Kultur : Kurzmeldungen

„Restitution und Ethik im europäischen Kontext“: Eine Gothaer Tagung zur Rückgabe von Nazi-Raubkunst endet mit einem Manifest – und neuen offenen Fragen Ein Elefant kehrt heim

Bernhard Schulz

Von den Verlusten, die sie zunächst während der Nazi-Zeit und dann durch den Zweiten Weltkrieg erlitten, haben sich die Museen in den ostdeutschen Ländern bis heute nicht erholt. Dankbar begrüßt wird jeder einzelne Rückgewinn. So konnte das Schlossmuseum Friedenstein in Gotha jetzt eine Augsburger Silberschmiedearbeit aus der Zeit um 1700, ein so genanntes Elefanten-Trinkspiel, das nach Kriegsende abhanden gekommen war, mit Hilfe der Kulturstiftung der Länder (KSL) zurückerwerben.

Gotha hat unter den Verhängnissen der deutschen Geschichte besonders zu leiden. Teile der Bibliothek lagern noch immer irgendwo in Russland. Unfasslich sind die Veräußerungen, die nach 1945 aus den Museumssammlungen vorgenommen worden sind. In den zumal zur Winterzeit wundersam verwunschenen Schlossräumen zieht eine gravitätische Augsburger Tischuhr die Blicke auf sich, die 1992 aus kanadischem Privatbesitz zurückerworben wurde – verschleudert nach 1945, als das geistige Band, das die ehemals herzoglich Gothaschen Sammlungen auch nach 1918 zusammengehalten hatte, endgültig zerschnitten war.

Ob „ehemals“ oder nicht, ob Staatsbesitz oder mit Rückforderungsanspruch belegtes Privateigentum, diese für die ostdeutschen Museen geradezu existenzielle Frage kam während der Tagung „Restitution und Ethik im europäischen Kontext“ dieser Tage auf Schloss Friedenstein immer wieder, wenn auch nicht hauptsächlich zur Sprache. Im Kern ging es bei der von der KSL ausgerichteten Tagung um das leidige Problem der „NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgüter“ – so der terminus technicus, unter dem nicht nur das jüdischen Eigentümern angetane Unrecht, sondern alle Enteignungen des NS-Regimes zusammengefasst werden. In den vergangenen Jahren ist schmerzlich bewusst geworden, welche Versäumnisse Deutschland bei der Lösung der damit einhergehenden Probleme aufzuweisen hatte. Die spät, dann aber mit Elan von den großen deutschen Museen in Angriff genommene Provenienzforschung hat eine Anzahl von Kunstwerken zu Tage gefördert, die unrechtmäßigen Besitz darstellen, und vieles konnte an Anspruchsberechtigte restituiert werden.

Die Tagung hatte also kein Neuland mehr zu beschreiten, sondern den erreichten Stand zu bilanzieren. Es gibt ja in der Sache keinen Dissens. Nach der „Elf Prinzipien“ der Washingtoner Konferenz über Vermögenswerte aus der Zeit des NS-Holocaust vom Dezember 1998, der gemeinsamen Erklärung von Bundesregierung, Ländern und Kommunalen Spitzenverbänden vom Dezember darauf und der anschließenden „Handreichung“ des Kulturstaatsministers zu deren Umsetzung haben die Museen und Archive eine Grundlage für ihr Vorgehen. Das „Gothaer Manifest“, mit dem die Tagung am vergangenen Montag effektvoll ausklang, konnte also nur die Bekräftigung gesicherter Standpunkte sein.

„Politik, Museen, Bibliotheken und Kunsthandel sollen aufgrund kriegsbedingter Unregelmäßigkeiten oder staatlicher Willkür verlagerte Kunstwerke den angestammten Sammlungen gegen Erstattung des Erwerbs zurückgeben“, hebt Punkt 1 des „Manifests“ an. Das ist seit der Washingtoner Deklaration durchgängige Praxis. Der Teufel steckt aber im Detail. So stand in der Tischvorlage des „Manifests“, deutsche Museen sollten Objekte, die zwischen 1935 und 1945 „aus deutschen Museen verschwunden“ sind, diesen zurückgeben. Heilloser Wirrwarr und neues Unrecht wären die Folgen, weshalb sich die deutschen Museen bereits Ende der vierziger Jahre darauf verständigt haben, wechselseitige Ansprüche auszuschließen: Geschichte ist nicht revidierbar.

Sie ist allenfalls in ihren Folgen zu lindern, und hier stehen geschädigte Privateigentümer vorwiegend jüdischer Herkunft im Mittelpunkt. Ob nach der ersten Welle aufgestöberter Problemfälle tatsächlich noch zahlreiche Sünden in den Depots schlummern, darf bezweifelt werden. Zu gründlich sind die deutschen Museen bereits nach Kriegsende von den Alliierten untersucht worden, als dass Raubgut in nennenswertem Umfang verborgen geblieben sein könnte.

Vergessenes DDR-Unrecht

Es sind zwei andere Problemkomplexe, die den ostdeutschen Museen zu schaffen machen, und über die eingehender zu diskutieren dringend vonnöten ist: Neben den erwähnten, nach Einigungsvertrag spätestens 2014 auflebenden Rückgabeansprüchen adeliger Alteigentümer, die in der Sowjetzone ohne Federlesens enteignet worden waren, sind dies die Geschehnisse während der vierzig Nachkriegsjahre in der DDR. Rupert Schaab, dem Direktor der Forschungsbibliothek Gotha, gebührt das Verdienst, in seinem Einführungsvortrag zur Friedensteiner Tagung all die Untaten plastisch zu schildern, die Sammlungen, Archiven und Bibliotheken zuteil wurden, von den Notverkäufen nach Kriegsende über die Zersplitterung historisch gewachsener Bestände bis zur gezielten Planerfüllung bei der Abgabe von Büchern an das Zentralantiquariat der DDR, aus dem sich westdeutsche Institutionen gegen Devisen bedienten – dies übrigens durchaus in der noblen Absicht, der Verschleuderung nationalen Kulturerbes entgegenzuwirken.

„Restitution und Ethik...“, wie die Vortragstitel in Gotha meist begannen, sind inzwischen grundsätzlich geklärte Forderungen. Ansonsten, so betonten es alle Redner, muss jeder Einzelfall gesondert entschieden werden. Die Gothaer Tagung erfüllte ihren Zweck in der Ermutigung, auf diesem mühsamen Weg unbeirrt voranzuschreiten.

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