Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Die Frage nach dem Verhältnis zwischen Literatur und Film gehört zu den ältesten und mittlerweile auch ermüdensten Debatten ums Kino. Das Arsenal macht es anders. Seit einiger Zeit verfolgt es einen radikal anderen Ansatz im Umgang des Kino mit Texten: Hier werden „Personen aus Filmwissenschaft und -kritik“ eingeladen, einen Film eigener Wahl mit einem Text kommentierend zu präsentieren. Bisher lief die Reihe erfrischend einfallsreich und produktiv.

„Text und Film Nr. 5“ am heutigen Donnerstag verspricht eine besonders ungewöhnliche Konfrontation: Eingeladen ist der Pop-Autor und Kulturkritiker Diedrich Diederichsen, auch in diesem Blatt als Kolumnist präsent. Sein Wunschfilm ist Stanley Kubricks Barry Lyndon (1975), als begleitender Text ist „Anti-Retro“ angekündigt – ein Gepräch, das der französische Drehbuchautor und Regissseur Pascal Bonitzer 1974 mit Michel Foucault führte und in dem anhand einiger damals aktueller französische Filme das Verhältnis von Kino und Geschichtsrevisionismus in Frankreich verhandelt wird. Spannende Frage: Wie setzt Diederichsen Kubricks Film hierzu in Beziehung?

Die Prager FAMU galt schon bald nach ihrer Gründung im Jahr 1945 als eine der renommiertesten Filmhochschulen der Welt – eine Institution, der die tschechoslowakische Filmproduktion ihr internationales Niveau zu danken hat. Doch auch viele Studenten haben von hier aus tschechischen Realitätssinn, Spielwitz und Humor in die Filmwelt getragen. So sind in einer kleinen Reihe mit Filmen ehemaliger FAMU-Studenten, die das Filmkunsthaus Babylon gerade vorstellt, neben Werken tschechischer Regiegrößen wie Jiri Menzel und Vera Chytilova auch Filme von Frank Beyer und Emir Kusturica zu sehen. Dabei werden spätere Erfolge der Regisseure jeweils mit einem kürzeren Stück aus ihrer Studentenzeit kombiniert: Kusturicas Time of the Gypsies (1989) kommt so mit Guernica (1978) zusammen; der 18-minütige Schwarzweißfilm über kindliche Erfahrung mit Rassismus und Staatsgewalt hat nur wenig mit den späteren grellbunten Sittengemälden des jugoslawischen Regisseurs gemein. Vera Chytilovas Studentenfilm Die Decke (1961) dagegen ist zwar noch deutlich braver als ihr berühmtes Tausendschönchen (1966), lässt aber schon viele spätere Stilelemente erkennen und erfreut durch den unbefangen kritischen Blick auf realsozialistisches Konsumgebaren. Die Heldin hat ihr Medizinstudentin abgebrochen, um Model zu werden. Ein heikles Thema: Das gemäßigt sozialistische Halbwelt-Milieu passte wenig zu den proklamierten Idealen – und Kritik daran forderte den falschen Beifall traditioneller Moralhüter heraus. Doch Chytilova gelingt die Gratwanderung (Kusturica am Donnerstag, Chytilova am Freitag im Babylon).

Der Winter hat die Stadt eiskalt im Griff, was noch fehlt, ist richtig Schnee. Den gibt’s zur Not im Kino – und im Potsdamer Filmmuseum in einer Extra-Reihe. Etwa mit Sandrine Veyssets bitterschöner Geschichte Gibt es zu Weihnachten Schnee? (1996), in der es den Flocken sogar gelingt, das Leben einer Familie zu retten. Was will man mehr vom Wetter? Ansonsten bleibt zu Heiligabend in den meisten Programmkinos die Leinwand dunkel. Nur Brotfabrik, fsk und Intimes bieten treu ihr gewohnt gutes Programm. Am ersten Feiertag ist dann alles wieder wie immer.

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