Kultur : Kurzmeldungen

Morgen treten Kultursenator Thomas Flierl und die Berliner Opernintendanten ein letztes Mal zusammen. Eine Alternative zum „Drei-Säulen-Modell“ gibt es nicht Einzelplan 17

Christine Lemke-Matwey

Ein namhafter Maestro (der nicht genannt werden möchte) machte jüngst den Vorschlag, den Adventskranz 2002 ausnahmsweise einmal mit „der Länge nach abnehmenden“ Kerzen zu bestücken. Demnach wäre dem ersten Advent das längste Lebenslicht beschieden und dem vierten das kürzeste. Daraus folgt, logischerweise, dass am vierten Adventssonntag alle vier Kerzen in etwa gleich tief herunter gebrannt sein werden. Eine hübsche Metapher für den Status quo der Berliner Operndiskussion kurz vor Weihnachten. Und wie immer eröffnen sich auch hier noch mehrere Möglichkeiten: Entweder man zaubert hurtig vier neue Kerzen aus der hohlen Hand und schwelgt im Luxus (Modell Kanzler); oder man bläst alle vier Lichter aus und sitzt im Dunkeln (Modell Finanzsenator); oder man sieht zu, wie ein Lichtlein nach dem anderen von ganz allein verlöscht (Modell Kultursenator); oder aber man fächelt unauffällig Sauerstoff in die richtige Richtung, auf dass die Flammen über kurz oder lang den Kranz in die Luft jagen (Modell Intendant). Macht nix, werden viele Leute dann sagen, war ja eh’ zundertrocken.

Dass Kultursenator Flierl und die drei Berliner Opernintendanten sich ausgerechnet am morgigen vierten Advent ein letztes und entscheidendes Mal an einen Tisch setzen wollen (sei dieser nun rund oder eckig), klingt lustiger, als es ist. Vertreter der Deutschen Opernkonferenz, darunter der Bayerische Staatsintendant Peter Jonas, werden, so heißt es, darüber wachen, auf dass sich das Gespräch in konstruktiven Bahnen bewege. Am Sonntag bekommt Flierl dann auch gleich die neue Expertise der Opernkonferenz in die Hand gedrückt – die er bei der endgültigen Verfertigung seines Papiers im neuen Jahr ebenso berücksichtigen will wie die vehement vorgebrachten Bedenken der Intendanten gegen „seine“ Opernstiftung.

Zuletzt war die Debatte eskaliert. Das vermeintlich parteipolitisch motivierte Gezerre der Modelle und Modellchen entpuppte sich als offenes Zerwürfnis zwischen den Intendanten und dem Kultursenator (vgl. Tagesspiegel vom 15. und 17.12.). Die Intendanten kündigten ihre Gesprächsbereitschaft auf und schrieben böse Briefe (mindestens zwei an der Zahl) – der Politiker beschwichtigte; die Intendanten bezichtigten den Politiker, unter dem Stiftungsmäntelchen eine Art „Großfusion“ zu betreiben und sie überdies in der Öffentlichkeit „herabzuwürdigen“ – der Politiker widersprach und zeigte seine Instrumente: Notfalls würde er auf „künstlerisch Verantwortliche“ in den Opernhäusern auch verzichten. Im Klartext: Flierls Opernreform wird auch gegen den erklärten Willen der Intendanten Mussbach, Kost und Zimmermann durchgesetzt werden (und vor allem auch: ohne auf das Trabantengestirn Thielemann und Barenboim Rücksicht zu nehmen). Wäre das so schlimm?

Zu zwei Dritteln hat Thomas Flierl, der in dieser Woche von namhaften Vertretern des Berliner Kulturlebens Rückendeckung erhielt, dieses Problem bereits gelöst – wenngleich auf reichlich unelegante Weise. Albert Kosts Vertrag an der Komischen Oper wurde just in dem Moment nicht verlängert, als er drohte, seinerseits mit pikanten politischen Missständen an die Presse zu gehen. Udo Zimmermanns Tage an der Deutschen Oper wiederum schienen ohnehin gezählt: Um ihn aus dem Amt zu hebeln, reichte ein kleines, fadenscheinig prognostiziertes Defizit. Böse Zungen behaupten übrigens nach wie vor, Zimmermann sei über die unsägliche Antisemitismus-Affäre gestolpert, die Christian Thielemann und er jahrelang vor Gericht gegeneinander ausgefochten haben.

Kost und Zimmermann sind also so gut wie weg. Mit welcher Leidenschaft sie die Interessen ihrer Häuser derzeit beim Kultursenator vertreten, kann man sich lebhaft vorstellen. Neue Kandidaten stehen auch nicht bei Fuß: Andreas Homoki, Kosts designierter Nachfolger, hat bis heute keinen Vertrag unterschrieben. Und der von Flierl als Deutsche-Oper-Berater eingeflogene Ioan Holender aus Wien scheint sich vor allem darauf zu beschränken, Regie-Saurier wie Dario Fo und Peter Stein für Berlin zu gewinnen und das Sängerkarussell ein wenig anzukurbeln.

