Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Es gibt exzellente Repertoirekinos in und um Berlin, die ihrem Publikum einen Gang durch die Filmgeschichte ermöglichen – allen voran das Babylon Mitte, das Arsenal und das Filmmuseum Potsdam. Dennoch kann man als Berliner manchmal neidisch werden, wenn man sich die Kino-Spielpläne anderer Städte anschaut. In Wien zum Beispiel wird Oskar Werner, der am 13. November 80 Jahre alt geworden wäre, mit einer Retrospektive geehrt, in der nur Filme fehlen, die nicht mehr erhalten sind.

Bei uns erinnert lediglich das Filmmuseum Potsdam an den deutschsprachigen Weltstar. In Martin Ritts Kaltem-Kriegs-Thriller Der Spion, der aus der Kälte kam (1965), der nach dem Roman von John Le Carré‚ entstand, ist Werner – erst- und einmalig mit Vollbart – als kommunistischer Gegenspieler des britischen Agenten Richard Burton zu bewundern. Die traurige und völlig unheroische Handlung spielt in der DDR, während Francois Truffauts Fahrenheit 451 (1966) in einem fiktiven totalitären Staat angesiedelt ist, in dem der Besitz von Büchern unter Strafe steht. Die Verfilmung des Science-Fiction-Romans von Ray Bradbury zeigt Werner erneut als Diener eines unmenschlichen Systems. Diesmal begehrt er gegen seine Rolle auf und mutiert vom Bücherverbrenner zum Bücherretter (beide Filme heute, Sonnabend und Sonntag).

Es gibt nicht viele Gemeinsamkeiten zwischen Oskar Werner und Fritz Kortner. Kortner stand dem jungen Kollegen ablehnend gegenüber und bezichtigte ihn der „Gefühlsepilepsie". Aber beiden ist gemeinsam, dass sie ihre Theater- und Filmarbeit auf vorbildliche Weise verbinden konnten. Obwohl er nicht über Werners gutes Aussehen verfügte und mehr für Schurkenrollen prädestiniert schien, war Kortner der unbestrittene Star seiner Filme. Sein Spiel ist zu begutachten in Arthur Robisons Schatten (1923). Dieser Stummfilm (Untertitel: „Eine nächtliche Halluzination") erregte seinerzeit Aufsehen, weil er ohne Zwischentitel auskam (Sonnabend im Babylon Mitte).

Mit Schauspielkunst hatte Roberto Rossellini nichts am Hut. Ab und zu verirrten sich Profis wie Anna Magnani und Ingrid Bergman vor seine Kamera, doch für Fans des Neorealisten ist sein Meisterwerk der Trümmerfilm Deutschland im Jahre Null (1947). Hier sind alle Rollen mit Laien besetzt, die selbst in einer Schüleraufführung negativ auffallen würden. Für die Atelieraufnahmen wurden die deutschen Darsteller nach Rom geholt, wo sie sich mit Pasta vollstopften und schnell zunahmen. Anschlussfehler waren die Folge. Der kleine Edmund, der durch die Ruinen von Berlin stakst, hat bei Innenaufnahmen gleich eine gesündere Gesichtsfarbe. Heute fasziniert an dem Film Rossellinis kurioses Bild von deutschen Homosexuellen: Statt sich von KZ-Qualen zu erholen, sind sie die herrschende Klasse, machen Jagd auf kleine blonde Jungs und verderben sie mit Nietzsche-Zitaten. (Montag und Dienstag im Eiszeit.)

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