Kultur : Kurzmeldungen

Mit der „Unberührbaren“ hat sie Filmgeschichte geschrieben. In „Mein letzter Film“, diese Woche im Kino, steht Hannelore Elsner ganz alleine vor der Kamera. Ein Monolog für eine Schauspielerin, die Hannelore Elsner sein könnte Ich ist eine andere

Jan Schulz-Ojala

Von Jan Schulz-Ojala

Wenn wir nichts wüssten von ihr als, sagen wir, dass sie lange „Die Kommissarin“ war im deutschen Fernsehen und „Die Unberührbare“ vor zwei Jahren im deutschen Kino: Wir würden „Mein letzter Film“ eins zu eins nehmen. Hannelore Elsner erzählt uns in einem Monolog vor der Kamera in 90 Minuten ihr Leben. Sie steht in ihrer schönen großen Wohnung mit Blick raus auf die Kurfürstenstraße, ja, warum eigentlich nicht die Berliner Kurfürstenstraße, wo sie lange, zu lange vielleicht, mit einem gewissen Richard zusammengelebt hat, ihrem Regisseur fürs Leben, und packt. Endlich packt sie. Hannelore Elsner nimmt Abschied fürs Leben. Oder so: Hannelore Elsner nimmt Abschied, um zu leben.

Nunja, schon ein bisschen gespielt käme uns das Ganze doch vor, sorgsam angetippt und verwoben die Männergeschichten, die Berufsgeschichten, das Nachsinnen über Schönheit, Vergänglichkeit, Liebe, Feindschaft und Ruhm, aber alles in allem sehr intim. „Das ist mein letzter Film“, sagt sie da in die Videokamera auf dem Stativ, und dahinter steht ein Allerweltskameramann, angeheuert zwischen zwei angerauchten Zigaretten im Café. „Und er ist nicht für ein Publikum bestimmt. Ein paar Leute nur geht das hier was an.“ Und dazu probiert sie den ernsthaft gesammelten Blick von Leuten, die neuerdings ihr Testament lieber in die Kamera sprechen. Das wäre was: Eine schöne deutsche Diva – wir haben nur ganz wenige davon, oder nur eine einzige – heuert sich einen Drehbuchautor an, erzählt ihm bei 200 angerauchten Zigaretten an 20 Abenden in Cafés ihr Leben und sagt: Und jetzt mach was draus. Und er schreibt was draus. Und das spricht sie dann.

Halt,stop. „Das darf man nicht verwechseln!“ Für einen Augenblick wird Hannelore Elsners weiche Schmeichelstimme ziemlich entschieden, aber es ist ja auch Vormittag in einem Hotelzimmer bei Kaffee, den sie mit Wasser verdünnt, und von Zigaretten wäre allenfalls abends die Rede, und da steht auch keine Videokamera, sondern sitzt nur einer dieser Journalisten und hat seinen kleinen Kassettenrecorder mitgebracht. „Das ist alles ich!“, erklärt sie ihre Film-Figur, „mein Ausdruck, meine Fantasie, meine Fähigkeit, mir so einen Text zu eigen zu machen, aber...“, und jetzt eine winzige Pause zum Herunterregeln der Stimme, „... ich bin es trotzdem nicht.“ Auch die Heldin, die sie da spiele, eine gewisse Marie, sage ja: „Ich bin, was ich spiele. Und ich bin es nicht.“

Jetzt aber mal die Fakten. „Mein letzter Film“ ist ein durch und durch fremder Text, großartig erstunken und erlogen von einem gewissen Bodo Kirchhoff. Kein Schundroman, ein Wundmonolog – und Kirchhoff hat damit die Idee des Filmproduzenten Hubertus Meyer-Burckhardt umgesetzt, der bereits mit einem gewissen Oliver Hirschbiegel „Das Urteil“ gemacht hatte, das preisgekrönte Experiment eines auf zwei Personen beschränkten Dialogfilms. Also schrieb Kirchhoff auftragsgemäß einen Monolog für eine Schauspielerin, und Oliver Hirschbiegel wurde der Regisseur. Und der Text, wichtiges Detail, war ganz und gar fertig, bevor Hannelore Elsner ins Spiel kam. Elsner also spricht die Vorstellung eines Mannes vom Monolog einer Frau, die durchaus Hannelore Elsner sein könnte. So einfach ist das.

