Kultur : Kurzmeldungen

Sandra Luzina

Wir träumen. Oder wir werden geträumt. Dies lehrt uns Marie Brassard in ihrem Traumspiel „Jimmy“. Das wunderbare Solo ist die erste Regiearbeit der kanadischen Schauspielerin, die eine enge Mitarbeiterin des Bühnenmagiers Robert Lepage ist. Im Rahmen der Berliner Festwochen ist das Stück nun in den sophiensälen zu sehen. Jimmy ist ein Traumgeschöpf – ein faszinierendes Zwitterwesen, halb Mann, halb Frau, mal Kind, mal Erwachsener. Marie Brassard spielt ihn mit elektronisch verfremdeter Stimme, leiht ihm eine androgyne Erscheinung. Versunken lauscht er anfangs einer altmodischen Sehnsuchtsmelodie – zeigt uns den schönen nackten Rücken. Und schreckt plötzlich auf aus einem Traum – dem Traum einer Anderen, eines Anderen. Marie alias Jimmy trägt einen grauen Männeranzug, kurz blitzt eine Frauenbrust unter weißem Hemd auf, später wird er/sie in rote Frauenschuhe schlüpfen. Die langen schwarzen Haare geben der Figur etwas märchenhaft-verwunschenes. Rapunzel, Rapunzel – schon ist sie das kleine Mädchen mit Piepsstimme. Die bedrohte Unschuld. Zunächst findet Jimmy sich aber als schwuler Friseur in einem New Yorker Barbershop wieder, der sich in seinen schönen Kunden Mitchell verliebt. Als er sich ihm zu einem ersten Kuss nähert – bricht der Traum abrupt ab. Denn dies war die Fantasie eines homophoben Generals – und der lässt Jimmy einfach hängen. Schon hier dreht Brassard die Kons- truktion ins Aberwitzige, und macht sich gleichzeitig auf witzig-intelligente Weise über verzopfte Schwulen-Klischees lustig.

Aber das Verlangen zittert in Jimmy nach – und eigentlich ist dieses Traumgeschöpf nichts als die Spur einer Erregung. Denn Träumen und Begehren sind eins bei Marie Brassard. Und so erzählt dieser Abend auch vom Schrecken – und von Verboten. Traum von einer Lust, die sich nicht erfüllt. Verwundert findet sich Jimmy in einer Zoohandlung wieder, und da ist dieser Fisch, den er streichelt und der immer größer wird…

Eine Schauspielerin ist es, die ihn nun weiterträumt, die ihn durch manchen Tumult hetzt. Und dann ist da noch die Mutter der Schauspielerin, die über die Abwesenheit von Liebe monologisiert. Sie will auch in diesem Jimmy-Körper wohnen, und sie ist gar nicht erfreut, dass sie ihn sich mit einem schwulen Friseur teilen muss. Und Jimmy weint immer noch heiße Tränen um Mitchell. Eine Liebe, die sich nicht erfüllt – die aber weitere Träume gebären wird. Ein Labyrinth der Träume ist es, in das Marie Brassard entführt – man weiß nicht mehr, ist dies ein Traum oder ein Traum im Traum? Bald erfüllt den Zuschauer ein leichter, angenehmer Schwindel. Die Metamorphosen des Jimmy – sie erzählen von den Masken des Begehrens. Kein schriller Travestie-Klamauk, kein modischer transgender-Diskurs: Marie Brassard stellt die polaren Kräften dar, die in jedem Menschen im Widerstreit liegen. Und natürlich ist der Abend eine Metapher für die Lust am Kreieren, für die Triebkräfte des schöpferischen Prozesses. Nein, es wird nie aufhören, seufzt Jimmy. Der den chaotischen Traumenergien der Schauspielerin ausgeliefert ist. Schlimmer aber wäre es, nicht mehr geträumt zu werden. Ein traumklares Solo, über die Liebe und das Theater (Foto: Drama).

Wieder am 26. und 27. Oktober, sophiensäle, 20 Uhr.

0 Kommentare

Neuester Kommentar