Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Kurzfilme sind eigentlich Selbstläufer. Pointiert, präzise, knapp – und wenn’s mal nicht so dolle kommt, ist das Leiden auch bald vorbei. Nur drei Minuten und kein einziges Wort etwa braucht die Filmemacherin Hyekung Jung in ihrem Trickfilm Sofa, um mit Formgefühl und Witz alles Wesentliche über das Zusammenleben von zwei Menschen und einer Katze zu erzählen.

Nun wurde in dieser Zeitung unlängst erst das Klagelied gesungen über die Untiefen der diesjährigen Verleihung des Deutschen Kurzfilmpreises. Nicht nur Zeremonie und Stimmung, auch die Auswahl der Preisträgerfilme wurde moniert, offensichtlich hatte die Jury mit sicherem Griff die besonders vertrockneten und verwachsenen Erbsen aus einem insgesamt mager gefüllten Töpfchen gepickt. Auch das „Sofa“ blieb unprämiert. Nun ist Geschmack immer streitbar. Medienskeptische Kurzfilmfreunde, die an jenem Abend nicht dabei waren, können jetzt selbst die Probe machen. Denn die nominierten Filme – nur der bei der Preisverleihung unterlegene Wolfgang Dinslage droht derzeit, seine „Katze von Altona“ unter Protest zurückzuziehen – sind in zwei Programmen zu sehen, die die Kurzfilmagentur Hamburg auf Deutschland-Tournee schickt ( Montag und Mittwoch im Babylon-Mitte).

Mindestens ebenso nachlässig präsentiert wie die Kurzfilmpreis-Verleihung war eine Retrospektive des Bundesfilmarchivs, die unter dem Titel „Frauen - Film - Frauen“ das Dokumentarfilmfestival in Leipzig bereichern sollte: Dokumentar- und Kulturfilme deutscher Filmfrauen von den zwanzigern bis in die fünfziger Jahre, komponiert und kommentiert mit dreister Unbedarftheit. Denn die Arbeit feministischer Forscherinnen und Frauenfilmfestivals auf diesem Gebiet wurde komplett ignoriert. Archivstaub muss betriebsblind machen.

Jetzt wird das Programm im Kreuzberger Regenbogenkino nachgespielt. Und trotz allen Ärgers sind für historisch Interessierte durchaus aufschlussreiche Dokumente zu finden, etwa die Reportage einer frühen Auto-Weltreise, die die Rennfahrerin Clärenore Stinnes mit ihrem Kameramann Carl Söderström Anfang der dreißiger Jahre unternahm. Gesponsert war das Abenteuer von der deutschen Automobilindustrie; von der Regisseurin wird es in einem Prolog als Beweis „erbrachter Leistungen und eroberter Fernen“ im nationalen Sinne deklariert. Die Pritzelpuppe ist das Porträt einer Puppenbauerin aus den frühen zwanziger Jahren und verblüfft durch die lustvoll ausgestellte Selbstinzenierung weiblichen Künstlertums in der Tradition der dramatischen Auftritte Else Lasker-Schülers. Auch Lotte Pritzel präsentiert sich als rätselhafte Fremde mit dunklem Bubikopf und Zigarillo-Spitze. In dem kunsthandwerklich durchdekorierten Atelierraum qualmt orientalisches Räucherwerk, auf dem Tisch steht ein Kelch mit Rotwein und Strohhalm. „Die Pritzelpuppe“ läuft zum Auftakt am Freitag, Im Auto durch zwei Welten am Samstag im Regenbogenkino.

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