Einen Richard zum Beispiel – Marie sagt dazu: „Ich bin schön mit Köpfchen, er der Kopf“ – gibt es nicht in Hannelore Elsners Leben, auch keinen Paul (Politiker) und keinen Tomas (Fußballtrainer). Es gibt keine beste Freundin, mit deren Freund sie mal, großes Geheimnis, ins Bett gegangen ist vor langer Zeit und die sich früh losgesagt hat von ihr, es gibt keine Tochter, gestorben an plötzlichem Kindstod, es gibt auch keine Wohnung in der Kurfürstenstraße – beziehungsweise es gibt sie natürlich, aber eingerichtet hat sie, wobei er ein paar Elsner-Accessoires mit hineinspielte, ein Filmarchitekt. Vergessen Sie das alles, Herr Zeitungsmensch. Und wenn Sie’s genau nachlesen wollen, denn es gibt ja Medien, die das alles aufschreiben, hat Hannelore Elsner zwei gescheiterte Ehen hinter sich und eine „große Liebe und künstlerische Heimat“ namens Alf Brustellin durch Unfalltod verloren, mit dem sie zwei Filme gemacht hat in den siebziger Jahren, „Berlinger“ und „Der Sturz“, und einen Sohn hat sie auch und, das können Sie nirgendwo nachlesen, den liebt sie sehr. Marie also ist eine andere; das Ich, mit dem Hannelore Elsner jetzt eine Zeitlang verwechselt werden wird, ist eine andere.

In der Tiefe aber – und dafür gibt es erfindungs- und nachempfindungsreiche Menschen wie Bodo Kirchhoff – ist die andere dann doch wieder ich. Kirchhoff, der Elsner seit zehn Jahren kennt und manche Fernsehsachen für sie geschrieben hat, benutzt die Erscheinung Elsner, um das Wesen einer Schauspielerin zu erfassen, der Hannelore Elsner mitunter ganz nahe kommt, sonst könnte sie sie nicht so spielen. Und sich nicht so geradezu verschwörerisch intim an ihre Kunstfigur erinnern – heute, da die „Klausur“, der „Marathon“, die Tortur von drei Wochen Dreharbeiten längst überwunden ist, immer solo mit riesenlangen Einstellungen und riesenlangem, fehlerfrei zu sprechendem Text und energischem sonstigen Nicht-Leben in jenen drei, vier Winterwochen. „Mein letzter Film“ ist das Protokoll einer Entpuppung, einer Losreißung, einer Befreiung, die unmittelbar in das Herz jeder Frau zielt, und für die Schauspielerin, die seit dem Triumph mit Oskar Roehlers „Unberührbarer“ ganz zu sich selbst gekommen scheint, hat dieser Text punktgenau am Wege gelegen. Sie spricht ihn wie ihren eigenen, das ist das Wesentliche; noch nie hat sie, die seit 1959 in rund 50 kleinen und größeren Filmen mitspielte, die Serien nicht mitgezählt, einen Text so sehr wie ihren eigenen gesprochen.

Doch auch am Vormittag im Hotel, irgendwann wird da ein anderer Journalist sitzen und Hannelore Elsner zu grünem Tee übergehen, spricht sie ganz ihren eigenen Text. Improvisierend, zögernd, lockend, schmeichelnd, auch mal laut herauslachend, dann wieder leise, immer konzentriert – ein Genuss für den Zuhörer, der im Kino exakt derselbe Genuss für den Zuschauer sein mag. Und die beiden Personen, eben noch so strikt auseinandergehalten, gehen sehr geheim im Reden wieder ineinander über. Als sie sich an Marie erinnert und deren Bedauern darüber, dass sie nur einen wirklich großen, preisgekrönten Film gemacht hat, spricht Elsner plötzlich stockend, die „Unberührbare“ vor Augen, immer tiefer in sich selbst hinein. Und als sie sich über Maries Lossagung freut, darüber, dass ihre Heldin „sehr bei sich ist, endlich“, da könnte sie, die diesen Sommer ihren ersten richtig rundziffrigen Geburtstag gefeiert hat, genauso gut über sich selbst sprechen. Danach gefragt, wie sie das Drehbuch ihres Lebens rückwirkend ein bisschen umschreiben würde, sagt sie, wobei sich Freude und Schmerz die Waage halten: „Vielleicht würde ich ein bisschen schneller so werden, wie ich jetzt bin.“

Nur aufhören würde Hannelore Elsner wohl nie, anders als Marie. Dafür ist die schöne Sucht und Lust, die das Spielen auslöst, irgendwann zu ernst geworden in ihr selber.

„Mein letzter Film“ ist ab Donnerstag in den Berliner Kinos Hackesche Höfe, Kant und Passage zu sehen; Premiere am Dienstag, 20 Uhr, im Kant-Kino in Anwesenheit von Hannelore Elsner, Bodo Kirchhoff und Oliver Hirschbiegel. Bodo Kirchhoffs Filmskript ist bei der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen, 92 Seiten, 14.90 €.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben