Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Als „Mutter des Surrealismus“ wurde sie 1984 von einer Filmwissenschaftlerin bezeichnet. Dabei hat die französische Avantgarderegisseurin Germaine Dulac wenig Mütterliches an sich. Und auch dem Surrealismus ist sie eher peripher verbunden, mit nur einem Film. La coquille et le clergyman (1927) gilt als das erste surrealistische Kinostück – und wurde Dulacs bekanntester Film, ist er doch nach einem Buch von Antonin Artaud entstanden.

Lange Zeit verstellte dies den Blick auf die Vielfalt ihres Werks. Umgekehrt ist es neben ihrem Frau-Sein auch wohl diese Diversität ihres Schaffens, die die Filmhistoriker auf Distanz hielt: eine Sozialistin, die scheinbar inhaltslose Filme macht. Eine Avantgardistin, deren ästhetisches Programm auf romantischen Ideen gründet. Eine Theoretikerin, die in ihren Filmen gegen die eigene Theorie verstößt. Filmpropagandistin und Lobbyistin. Klassische Erzählfilme und Experimentelles hat sie realisiert, Tanzstücke und Wochenschauen, und dann – doch noch – einen ausdrücklich politischen Film gegen den aufkommenden Faschismus: Le cinéma au service de l’histoire (1935/37).

Bewegung, Rhythmus, Musik und Licht sind die Begriffe, mit denen Dulacs Filme zu umschreiben sind. Die „visuelle Symphonie“ war ihr Idealbild von einem Film, der mit literarischen Vorbildern nichts mehr zu schafffen hat. Bewegung meint hier nicht Action, sondern neben der rhythmischen Montage der Bilder auch die emotionale Bewegung – auf der Leinwand wie beim Publikum. In ihrem Film L’invitation au voyage (1927) etwa, einer Etüde über Begehren, Verheißungen und Desillusionierung, Alltag und Abenteuer, schneidet sie zwischen das laszive Treiben in einer Tanzbar immer wieder Sehnsuchtsbilder der Protagonisten: Seestücke, Wolken, nackte Körper.

In diesem wie in einigen anderen Filmen gelingt Dulac die seltene Balance zwischen originaler Bildsprache und kommerziellen Kino. Auch La souriante Madame Beudet (1922), der gerne als erster feministischer Film der Filmgeschichte bezeichnet wird, versucht diese Balance. Doch Dulac sollte ihren mit agitatorischem Elan betriebenen Kampf gegen die beginnende Dominanz des Erzählkinos weder individuell noch filmpolitisch gewinnen. Persönlich bleibt ihr bald nur noch übrig, Herzensprojekte mit kommerziellen Auftrags-Produktionen zu finanzieren – ein Spagat, der die Regisseurin bis zu ihrem frühen Tod aufreibt. In der Filmproduktion zementiert sich zunehmend die bis heute gültige Trennung zwischen Filmkunst und Unterhaltung.

Die junge Frankfurter Kinothek Asta Nielsen, die nach einem Dulac-Symposium in Frankfurt nun auch die Retrospektive im Berliner Arsenal mitbetreibt, setzt genau bei dieser Trennung an. Es geht ihr darum, Leidenschaft und Filmgeschichte jenseits des Spezialistentums im Kinosaal zusammenzubringen – in Lektionen, die „sich nicht über die Disziplin des Bewusstseins vermitteln, sondern über die Disziplinlosigkeit des Fühlens, Wünschens und Träumens, der Phantasien, der Süchte und Sehnsüchte". Die Dulac ist da ein treffender Anfang.

Die Retrospektive wird am Freitag mit „L’invitation au voyage“, „La belle dame sans merci“ und „La souriante Madame Beudet“ eröffnet. Am Sonnabend wird das neue „Kinemathek“-Heft zu Germaine Dulac vorgestellt, am Montag „Le cinéma au service de l’histoire“.

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