Kultur : Kurzmeldungen

Imagewechsel à la Gotik: die Landesvertretung Nordrhein-Westfalen in Berlin-Tiergarten Der Pott glänzt

Jürgen Tietz

Während klassizistische Säulchen in der Hauptstadtarchitektur wieder schwer in Mode sind, steht die Wiederentdeckung der Gotik noch bevor. Insofern besitzt die neue Landesvertretung von Nordrhein-Westfalen in der Hiroshimastraße, die am Donnerstag offiziell eröffnet wird, eine Vorreiterrolle. Mit spitzen Bögen entfaltet sie hinter ihrer modernen Glashaut eine gotisierende Struktur. Doch während die Säulen des aktuellen Berliner Neoklassizismus meist nur Träger eines nostalgischen Architekturverständnisses sind, hat die Holzkonstruktion der Landesvertretung tatsächlich tragende Funktion – als optimierte Tragwerkskonstruktion hält sie einerseits die gläserne Fassadenhaut und steift zum anderen das Gebäude aus. So führen die Düsseldorfer Architekten Karl-Heinz Petzinka und Thomas Pink die gotische Formensprache auf ihren Kern zurück: auf das konstruktive Prinzip.

Doch auch ohne detailreiche Strebepfeiler reichen die gotisierenden Parabelbögen der Landesvertretung aus, um den Architekturassoziationen freien Lauf zu lassen: Manifestiert sich da die späte Rache des Kölner Doms am preußisch verwurzelten Berlin? Auch in Berlin besitzen solche Gotizismen ihre Tradition, Karl Friedrich Schinkel und das (National)-Denkmal auf dem Kreuzberg lassen grüßen. Gleichwohl greift die Verbindung zwischen gotischen Bögen und gläserner Haut weit tiefer: Bildete doch die mittelalterliche Gotik mit ihren filigranen Maßwerkfenstern den Auftakt für die Auflösung geschlossener Wandstrukturen.

Auch die Konstruktion der ersten Glaspaläste des 19. Jahrhunderts in England zeigte eine gotisierende Tragekonstruktion. Und als würden Petzinka und Pink auch auf diesem Felde den großen Vorfahren ihre Referenz erweisen wollen, so präsentiert sich das Haus an der Hiroshimastraße als Stahlskelettkonstruktion. Der ansonsten in der zeitgenössischen Architektur allgegenwärtige Beton spielt bei ihrem viergeschossigen Bau nur eine untergeordnete Rolle. Selbst die Decken zwischen den Geschossen sind aus Holz. Damit entpuppt sich der Bau als ambitioniertes ökologisches Bauwerk. Das wiederum ist charakteristisch für den Anspruch von Petzinka und Pink, die sich mit dem Düsseldorfer Stadttor von 1998, inzwischen Sitz der Landesregierung von NRW, als ambitionierte High-Tech Architekten etabliert haben. Auch in Berlin haben sie bereits gebaut: Unweit der Landesvertretung von NRW steht die CDU-Zentrale an der Klingelhöfer Straße. Beide Bauten eint das Erscheinungsbild aus Glas, Stahl und Holz sowie eine doppelte gläserne Fassadenhaut.

Wie bei der CDU-Zentrale umfängt auch bei der Landesvertretung eine äußere Glaskiste das eigentliche Haus, das sich funktional in zwei Teile gliedert: Die eine Seite ist den Büros der Landesvertretung, der politischen Koordination der Arbeit im Bundesrat und der Leitungsebene vorbehalten. Hier haben auch die Bevollmächtigten beim Bund und der Ministerpräsident ihren Platz gefunden – mit Blick auf den Tiergarten. Der andere Gebäudeflügel beherbergt die Veranstaltungs- und Besprechungsräume sowie zehn Apartments. Dazwischen erstreckt sich ein quadratischer Lichthof, der über alle Geschosse reicht und von einem Glasdach abgeschlossen wird. Auch hier finden sich die schon an der Fassade eingeführten Materialien, wobei das helle Holz der baskischen Kiefer als Wandverkleidung den Raumeindruck am nachhaltigsten prägt.

Ansonsten ist bei der Raumaufteilung des 27 Millionen Euro-Baus Großzügigkeit Trumpf: Das gilt für die breiten Flure ebenso wie für die hohen Türen und die weiten Galerien, die sich um den Lichthof legen. Auffällig sind auch die Durchbrüche, die die Architekten zwischen den Geschossen geschaffen haben. Die Büroebenen wirken so wie in die tragende Stahlkonstruktion eingeschoben.

Das führt mitunter zu kuriosen Effekten, wenn sich handtuchbreite Zwischenräume zwischen Bürowand und Geländerbrüstung schieben – potentielle Staubfänger, die weder zu begehen noch zu nutzen sind. Eine besondere Qualität des Gebäudes aber sind die hellen Büros, die sich hinter der zweiten gläsernen Fassadenschicht anschließen. Und selbst die Teeküchen erhalten in der Landesvertretung Tageslicht. Doch wo viel Licht ist, ist auch Schatten: Wie reizvoll wäre es gewesen, würde man durch den luziden Bau ganz hindurchsehen können, von Spitzbogen zu Spitzbogen. Doch dem stehen die zu den Fluren hin satinierten Scheiben der Büros entgegen, die das Prinzip der Transparenz konterkarieren: Licht ja. Blick nein. Schade.

Besonders stolz sind Bauherr und Architekt, dass das Haus nahezu fast vollständig rückbaubar und recycelbar ist und somit eine hohe Flexibilität bei etwaigen Umbauten bietet. Anspruchsvoll ist auch das ökologische Konzept, dass einen extrem niedrigen Emissionsausstoß vorsieht. Möglich werden soll das ab dem nächsten Jahr durch eine von RWE entwickelte Kombination von Brennstoffzelle und Mikrogasturbine. High-Tech Ökologie aus dem einstigen Kohleland NRW – damit erweist sich die Landesvertretung als ein Aushängeschild des Bundeslandes, das die Botschaft vom Imagewechsel eines Industriestandortes auch in der Architektur fortschreibt.

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