Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Die Kino-Provokateure von heute können einem leid tun. Kaum jemand regt sich mehr über sie auf. Jüngstes Opfer dieser Entwicklung ist Pedro Almodóvar. Für „Sprich mit ihr“ ließ er sechs Stiere töten, und er fand für den sexuellen Missbrauch einer Komapatientin poetische Bilder. Proteste? Ein paar Tierschützer und Feministinnen regten sich auf, wurden jedoch als Spinner und Kunstbanausen belächelt. Auffallend viele Kritikerinnen machten sich für Almodóvar stark, der dann auch beim Europäischen Filmpreis absahnen konnte.

Vor 40 Jahren konnte man mit vergleichsweise harmlosen Provokationen Aufsehen erregen. In Louis Malles Die Liebenden (1958) verkörpert Jeanne Moreau eine moderne Lady Chatterley, die ihren aristokratischen Ehemann für einen robusten Studenten verlässt. Die Tabuverletzung: Moreau ist Mutter eines kleinen Kindes. So etwas hatte es bis dahin nicht gegeben. Sünderinnen haben keine Kinder! Für die deutsche Fassung wurden daher damals sämtliche Einstellungen herausgeschnitten, die Moreau mit ihrem Neugeborenen zeigen. Im Gegensatz zu vielen anderen Skandalfilmen hat Malles Werk die Zeit tadellos überstanden. Die von ihm gezeigten Klassengegensätze sind noch heute gültig und die Liebesszenen zwischen Moreau und Jean-Marc Bory von ansteckender Zärtlichkeit (Freitag und Sonnabend im Babylon Mitte).

Die DEFA war nicht gerade für Erotikfilme bekannt. Paradoxerweise, weil man in der DDR viel unverkrampfter mit Sexualität umging. Hier gab es kein rotes Licht auf nackte Körper, keinen Weichzeichner und keine Kuschelmusik. Die These sei erlaubt, dass nur verklemmte Künstler erotische Filme zustandebringen. Eine der Ausnahmen zu dieser Regel: Sieben Sommersprossen . 1977 von Herrmann Zschoche inszeniert, fand dieser niveauvolle Teenie-Film über zwei Schüler, die die Rollen von Romeo und Julia einstudieren und privat ausleben, in der DDR 1,5 Millionen Zuschauer. Die Hauptdarstellerin Kareen Schröter musste von ihren Eltern zu den freizügigen Aufnahmen ermuntert werden. Ausdauernder Beliebtheit erfreut sich der hübsche Film nicht zuletzt deshalb, weil er das Recht des Individuums im Sozialismus einklagt (bis Sonnabend in der Börse).

Lang ist es her, da sorgten allein schon Gesichter bei den Zuschauern für erhöhte Temperaturen. Solch ein Gesicht besaß die mexikanische Ikone Dolores Del Río (1905-1983). Auf dem Höhepunkt ihrer Schönheit, der unter anderem Marlene Dietrich und Orson Welles nicht widerstehen konnten, engagierte sie der Produzent David O. Selznick für sein Urwalddrama Bird of Paradise (1932), die Liebesgeschichte zwischen einem Amerikaner (Joel McCrea) und einer Eingeborenen. Die meiste Zeit räkelt sich Dolores Del Río am Wasserfall zur sinnlichen Musik von Max Steiner. Sie trägt knappe Kostüme, doch Erotik erzeugt Regisseur King Vidor durch die Nahaufnahmen ihres traumhaften Gesichts (der Film läuft im Rahmen einer FU-Reihe über exotische Schönheiten am Sonntag im Arsenal).

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben