Kultur : Kurzmeldungen

Was, wenn eine Mutter sich nicht gegen ihre Rolle wehrt, sondern sie einfach ablegt? Dominique Cabrera erzählt in „Milch der Zärtlichkeit“ eine Tragödie des Alltags Intimität ist Terror

Kerstin Decker

Es gibt alltägliche Tragödien, aus denen hat noch nie jemand einen Film gemacht. Oder sagen wir: Es sind fast alltägliche Tragödien, über die keiner spricht. Liegt es am Erschrecken einer Frau über sich selbst, wenn sie Mutter wird und spürt, dass etwas in ihr sich wehrt gegen die Ausschließlichkeit dieser Rolle – und dieses Erschrecken macht sie auf einmal stumm? Oder ist es eine Schamgrenze unserer Kultur, die die Worte Mutter und Freude noch immer ganz natürlich zusammensetzt, vielleicht weil alles andere unerträglich wäre?

Frauen zeigen heute gern ihre unbedeckten Bäuche, wenn sie ein Kind erwarten. Vielleicht wollen sie sagen: schwanger ist schön. Vielleicht wollen sie provozieren. Vielleicht fällt ihnen der Abschied schwer von den Sachen, die sie gestern noch tragen konnten, und so ziehen sich gewissermaßen drumherum an. Die allen entgegengehaltene Intimität eines schwangeren Bauches aber hat etwas Befremdendes, noch immer. Und in das stumme Reich dieses Befremdens taucht die französische Regisseurin Dominique Cabrera ganz tief ein.

Schwanger ist schön? Dass Frauen nach der Geburt ihres Kindes eine tiefe Depression erleben können, weiß man. Das klingt psychologisch, damit kennen wir uns aus. Dominique Cabrera aber konfrontiert uns mit der unmittelbar körperlichen Seite. Sie überschreitet Grenzen, und man weiß nicht recht, ob die Abwehr, die sich einstellt, mit dem Gegenstand zu tun hat – Gegen-Stand, welche Distanzierungsformel! – oder ob sie ganz normale Kritikerhaltung ist.

Da haben wir es schon: Haltung des Kritikers. Jeder ist heute Kritiker, jeder schafft sich seine Distanzen zur Welt, lässt das Zuträgliche ein und anderes draußen. Nur eine Mutter ist gewissermaßen der natürliche Gegentypus des Kritikers, sie hat – urplötzlich – keinerlei Autonomie mehr. Nach dem Maß des für sie Zuträglichen fragt keiner, sie ist schon in der Schwangerschaft eine reine Funktion ihres mütterlichen Körpers.

Das Waschbecken läuft über, es rinnt bereits unter der Badezimmertür hindurch. Christelle (Marilyne Canto) sieht es, und kann doch nichts tun. Sie läuft aus der unaufgeräumten Wohnung, das Baby in der Badewanne zurücklassend, die beiden spielenden Kinder im Zimmer. Die Anti-Mutter. Die Irrationalität des Weibes, würden Männer des vorpsychologischen Zeitalters sagen.

Dann steht Christelle vor der Tür einer Nachbarin. Ob sie ganz kurz nur mal eben so rein kommen dürfe? Und da sitzt sie dann, spricht kaum, blickt aus ihrer inneren Leere in eine äußere, und hat nicht vor, die nachbarliche Wohnung wieder zu verlassen. Es gibt ja auch keine Instanz mehr in ihr, die sich irgend etwas vornehmen könnte, nur ihre Brüste füllen sich unaufhörlich mit Milch. Einmal wird sie diese Milch in den Kühlschrank stellen, die Nachbarin wird sie ahnungslos trinken – haltlos vor Ekel, als von deren Ursprung erfährt. Woher die Wucht dieser Reaktion, die man unwillkürlich teilt?

Cabrera spinnt uns ein in ein Spiel von Intimität, in einen Terror von Intimität. Sie hat wunderbare Schauspieler, Maryline Canto, Bruno Salvador, Valeria Bruni Tedeschi – und trotzdem. Es wird ein typisch französischer Wir-sprechen-miteinander-Film, das heißt, eigentlich sprechen hier nur alle zu Christelle oder über sie. Man will sie wieder in die Netze einspinnen, in denen Menschen miteinander umgehen können. Und doch versteht man spontan das Schweigegelübde mancher alter Orden. Es ist wie bei allen Nähebeziehungen, man reagiert mit Abwendung oder Zuwendung. Beide sind nicht recht begründbar – und nicht richtbar.

fsk am Oranienplatz (OmU) und Hackesche Höfe (OmU)

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