Kultur : Kurzmeldungen

Volle Häuser, umjubelte Premieren: Die Österreicher lieben ihre Oper. Aber bald müssen auch unsere Nachbarn bei der Kultur tüchtig sparen Wiener Mut

Bernhard Doppler

Langsam stehen sie auf und kommen an die Rampe, die Kinder, die Prostituierten, der Mann mit der Krücke und alle, die sich um die schäbige Dorfbar „Europa“ herumtreiben, wenn sie aus dem Transistorradio jenes schmalzige Lied hören, das einen Gruß an die „Frauen in Wien, im schönen Wien“ bestellt. Für die Bühnengestalten ist Wien ein Ort der Sehnsucht, ein Ort von Wohlstand und Glück, wohin sie sich aus ihrer „hinteren Walachei“ wegträumen wollen, jener ungarischen Region, „unweit eines angrenzenden Balkanstaates“, in der Emmrich Kalmans „Gräfin Mariza“ spielt.

Es berührt sonderbar, dass augerechnet die Premiere einer Operette aus dem Jahre 1924 einen schlüssigen Kommentar zum EU-Osterweiterungs-Gipfel in Kopenhagen geben kann, angesiedelt in eben jenem Grenzgebiet von Beitrittskandidaten und solchen, die es irgendwann einmal werden wollen: Ungarn, Rumänien und Serbien. Motor des Geschehens ist die kaptitalkräftige Gräfin Mariza, die aus dieser Gegend stammt und nun zu ihren Wurzeln zurückkehren will, dort, wo der brave Gutsbesitzer Tassilo sich rackert, aber auch korrupte Potentaten und schmierig-sympathische Operetten-Figuren, die ihre Freundinnen mit Schweinegulasch einkochen, ihr Unwesen treiben.

Die Regiearbeit der jungen Konwitschny-Schülerin Vera Nemirowa erinnert in der Wiener Volksoper bisweilen an die Lebenslust der Filme des serbischen Regisseurs Kustorica. Folklore ist hier kraftvoller Einspruch, blitzschnell zwischen orgiastischer Lebenslust und depressivem Pathos hin und her zuckend. Die bulgarische Zigeunerkapelle Karandila, die zusätzlich als Bühnenmusik eingesetzt ist, hämmert schon vor der Vorstellung auf der Straße auf das Publikum ein, wobei sich mancher aus dem Taxi steigende Premierenbebesucher die Ohren zuhält, glaubt er doch, schon wieder von einer dieser dreisten, bettelnden Musikkapellen aus dem Osten belästigt zu werden.

Die Provinz lässt grüßen

„Gräfin Mariza“ ist Abschluss des Projekts Europäische Operette, das der entlassene, ungeliebte Direktor der Wiener Volksoper, Dominique Mentha, initiierte. Mit italienischen, britischen, spanischen Werken – und nun einem durch und durch ungarischen – sollte die Wiener Operette relativiert werden. Aber das ehrgeizige Vorhaben, das dem zweiten staatlichen Wiener Opernhaus Profil verleihen sollte, war zumindest vom Publikumsinteresse her ein Flop. Entweder langweilten die akademischen Entdeckungsanstrengungen, oder die ambitionierten Regiearbeiten stießen auf Unverständnis wie bei Katja Czelnik, die mit Mascagnis „Sì“ das Publikum duch ein eigenes Libretto verwirrte.

Natürlich ist es von vorneherein ein Himmelfahrtskommando, in Österreich eine Operette zu inszenieren. Neunfels’ Salzburger „Feldermaus“-Sakrileg erhitzt noch heute die Gemüter. Bei Vera Nemirova plichtgemäß ausgebuhter „Gräfin Mariza“ kamen erschwerend die Auflösungserscheinungen vor dem Direktionswechsel hinzu: So mobbte das Orchester den ursprünglich vorgesehenen, von der zeitgenössischen Musik herkommenden Dirigenten Oswald Sallaberger hinaus, weil es sich mit dessen Interpretation von Kalmans Musik nicht anfreunden wollte (zum Glück war Guido Mancusi ein guter Ersatz).

Menthas Lob des Ensemblegedankens gilt heute in Großstädten als anachronistisch und als faule Ausrede für Mittelmäßigkeit, vor allem – schlimmster Vorwurf in Wien! – als provinziell. Die Wiener Volksoper werde zum Tiroler Landestheater, das Mentha zuvor leitete, mäkelte man in Wien. Peinlich war sicherlich, dass er mit dem Argument, kein Startheater zu wollen, den von seinem Vorgänger, dem jetzigen Burgtheaterdirektor Klaus Bachler, eingefädelten Vertrag mit Edita Gruberova stornierte und obendrein noch juristisch verlor. Dass man gerade in der Operette Sänger mit stimmlicher Ausstrahlung und Erfahrung braucht, machte sich allerdings auch bei dem sehr jungen Paar Lisa Houben und Johann Weigel in der „Mariza“ bemerkbar.

