Kultur : Kurzmeldungen

Der Markt für Bauleistungen ist global geworden. Doch die deutschen Architekten müssen sich nicht verstecken: Die neuen Jahrbücher belegen es eindrucksvoll Die Wüste lebt

Bernhard Schulz

Die Bautätigkeit, der sichtbarste Gradmesser der Konjunkturlage, ist gegenüber dem Vorjahr erneut zurückgegangen – erlahmt, wenn auch nicht erloschen. Dennoch erstaunt nicht nur in Berlin der Optimismus, mit dem weitere Büros und Hotels auch auf teurem Baugrund hochgezogen werden.

Die Konkurrenz ist hart, vor allem ist sie mittlerweile international. Waren es zunächst die Bauarbeiter aus Polen oder Portugal, die den Besitzstand tariflicher Hochlöhne ins Wanken brachten, so sind inzwischen auch die Architekten von der EU-weiten Freizügigkeit erreicht worden. Es heißt, sich auf dem globalen Markt zu behaupten.

So kommt das renommierte Jahrbuch 2002 des Deutschen Architektur-Museums (DAM) in Frankfurt am Main mit seinem Generalthema „Architekturexport“ zum rechten Zeitpunkt (Deutsches Architektur Museum, Jahrbuch 2002. Prestel Verlag, München. 192 S., 34,95 €). „Dass Lord Foster in Deutschland den Reichstag umgebaut hat, dass Franzosen und Amerikaner am Pariser Platz vertreten sind – daran hat man sich gewöhnt“, schreiben die Herausgeber um DAM-Chefin Ingeborg Flagge im Vorwort: „Dagegen gibt es nur wenige deutsche Architekten, die die internationale Bühne mit eigenen Bauten bespielen. Die aber können sich sehen lassen.“

Belege liefert das Jahrbuch in Hülle und Fülle. Die „bisherige Einbahnstraße“, so die eindrucksvoll untermauerte These, hat nichts mit Qualitätsgefälle zu tun. Das minimalistische Hotel, das die Münchner Auer + Weber in die chilenische Atacama-Wüste gestellt haben, oder das Neue Luxor-Theater in Rotterdam des Münsteraner Duos Bolles + Wilson mögen Einzelobjekte sein. Der Bankenturm in Schanghai (ABB Architekten, Frankfurt/Main) hingegen oder das neue Messegelände in Rimini (gmp/von Gerkan, Marg und Partner, Hamburg) sind Nutzbauten, die dem Typ nach dutzend-, ja hundertfach in aller Welt nachgefragt werden.

Der größere Teil des DAM-Jahrbuchs befasst sich, wie stets, mit Neubauten auf deutschem Boden. Überraschungen finden sich kaum – wie das Museum, ist auch sein Jahrbuch unter Ingeborg Flagge eher auf die Bilanzierung des Bekannten eingeschwenkt. Stephan Braunfels’ Münchner „Pinakothek der Moderne“, Günther Henns „Gläserne Manufaktur“ in Dresden, Hans Kollhoffs Leibniz-Kolonnaden in Berlin oder die „Experimentelle Fabrik“ von Sauerbuch und Hutton in Magdeburg – alle Stilrichtungen sind in ihren allenthalben publizierten Spitzenleistungen vertreten. Gleichwohl: So nötig war das DAM-Jahrbuch noch selten.

Im Vergleich hat es vor allem das Jahrbuch 2002/2003 des Bundesamtes für Bauordnung und Raumwesen, „Bau und Raum“, schwerer (Bau und Raum. Jahrbuch 2002 2003. Ernst Wasmuth Verlag, Tübingen. 168 S., 34,80 €). Auch da werden Bauten deutscher Architekten im Ausland vorgestellt – freilich solche für deutsche Auslandseinrichtungen. Taugen sie als Visitenkarten der heimischen Architektur? Das ließe sich vom Botschaftsgebäude in Santiago de Chile (Dieter Baumewerd, Münster) ebenso sagen wie von der Deutschen Schule Budapest nach Plänen des Frankfurter Büros Scheffler Warschauer + Partner. Apropos Budapest: Die Renovierung der 1993 an Deutschland rückübereigneten ehemaligen Reichsgesandtschaft auf dem Budaer Burgberg durch Kersten + Martinoff (Braunschweig) demonstriert das hohe Niveau, das das „Bauen im Bestand“ hierzulande auch wegen der Denkmalschutzgesetze erreicht hat – ebenso wie die zum Auftakt des Buches mit Fanfare vorgestellte Renovierung der Alten Nationalgalerie durch den stillen Stuttgarter HG Merz.

Berlin überragt an Bautätigkeit die nachfolgenden deutschen Großstädte nicht mehr so stark wie in den vergangenen Jahren. München und Hamburg präsentieren sich im Gegenteil frischer, als es Berlin derzeit kann. So nimmt die Münchner „dritte“ Pinakothek im „Architektur-Jahrbuch Bayern 2002“ der Bayerischen Architektenkammer den prominentesten Platz ein (Callwey Verlag, München. 160 S., 39 €) ein. Die zweite Folge des jungen Jahrbuchs hält das gestalterisch hohe Niveau des Erstlings – begünstigt durch eine Fülle bemerkenswerter Bauten, die Bayern auch auf dem Bausektor als Musterschüler unter den Bundesländern erscheinen lassen, wie das Gebäude der Versicherung „Swiss Re“ von Bothe Richter Teherani (Hamburg), das Gymnasium Markt Indersdorf von Allmann Sattler Wappner oder das bereits erwähnte Hotel in Chile.

In „Architektur in Hamburg. Jahrbuch 2002“ begegnet dem Leser erneut die Messe in Rimini von gmp (hrsg. v. d. Hamburgischen Architektenkammer. Junius Verlag, Hamburg. 182 S., 39,90 €). Hinzu kommen ein weiterer spektakulärer Großbau von Bothe Richter Teherani, das Bürohaus „Berliner Bogen“, und eine Fülle von Bauten, die das lange Zeit berechtigte Klischee von der Hamburger Eintönigkeit widerlegen. Das bedeutendste Vorhaben steht überhaupt noch bevor: die Umwandlung des nicht mehr benötigten stadtnahen Hafengeländes zur schicken „HafenCity“, der ein längerer Bericht zum Sachstand gewidmet ist.

Und Frankfurt, das selbstbewusste „Mainhattan“? Da gibt es kein Jahrbuch, sondern eine Übersicht über die „Architektur in Frankfurt am Main 1999 - 2003“ (hrsg. v. Jo. Franzke, Junius Verlag, Hamburg. 280 S., 44,90 €). Sie führt nicht einzelne Highlights vor, sondern ordnet eine Fülle von Neubauten den in Frankfurt tätigen Büros zu, gleich wo sie ihren Sitz haben, umgekehrt aber auch auswärtige Bauten den Frankfurter Büros. Schon das ist unübersichtlich; verwirrend aber ist die Mischung aus ausgeführten und geplanten Bauten: Manches kommt ohnehin nicht in Frage, andere Vorhaben (etwa am Opernplatz) sind unsicher geworden.

Insgesamt gilt für die Periodika des Jahres 2002: Im Vordergrund stehen die – durchweg vorzüglichen – Bilder. Aber auch dies ist ein Baustein zum ersehnten Architekturexport aus deutschen Landen.

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