Kultur : Kurzmeldungen

Katrin von Tippelskirch

DAUMENKINO

Eine Frau, die Lider geschlossen und den Kopf leicht geneigt. Klick! Langsam dreht sich ihr Hals nach vorne. Klick! Eine Männerhand kommt ins Bild, berührt ihr Gesicht. Klick! Ein kurzer Augenaufschlag. Klick! Für einen Moment der verletzliche Blick, scheu, fragend. Klick! Die Lider senken sich wieder. Es ist vorbei. Sechsunddreißig Bilder, jeweils im Tempo von drei Fotos pro Sekunde geschossen: das sind zwölf Sekunden einer intimen Berührung. Aufeinander gelegt und seitlich gebunden ergeben sie ein Daumenkino. Vier Frauen hat der selbsternannte „Daumenkinograph“ Volker Gerling für sein neuestes Werk, „Die Ungleichzeitigkeit der Berührung“, fotografiert (Galerie Engler & Piper Kastanienallee 67, bis 7. November, täglich 13 bis 20 Uhr). Die Augenblicke des Entstehens seien meist von „erschreckender Brutalität“, denn die Kamera fängt gnadenlos im Drei-Sekunden-Takt Bewegungen ein, die viel über das Seelenleben der Frauen preisgeben. Für den Bruchteil einer Sekunde: eine wohlgeformte Frauenbrust. Dann die Männerhand, die die langen Haare der Frau nach vorne streicht, um die Haut wieder zu verdecken. Während übliche Filme mit vierundzwanzig Bildern pro Sekunde am Auge des Betrachters vorüberziehen und Bewegung simulieren, besteht das Daumenkino überwiegend aus Leerstellen. Um sie zu füllen, muss der Betrachter seine ganz persönliche Vorstellung von der „Wirklichkeit der Zeit“ einsetzen. Lässt man die Bilder nun schnell oder langsam, vor- oder doch eher rückwärts durch die Finger gleiten? Volker Gerling nennt sich selbst einen „Sezierer der Zeit“. Denn die Bilder sind bloße Sequenzen, sagt er, und entlarven – gerade in der Beliebigkeit ihrer Abspielbarkeit – die „Illusion der Kontinuität der Zeit“. Einsteins schwarze Löcher spielen hier eine Rolle, die Relativitätstheorie ebenso und andere philosophisch-physikalische Größen. Aber, bei aller Liebe zur Daumenkinokunst, das zu klären führt hier zu weit.

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