Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Wenn das Jahr zu Ende geht, zieht der Mensch auf unterschiedliche Weise Bilanz. Für die Steuererklärung muss er Papiere zusammensuchen, und aus purer Lust an der Statistik kann er auch seine liebsten Bücher oder Filme aufzählen. Darüber hinaus gibt es Leute, die zum Jahresende bewusst darüber nachdenken, was das Jahr ihnen gebracht hat. Oder das ganze bisherige Leben.

Für jedes Gefühl gibt es einen Film, und der Klassiker in Sachen Lebensrückblick ist Ingmar Bergmans Wilde Erdbeeren (1957). Protagonist dieses frühen Road Movies ist der 78-jährige Medizinprofessor Isak Borg (gespielt vom Stummfilm-Regisseur Victor Sjoström), der auf dem Weg zu einer Preisverleihung Verwandte, Freunde und Fremde trifft, die ihn an wichtige Stadien seines Lebens erinnern. Borks Todesahnungen und die Erkenntnis, dass er vieles versäumt hat, grundieren einen der schönsten Filme Bergmans, optimistisch und voller Menschenliebe (Donnerstag, Sonnabend, Montag und Mittwoch im Lichtblick).

Ein ähnlicher Balanceakt gelang Marcel Carné mit Kinder des Olymp (1945), jenem klassischen Liebes- und Kostümfilm, der unter deutscher Okkupation in Paris entstand. Man verlässt das Kino ganz beseelt, obwohl am Ende alle Beziehungen zerrüttet sind: die Ehe des Pantomimen Baptiste (Jean-Louis Barrault) mit Nathalie (Maria Casarès) und seine Affäre mit der Kurtisane Garance (Arletty). Was macht so glücklich? Carné und sein Drehbuchautor Jacques Prévert zeigen, dass es ein Leben auch nach der Liebe gibt (Donnerstag bis Montag im Bali).

Aus Protest gegen die Festtage kann man sich auch bewusst eklige Filme ansehen. Als Kontrast zur x-ten „Sissi“-Wiederholung seien zwei Schocker empfohlen, die wegen ihres hohen Niveaus einen unangenehmen Kinoabend garantierten. Pier Paolo Pasolinis Schlachtfest Die 120 Tage von Sodom (1975) gebührt die Ehre, selbst im Zeitalter des Schmuddel-TV niemals auf dem Bildschirm aufzutauchen (Freitag und Montag im Babylon Mitte). Und Peter Greenaways Der Koch, der Dieb, seine Frau und ihr Liebhaber (1989) ist wegen seines Themas hochaktuell: Kannibalismus. Ein toter Mann in delikater Soße bildet den Höhepunkt – und eine Alternative zur Weihnachtsgans (Melodie/Potsdam).

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