Bleibt Peter Mussbach, dessen Debüt als Intendant der Staatsoper wenig glücklich ausfiel: Die Verpflichtung des Filmemachers Percy Adlon als Donizetti-Regisseur („L’elisir d’amore“) floppte nett, die so genannten Satelliten-Projekte scheinen eher dazu angetan, den freien Gruppen in der Stadt die letzte Butter vom Brot zu nehmen, und künstlerisch verspricht der Saisonspielplan (Mussbach selbst inszeniert eine neue „Traviata“, Reinhild Hoffmann, die Choreografin, versucht sich an „Ariadne auf Naxos“) wenig wirklich Überraschendes.

Warum gerade die Staatsoper gegen Flierls Modell derart Sturm läuft, liegt auf der Hand. Zum einen hat die Connection Gysi-Schröder-Barenboim schon einmal goldene Früchte getragen, und dem Haus via Michael Naumann, dem damaligen Kulturstaatsminister, eine Morgengabe von 3,5 Millionen Mark beschert. Wenn der Bund, wie Christina Weiss nicht müde wird, zu betonen, sich schon nicht unmittelbar an der Berliner Opernstiftung beteiligen will, sondern allenfalls mittelbar und vielleicht durch Bereitstellung eines Abfindungsfonds für den Personalabbau (bei Flierl heißt das „Strukturhilfe zum Strukturwandel“) – warum dann nicht frühzeitig auf Privilegien pochen? Im Übrigen ist bislang über die Höhe jener mittelbaren Beteiligung nichts bekannt.

Zum anderen ist da das Modell selber, das wiederum keineswegs auf Flierls eigenem Mist gewachsen ist, sondern einer Initiative der CDU zu verdanken ist. Dieses erläuterte der Senator am Freitagmorgen den kulturpolitischen Sprecherinnen und Sprechern aller Fraktionen in einem kleinen Kulturausschuss in der Akademie der Künste – und alle sagten noch einmal, was sie immer sagen. Alice Ströver (Bündnis90/Die Grünen) bemerkte, wie satt sie das ganze „Affentheater“ habe, und bezweifelte die politische Umsetzbarkeit der Flierlschen Ideen: „Ich weiß nicht, ob unsere Kraft reicht.“ CDU-Kollegin Monika Grütters appellierte ans parteiübergreifende Gewissen des Berliner Senats, Brigitte Lange (SPD) qualifizierte Forderungen aus ihren eigenen Reihen nach einer Fusion von Staatsoper und Deutscher Oper als „Einzelmeinungen prominenter SPD-Politiker“, und FDP und PDS flüchteten sich ins Allgemeine. Basisdemokratie zum Anfassen? Öffentliche Selbstverständigungsversuche?

Flierls Wunsch-Szenario: Die Stiftung „Oper in Berlin“ soll zum 1. 1. 2004 gegründet werden. Die drei Opernhäuser werden in GmbHs umgewandelt, nicht-künstlerische Aufgaben wie Verwaltung, Werkstätten und Marketing in eine Bühnenservice GmbH ausgegliedert. Das Land schließt mit der Stiftung mehrjährige Zuwendungsverträge und vereinbart im Gegenzug eine Absenkung der Zuschüsse. Der Stiftungsrat (dem auch Mitglieder des Berliner Abgeordnetenhauses angehören) ernennt die Intendanten und bestätigt die Spielpläne. Dem Stiftungsvorstand sollen neben dem noch zu findenden „Generaldirektor“ auch die jeweiligen Opernchefs angehören. Laut „Einzelplan 17“ des Berliner Haushalts bis 2006 will Flierl mit dieser Reform rund 10 Millionen Euro einsparen.

Dies alles klingt, auf den ersten Blick und in seinem derzeitigen Rohzustand, nicht unvernünftig. Die Autonomie der drei Berliner Opernhäuser bliebe weitgehend erhalten, rationalisiert würde auch, und vielleicht kommen der Kultursenator und die amtierenden Intendanten allen Animositäten zum Trotz ja tatsächlich noch zu einem „konsensfähigen Ergebnis“. Selbst die Generalmusikdirektoren werden an diesem vierten Advent telefonisch erreichbar sein. Auch sie wissen: Es hat sich definitiv ausgezündelt in der Berliner Opernlandschaft. Und die künstlerische Debatte fängt überhaupt erst nach einer Einigung an. Mit wem auch immer.

0 Kommentare

Neuester Kommentar