Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Wenn es für Filmländer Wappen gäbe, dann hätte im Emblem der slowakischen Kinematographie unbedingt der Apfel seinen Ehrenplatz: Nein, Äpfel: Mindestens eine ganze Kiepe voll muss es schon sein – und nicht das glattgewachste Einheitsobst vom Supermarkt, sondern die unformatierten Krumpeldinger, die auf der Fensterbank ihrem Verzehr entgegenschrumpeln. Im slowakischen Kino werden sie als Liebeszeugnis und Tischschmuck eingesetzt, beiläufig oder handlungstreibend, zum Essen und zum Kampf. Doch natürlich gibt es auch leibhaftige Männer und Frauen, Kaninchen, Gänse, Ferkel und anderes Getier.

Das slowakische Kino ist ländlich – selbst wenn es so -weltläufig daherkommt wie in Juraj Jakubiskos surreal delirierendem Aussteigerdramolett Vögel, Waisen, Narren , das 1969 kurz nach der sowjetischen Invasion ein anarchistisches Gegenprogramm setzte und in der Tschechoslowakei 1990 erstmals aufgeführt werden konnte. Im Vergleich etwa zu Vera Chytilovás „Tausendschönchen“ zeigt Jakubiskos Film anschaulich, wie auch die Bilderwelten der Subkultur von uralten Männerphantasien beflügelt werden: Musen und Frauenopfer. Und so dienen hier auch die Äpfel erst einmal zur malerischen Dekoration weiblicher Sinnlichkeit.

In Dusan Hanáks Debüt Rosige Träume (1976) steckt der Apfel in der Tasche eines jungen Postboten. Auf Bitte der Geliebten fischt er ihn für sie heraus. Sie ist Zigeunerin, er nicht, das ist ein Konfliktstoff des Films, doch nicht der einzige: Der Junge ist auch ein Träumer. Die Liebe der beiden wird scheitern, doch sie tut das nicht tragisch und nicht an den üblichen Umständen. Das Mädchen geht einfach fort. Der Junge träumt weiter, von Hühnern und Liebe. Hanaks Film träumt mit und bezeugt so aufs Schönste eine andere Vorliebe des slowakischen Kinos für eine Weltsicht, die Newtons Schwerkraftgesetze mit leichter Hand außer Kraft setzt. Wunder sind hier immer möglich, ja sogar wahrscheinlich („Vögel, Waisen, Narren“ am Donnerstag, „Rosige Träume“ am Sonntag im Babylon, im Rahmen einer Reihe mit slowakischen Filmklassikern).

Dass schon wieder ein ganzes Kinojahr vergangen ist, wird Liebhabern der Filmgeschichte spätestens dann bitterlich klar, wenn die Magical History Tour im Arsenal-Kino wieder einmal an ihrem – vorläufigen – Ende angekommen ist. Das Konzept der Tour ebenso schlicht wie schlüssig: jeden Abend ein neuer Film, so viele Tage, wie das Jahr hat und das alles grob chronologisch aufgeschnürt. Dabei sieht die Reihe jedes Jahr ein wenig anders aus, eher pragmatische Vorschlagsliste denn starrer Kanon. Denn im Gegensatz zur Literatur etwa geht es in der Filmgeschichte auch immer um die Verfügbarkeit des Materials. Nach dem Film ist auch vor dem Film: Und so geht die „Magical History Tour“ nach dem Neustart mit Lumière diese Woche mit einigen Filmen aus der Vorkriegszeit des deutschen Kinos in die nächste Runde. Es sind Filme, die mit noch unschuldiger Lust die historische Verbundenheit des Kinos mit anderen technischen Errungenschaften der Zeit feiern: dem Luftschiff, dem Automobil, der Tele- und Massenkommunikation. Doch muss Unschuld keineswegs Naivität bedeuten: So ist Max Macks Detektivfilm Wo ist Coletti? (1913) auch schon Reflexion auf die Figur des Detektivs selbst; und wohl die erste deutsche Filmproduktion, die Filmstoff, Stadtraum und Massenpresse synergetisch für eigene Reklame-Zwecke nutzte. Da Mack fast ausschließlich an Berliner Originalschauplätzen drehte, ist der Film auch ein historisch aufschlussreiches Filmdokument (Mittwoch im Arsenal).

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