zu sehen.

Ende 1888 scheiterte van Goghs Versuch, mit dem als wesensverwandt empfundenen Paul Gauguin eine Arbeitsgemeinschaft im südfranzösischen Arles zu begründen. Die Künstler trennten sich im Streit, van Gogh verstümmelte sein rechtes Ohr. Seine rätselhafte Krankheit brach aus, jene Anfälle, die ihn immer häufiger überfielen und lähmten. Im Mai 1889 ließ sich van Gogh in der Heilanstalt des nahen Städtchens St.Rémy internieren, wo er ein ganzes Jahr bleiben sollte.

Der Blick ins Freie

In dieser Anstalt konnte van Gogh, sobald es ihm besser ging, zunächst zeichnen und dann malen; er erhielt sogar zusätzlich zu seiner Schlafkammer im Obergeschoss mit Blick in die Weite ein „Atelier“ zu ebener Erde. Nach vier Wochen durfte der Künstler erstmals das Gelände des aufgelassenen Klosters verlassen – und wählte als erstes Motiv jenes Kornfeld, das er tagtäglich vom Fenster seiner Schlafkammer aus sehen konnte.

Wegen der raschen Arbeitsweise van Goghs ist die genaue Rekonstruktion der zeitlichen Abfolge der Gemälde unabdingbar. Das Bremer Vorhaben leistet sie – nicht allein im vorzüglichen, auf Dauer unentbehrlichen Katalog, sondern im Aufbau der Ausstellung selbst. Sie ist eine einzige Augenweide. Bild für Bild lässt sich der Erkenntnis- und Schaffensprozess des Künstlers verfolgen.

Zunächst musste er sich auf das ummauerte Anstaltsareal beschränken. Es entstehen Ansichten der Heilanstalt und ihres Gartens in herkömmlicher Perspektive, dazu Blicke aus dem Fenster wie „Kornfeld, nach dem Unwetter“ im Juni 1889. Ebendieses Feld wählt van Gogh als erstes Motiv nach dem Verlassen der Anstaltsmauern. Er senkt den Blick auf Grün und Rot – ein „Simultankontrast“, der ihn wie alle Künstler seit dem Impressionismus interessierte –, führt aber das Auge des Betrachters zugleich in die Ferne – um dort jeden Horizont, jeden Streifen Himmel zu verweigern.

Der Wechsel von Nah- und Fernsicht wird für das Jahr in St.Rémy prägend. Van Gogh verschmilzt fallweise Raumillusion und Flächigkeit wie ihm „Mohnfeld“, verwendet aber zugleich klassische Kompositionen wie bei den „Großen Pinien“, ein Bild übrigens, das Karl Ernst Osthaus bereits 1905 für sein privates, später von der Stadt Essen erworbenes „Folkwang-Museum“ erwarb.

Links und rechts des Rheins

Das ist mehr als ein sammlungsgeschichtliches Detail. Van Gogh wurde nach der Jahrhundertwende, mehr als ein Jahrzehnt nach seinem Tod 1890, als Wegbereiter der Moderne anerkannt – zumal in Deutschland. 1908 gab es, ausgerichtet von der Berliner Galerie Cassirer, eine Ausstellungstournee durch verschiedene deutsche Städte, mit der weitere Ausstellungen parallel liefen. Privatsammler und dann auch Museen begannen Bilder von van Gogh zu erwerben. Bis 1914, so hat es Walter Feilchenfeldt, Züricher Erbe der Galerie von Paul Cassirer, nachgewiesen, befanden sich 120 Werke des Künstlers in deutschen Sammlungen – heute gerade noch ein Dutzend in hiesigen Museen. Die Sammlungsgeschichte van Goghs ist auch ein bitteres Indiz für die geistige Selbstverstümmelung Deutschlands nicht erst zur NS-Zeit.

Der Protest der 140 Unterzeichner von 1911 richtete sich denn auch gegen angeblich überhöhte Preise für van Gogh und die ganze französische Malerei. Die chauvinistischen Untertöne – in der von „Erbfeind“-Parolen aufgeheizten Atmosphäre vor dem Ersten Weltkrieg – verschleiern nur, dass es vor allem um Pfründe ging. Carl Vinnen und die Mehrzahl seiner Mitstreiter waren als Künstler wohlsituiert. Vor allem aber übergehen sie, dass die seinerzeit für deutsche Künstler, voran Menzel, Leibl oder Böcklin, gezahlten Ankaufspreise noch deutlich höher ausfielen. Die Bremer Kunsthalle hat akribisch ermittelt, dass die vom „Protest deutscher Künstler“ angegriffenen Museen zudem für Werke deutscher Künstler insgesamt mehr Geld aufgewendet haben als für die der Franzosen, die in weit weniger zahlreichen, oft freilich spektakulären Fällen in öffentliches Eigentum gelangten.

Die gegen van Gogh polemisierten, sind heute in der Mehrzahl vergessen. Unter den 75, die ihnen antworteten, finden sich Namen wie Liebermann, Corinth oder Slevogt – aber auch Marc, Macke und Kandinsky. Die Bremer Ausstellung schließt mit einer Gegenüberstellung der künstlerischen Positionen: und siehe da, sie alle waren mehr oder minder stark vom Impressionismus geprägt. Nur die jungen Expressionisten des „Blauen Reiters“ verstießen gegen die Konventionen der Allgemeingut gewordenen Pleinair-Malerei – und fanden sich ihrerseits etwa von Liebermann missbilligt.

So steht der Bremer Ankauf des „Mohnfeldes“ an einem doppelten Wendepunkt. Zum einen wurde van Gogh, zwanzig Jahre zuvor als Irrer verlacht, um 1910 als Hauptvertreter der Moderne museumswürdig. Im selben Moment aber betrat mit dem Expressionismus eine Richtung die Bühne, die sich zwar auf van Gogh berufen durfte, mit der von diesem zu einer letzten Hochblüte geführten abbildenden Malerei indessen brach.

Nicht in Frankreich, sondern östlich des Rheins hatte die moderne Kunst ihre engagiertesten Fürsprecher – ein Befund, der durch den rückwärts gewandten „Protest deutscher Künstler“ nur unterstrichen wird. An diese Zeit mit einer so vorzüglichen Ausstellung zu erinnern, darf seitens der Bremer Kunsthalle auch als Ermutigung zum Engagement heute begriffen werden.

Kunsthalle Bremen, Am Wall 207, bis 26. Januar 2003. Katalog 25 €. - Alle wichtigen Informationen unter: www.van-gogh.de

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