Kultur : Kurzmeldungen

Wie weltlich, wie europäisch ist die Türkei? Der Wahlsieg der AKP spiegelt ein widersprüchliches Lebensgefühl zwischen Islam und Moderne Ostwind, Westwind

Faruk Sen

Obwohl alle Meinungsumfragen einen Sieg der religiös-konservativen AKP prognostiziert hatten, war die Deutlichkeit des türkischen Wahlergebnisses doch eine Überraschung. Eine knappe Zwei-Drittel-Mehrheit für Tayyip Erdogan, dieses Votum wirkt auf den ersten Blick wie ein Anachronismus: die Türkei, die nicht müde wird, ihren Willen zum EU-Beitritt zu bekunden, regiert von einer Partei mit nicht wenigen ehemaligen Fundamental-Islamisten in ihren Reihen? Wie passt das Wahlergebnis zu den Meinungsumfragen, in denen sich 77% der Türkinnen und Türken für den EU-Beitritt ihres Landes aussprechen? Nicht wenige europäische Politiker sehen im Wahlausgang nun den Beweis dafür, dass die Türkei eben doch nicht nach Europa passt. Das wahre Gesicht der Türkei habe sich gezeigt – ein so instabiler wie autoritärer Staat, der Gefahr läuft, in den Strudel des islamischen Fundamentalismus zu geraten.

Aber diese Lesart ist falsch. Alle Umfragen der letzten Jahre, die das fundamentalistische Potenzial im Land zu quantifizieren versuchten, machten 5 bis 8 Prozent der Gesamtbevölkerung aus, das tatsächlich religiös-orthodoxes, anti-pluralistisches Gedankengut vertritt. Entsprechend wenig Stimmen erhielt die Nachfolgerin von Erbakans Tugend-Partei SP: nur 2,5 Prozent.

Die neuen Städter

Wie ist dann aber der Erfolg der AKP zu erklären? Zum einen ist er Ergebnis einer Protestwahl. Die bisherigen Regierungsparteien wurden für die schwere Wirtschaftskrise der letzten zwei Jahre abgestraft. Die Wähler der AKP, das sind die Opfer der Krise: Menschen, die Arbeit, Geschäft und Vermögen verloren haben. Zum anderen hat die AKP das Bewusstsein breiter Schichten in der Türkei antizipiert, insbesondere das der vom Lande kommenden Neuzuwanderer in den Ballungsräumen. Das Lebensgefühl dieser Binnenmigranten, die in den Städten nach Arbeit suchen und den Spagat zwischen Tradition und Moderne bewerkstelligen müssen, scheint die AKP getroffen zu haben. Offen ist allerdings die Frage, ob der notwendige Ausgleich zwischen Pluralismus und Modernisierung einerseits und der Stabilisierung sozialer und kultureller Bindungen andererseits ausgerechnet mit der AKP gelingt oder ob die neue Regierung selbst an diesem Spagat scheitern wird.

Dabei ist der Wahlsieg der AKP weniger ein Beleg für den latenten Islamismus in der Türkei als vielmehr dafür, dass die Marktwirtschaft als Sinnstiftung vielen nicht ausreicht. Deutschland und die EU sollten der neuen Regierung also zunächst durchaus wohlwollend begegnen. Insbesondere konservative europäische Politiker, denen selbst viel an der Vereinbarkeit von Modernisierung und Globalisierung mit den traditionellen Werten ihrer Gesellschaften liegt, könnten die Glaubwürdigkeit ihrer Argumente gegen die Türkei selbstkritisch hinterfragen.

Geben Sie Religionsfreiheit!

Die staatlichen Strukturen in der Türkei – parlamentarisch-repräsentative Demokratie, Rechtssystem, Verwaltung – basieren anders als andere muslimisch geprägte Staaten weitgehend auf europäischen Vorbildern. Seit der Staatsgründung durch Atatürk ist es der feste Wille des Landes, Europa anzugehören. Dabei ist die Orientierung am Westen im Selbstverständnis der Türkei nicht eine von vielen Optionen, sondern integraler Bestandteil der säkularen Republik und der wirtschaftlichen Modernisierung. Diese Orientierung der Türkei nach Westen hatte zur Folge, dass die islamische Welt das Land als Fremdkörper wahrnimmt.

Von türkischen Intellektuellen ist in den vergangenen Jahren das Bild eines Schiffes geprägt worden, das nach Westen fährt, dessen Besatzung an Deck aber nach Osten läuft. Die Vermittlung des Kurses an die Besatzung ist offenbar missglückt. Es sollte also Maßgabe für die innenpolitische Entwicklung wie für eine mögliche EU-Integration sein, die Widersprüche zwischen Tradition und Moderne nicht wegzudefinieren, sondern durch politische Gestaltung zu überwinden. Anknüpfungspunkte hierfür bietet die AKP durchaus. Als Vertreterin eines moderaten Islam verspricht sie sich von einem EU-Beitritt nicht zuletzt größere religiöse Freiheiten. Die Vereinbarung von Religion und gesellschaftlichem Pluralismus unter dem Dach der EU – das ist zu einem gewissen Grad die politische Strategie der AKP.

Und die Modernisierung? Im Wahlkampf hat Erdogan versprochen, den wirtschaftlichen Konsolidierungskurs fortzusetzen und die Auflagen des IWF zu erfüllen. Hier liegt übrigens die vielleicht größte politische Gefahr für die neue Regierung: Gerade für die Klientel der AKP könnten die Reformen weitere schmerzhafte Einschnitte bedeuten.

Dass es nicht um die Überwindung unüberbrückbarer Gegensätze, sondern um die intelligente Gestaltung eines tiefgreifenden kulturellen Wandels geht, belegt ein Blick auf die heutige EU. Hier leben 3,6 Millionen türkischstämmige Menschen und 13 Millionen Muslime, viele davon infolge der Gastarbeitermigration der 1960er und 70er Jahre. Das sind rund vier Prozent der gesamten EU–Bevölkerung. Rund zwei Millionen Menschen sind aus den damaligen Anwerberstaaten inzwischen wieder in die Türkei zurückgekehrt. Sie alle haben die Normen der Industriegesellschaft länst akzeptiert, ohne ihre islamische Prägung aufzugeben. Bei ihnen geht das Eintreten für Demokratie, Pluralismus, Rechtsstaatlichkeit und Marktwirtschaft mit dem Bekenntnis zum Islam einher. Dieser europäische Islam hat beispielsweise mit der Zinswirtschaft kein Problem.

Erdogans AKP könnte die Anwältin eines solchen Islams in der Türkei werden. Das wäre zumindest eine Chance für einen stabilen Kurs der Türkei nach Europa – mit einer stabilen Regierung.

Der Autor leitet das Essener Zentrum für

Islamstudien.

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