Kultur : Kurzmeldungen

Lügen für die gute Sache: Zhang Yimous „Happy Times“ ist eine Parabel auf die Zauberkraft der Illusion Wir sehen uns

Stefanie Müller-Frank

Wie baut man eine Kulisse für jemanden, der nicht sehen kann? Das haben sich der pensionierte Fabrikarbeiter Zhao (Zhao Benshan) und seine Freunde gut überlegt, wollen sie doch dem blinden Mädchen Wu (Dong Jie) weismachen, es befände sich im Massagesalon eines feinen Hotels und nicht in einem verlassenen Lagerhaus. Für diese Attrappe haben sie alles nachgestellt: Das Packpapier an den Wänden fühlt sich an wie Seidentapete, die Freunde geben sich als hochrangige Kunden aus und zahlen großzügig mit Geldscheinen aus Reispapier. Selbst die Straßengeräusche vor dem Salon, der ihnen als Vorbild diente, haben sie auf Band aufgenommen und lassen sie von einem Kassettenrekorder abspielen.

Dabei dient der ganze Zauber zunächst allein dazu, Zhaos ebenso fette wie geldgierige Braut in spe (Dong Lifan) davon zu überzeugen, dass er einen Posten als Hotelmanager hat. 50 000 Yuan verlangt sie für die Hochzeit – und außerdem soll er ihrer blinden Stieftochter Wu, die sie endlich loswerden will, einen Job als Masseurin in „seinem“Hotel verschaffen. So folgt ein Schwindel dem nächsten, das Geld wird immer knapper und Zhao stutzt selbst die aus dem Abfall gefischten Blumen notdürftig zurecht, um den Ansprüchen seiner Herzensdame zu genügen. Wer die Bilderwelt des chinesischen Regisseurs Zhang Yimou vor allem mit seinen großen historisierenden Panoramen verbindet, mag von seinem jüngsten Werk zunächst enttäuscht sein. Keine grandios stilisierten Bilder, keine ausdrucksstarken Farben, und auch - zumindest auf den ersten Blick – kein dramatisch erschütterndes Frauenschicksal.

„Happy times“, der auf der diesjährigen Berlinale lief, ist eine Komödie, wenn auch ohne Happyend – eine Tragikomödie nennt sie Zhang Yimou. Und wie jede Tragikomödie lebt sie von der Mischung aus heiteren und bewegenden Momenten. Nur: Die Brautwerbung zu Anfang gerät derart klamaukhaft, dass selbst die bittere Lage des blinden Aschenputtels Wu einen nicht gleich bewegen will; da mögen die sentimentalen Szenen musikalisch noch so pathetisch untermalt sein.

Langsam aber nimmt die kleine, zärtlich erzählte Geschichte doch für sich ein. Der Freundeskreis ist mit einer solchen Fantasie und Solidarität bei der Sache, dass bald das erste Lächeln über Wus Gesicht huscht. Schön auch, wie Zhao und seine Freunde ihre Intrige immer mehr aus den Augen verlieren und längst, ohne es zu merken, Verantwortung für das Mädchen übernehmen. „Happy times“ erzählt eine Parabel von der Zauberkraft der Illusion - und ist Zhang Yimou so auch leichthin zur Huldigung auf das Kino selbst geraten.

Eines Tages – und da hat Wu auch den Zuschauer längst erobert – dreht das blinde Mädchen den Spieß um. Wu spielt das Lügenmärchen weiter mit, obwohl sie es längst durchschaut hat. Die Illusion, genug Geld für eine Augenoperation zu verdienen, hat sie damit zwar verloren. Aber sollte es ein Zufall sein, daß Zhao ausgerechnet seinen Fernseher gegen ein mit weiß-gelben Margueriten übersätes Sommerkleid für Wu eintauscht? Sie kann es nicht sehen; ihr strahlendes Gesicht aber zeigt, dass sie es sich vorstellen kann.

Filmbühne am Steinplatz und

Hackesche Höfe

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