Kultur : Kurzmeldungen

Nervöses Beziehungsgefüge: Andrea Breth triumphiert mit Lessings „Emilia Galotti“ am Wiener Burgtheater Wenn Männer lieben

Petra Rathmanner

Sie wären ein seltsames Paar: der Prinz, ein galanter Bonvivant, der bekommt, wonach er verlangt. Und die verschreckte Jungfrau, über die Maßen gottesfürchtig und sittsam, ein Muster an bürgerlichen Tugenden. Sollte dieses Mädchen das erste sein, das der Prinz nicht erobern könnte? Wäre es möglich, dass sie überhaupt nicht von einem Prinzen träumt? Verführung und Verweigerung – zwischen diesen Polen changiert die Inszenierung von Andrea Breth. Ihre „Emilia Galotti“ am Wiener Akademietheater bringt eine unerhörte Fremdheit zwischen Männern und Frauen auf die Bühne.

Die Grundstimmung des Abends ist geprägt von Unruhe und hektischer Reizbarkeit. Am Morgen erfährt der Prinz, dass Emilia eigentlich am Nachmittag heiraten sollte. Nun ist jedes Mittel Recht, um rasch die Hochzeit zu vereiteln. Gegen diesen beschleunigten Handlungsdruck setzt Breth, die Meisterin des Rhythmus, das Prinzip der Verlangsamung. Minutenlang beobachtet man, wie der Prinz, der fabelhafte Sven-Eric Bechtolf, den Morgen beginnt und eine fast manische Nervosität entfaltet: Barfuß, im Pyjama, hetzt er über die Bühne, dass die Hosenbeine nur so flattern. Nirgends mag der Getriebene verweilen, da nimmt er einen Schluck Whisky, dort fingert er an der Musikanlage, dann lümmelt er sich wieder in den Fauteuils. Spärlich möbliert mit Designerstücken, stellt die Einheitsbühne von Annette Murschetz einen zeitlos-eleganten Raum dar: gerade Linien, gedeckte Brauntöne, edle Materialien. Ein steter Windhauch streift die weißen Gazevorhänge im Hintergrund. Ein aalglattes Ambiente für einen gewissenlosen Charmeur, der zwischen Socken anziehen und Schuhe schnüren „recht gern“ – wie es im Stück heißt – ein Todesurteil unterzeichnen würde.

In diesen Gemächern, wo man gleichermaßen kühl über Tod und Begnadigung entscheidet, bleiben die Frauenfiguren seltsam fremd. Sie nehmen nicht Platz, führen ihre Dialoge meist stehend und treten rasch wieder ab – als wären sie nur auf der Durchreise: Andrea Clausen als mondäne Gräfin Orsina, Elisabeth Orth als Emilias Mutter, die ihre Würde selbst dann noch bewahrt, wenn sie vom Ehemann auf offener Bühne eine Kopfnuss einfängt. Und schließlich Johanna Wokalek, eine vor Aufregung atemlose Emilia, die sich erst beruhigen kann, als sie ihren letzten Monolog hält, in dem sie ihren Vater (Michael König) bittet, sie zu töten.

Emilia Galotti, 1772 uraufgeführt, ist ein Hauptwerk der Aufklärung. Seinerzeit war Lessings Drama ein Kassenschlager, der sein Publikum zu Tränen rührte. Die bürgerliche Moral, die unter dem liederlichen Prinzen darbt, die Ehre, die der jungen Emilia wichtiger ist als ihr Leben – Lessing traf die Empfindungen seiner Zeit. Heute haftet dem Text freilich etwas Biederes an, er vermittelt ein antiquiertes Weltbild und steht für verstaubte Tugenden ein. Kurz, das Stück scheint unspielbar. Nur machbar mit viel Ironie oder vehementen Eingriffen – wie vor kurzem bei Michael Thalheimer am Deutschen Theater. Nun tritt Andrea Breth den Gegenbeweis an: Ihre Inszenierung folgt dem Text auf den Punkt und legt dennoch ein pochendes Beziehungsgefüge frei.

Das eingespielte Ensemble trifft den richtigen Ton. Mit wehmütiger Leichtigkeit und einem Schuss Melancholie wird darüber getrauert, dass das Begehren zwischen Männern und Frauen so wenig Erfüllung findet.

Die Aufführung poliert Breths Ruf als textgenaue Regisseurin mit Gespür für die Abgründe der Figuren. Ein Glanz, der in letzter Zeit etwas verblasst ist: Andrea Breth ist nach ihrer aufreibenden Zeit als Direktorin der Berliner Schaubühne von Klaus Bachler ans Burgtheater geholt worden. Seit 1999 hat die Regisseurin in Wien vorwiegend Klassiker inszeniert, die entweder nüchtern und staubtrocken gerieten, wie etwa Schillers „Maria Stuart“, oder sich in nebulos-schwammigen Anspielungen verloren, wie bei Kleists „Kätchen von Heilbronn“. Mit „Emilia Galotti“ beschäftigt sich die Regisseurin indes schon seit Jahrzehnten. Genauer: Seit 1980, als sie mit dieser Inszenierung an der Freien Volksbühne in Berlin West scheiterte. Die Mühe hat sich gelohnt. Andrea Breth ist ein wunderbarer Abend geglückt.

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