Zusammen mit dem Burgtheater sind Volksoper und Staatsoper in der Bundestheater-Holding zusammengeschlossen. Der dabei vorgesehene Austausch zwischen den beiden Opernhäusern funktionierte zuvor allerdings weit besser. Vielleicht wird das durch den neuen Volksopern-Direktor Rudolf Berger, der, über die Wiener Kammeroper kommend, Erfolge in Strasbourg aufzuweisen hat, jetzt besser. Schließlich war Berger zuvor Assistent von Staatsoperndirektor Ioan Holender, der in Wien von Jahr zu Jahr mehr an Ansehen gewinnt – und dessen Biografie übrigens wie die der Gräfin Mariza ganz unten in der Walachei begann.

Das Image des Traditionalisten hat Holender inzwischen abgebaut. Beharrlich stellt er vergessene, einst erfolgreiche Opern vor, die er Größen des neueren Regietheaters anvertraut: Neuenfels, Dew, Pountney. Daneben das Repertoire in Uraltproduktionen. In beiden Wiener Häusern wird so bei guter Auslastung Tag für Tag vor zusammen 3000 Plätzen gespielt. Hinzu kommen 600 Stehplätze für zwei und drei Euro, für die man sich oft lange anstellen muss – wie jetzt auch wieder für Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“ an der Staatsoper. Vor 75 Jahren schaffte dieses Werk hier seinen internationalen Durchbruch – und zwar als Silvesterpremiere. Man brach damit die sonst das ganze 20. Jahrhundert gültige Tradition, am letzten Tag des Jahres die „Fledermaus“ zu spielen.

Erstaunlich, dass die musikalisch ambitionierte Oper eines 27-jährigen Komponisten, die schließlich von Selbstmord und künstlerischer Schaffenskrise handelt und den Aufbruch in die Neue Welt feiert, einst so viel politische Akzeptanz erhalten konnte. Wenige Jahre später galten „Jonny spielt auf“ und seine Titelfigur als entartete Kunst. Günter Krämer, der „Jonny spielt auf“ 2001 an der Deutschen Oper Berlin herausbringen sollte (die Produktion wurde nach dem Tod von Götz Friedrich abgesagt) und in Wien für Herbert Wernicke eingesprungen war, interessierte sich allerdings nicht für die Wirkungsgeschichte. Ein riesiges Hakenkreuz, das von Wernicke bereits gebaut war, konnte er nicht gebrauchen. Stattdessen löste er das Geschehen in einer Zwischenform von Konzert und Oper auf – ein Verfahren, das er auch schon in Köln bei Hindemiths „Tryptichon“ erfolgreich angewandt hatte.

Bei „Jonny spielt auf“ macht das Sinn. Denn Krenek zeigt eine Oper im Entstehen. Der Held ist ja nicht Jonny, sondern der Komponist Max, der seine Probleme durch Kompositionsarbeiten zu lösen sucht, wobei der Jazz-Band-Geiger Jonny Spielführer ist. Krämers Konzept tut der Spielfreude keinen Abbruch: Revuegirls und Polizisten treten bisweilen sogar mitten im Publikum auf.

Dass „Jonny spielt auf“ in Wien erneut zum gesellschaftlichen Ereignis wurde, hat einmal mehr damit zu tun, dass Holender das Interesse durch Stars zu binden versteht. Stars wie Bo Skovhus, Torsten Kerl und Nancy Gustavson, die Ihre Partien bravourös bewältigten. Der Triumph aber gehörte Seiji Ozawa. Ohne Partitur auf dem Pult tänzelte er verzückt zu Kreneks Musik. „Jonny spielt auf“ war sein Einstand als Chef des Orchesters der Wiener Staatsoper, einem Klangkörper, der in letzter Zeit öfter durch Schlamperei und Lieblosigkeit verärgerte.

Bitte nicht bitten!

Der Bundestheaterverband, dessen Bezüge seit 1995 nicht gestiegen sind, braucht ab 2003 rund sieben Millionen Euro mehr, um die Standards zu wahren. Dazu Bundestheater-Chef Georg Springer: „Ich verstehe weder mich noch die Direktoren als Bittsteller. Wir sind ein Dienstleistungsbetrieb, und der Bund ordert bei uns ein Produkt. Wenn man daran interessiert ist, das Produkt weiter in der gewohnten Qualität zu bekommen, muss man uns das Nötige geben. Sonst bekommt man ein anderes Produkt.“

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