Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

„Die Philosophen haben die Welt nur verschieden interpretiert, es kömmt darauf an sie zu verändern.“ So heißt es in der berühmten elften und letzten der Marxschen „Thesen über Feuerbach“, die er 1845 in Auseinandersetzung mit den materialistischen Positionen des Malerphilosophen fomulierte. Es kommt darauf an, sie zu verändern : So heißt ein Dokumentarfilm, in dem die Berliner Filmemacherin Claudia von Alemann 1973 marxistische Gesellschaftskritik aus feministischer Perspektive zu befragen suchte. Damals gab es noch Lese- und Leichtlohngruppen und unterbezahlte Industriearbeit von Frauen. Alemanns Film untersucht die Formen der Frauenarbeit in Fabrik und Familie, befragt die Arbeiterinnen selbst und sucht nach Wegen, auch abstraktere Zusammenhängen filmisch zu vermitteln – zu Zeiten, wo bei uns die Fabrikarbeit endgültig am Verschwinden ist, nicht nur filmhistorisch ein aufschlussreiches Dokument. Gezeigt wird der Film am Montag im Rahmen eines FU-Dokumentarfilm-Seminars im Arsenal zusammen mit Connnie Fields The Life and Times of Rosie the Rivetter , einem Film, der einige Jahre später, 1980, noch einmal Glanz und Niedergang proletarischen Frauenlebens in den USA dokumentarisch porträtiert. Da hatte sich der Zeitgeist schon von der Verbesserung der Welt ab- und der therapeutischen Arbeit am Selbst zugewandt. Und die dennoch gegenwärtige Kritik am Bestehenden orientierte sich zunehmend an zivilisationskritischen Modellen.

Godfrey Reggios Koyaanisqatsi war 1982 der vielleicht bezeichnendste filmische Vertreter dieser Haltung. Schon der Titel bedient sich programmatisch eines Ausdrucks der Hopi-Sprache, der „das aus dem Gleichgewicht gebracht Leben“ bezeichnet, um das Thema vorzustellen. Reggios Film ist eine tongewaltige und bilderrauschende Film-Symphonie, die in tausend Variationen immer das gleiche Thema inszeniert: Den Gegensatz zwischen Natur und moderner Zivilisation, Ruhe und Hektik, als sinnesbetäubender Filmrausch. Ein größerer Gegensatz zu Alemanns Aufklärungs-Ästhetik lässt sich kaum vorstellen. (Börse von Samstag bis Dienstag.)

Eine ganz andere – vorwärtsgerichtete – Verknüpfung von Zustandbeschreibung und Utopie unternimmt Vittorio de Sicas Das Wunder von Mailand , ein filmisches Märchen, das 1950 auf ganz eigenartige und manchmal surreale Weise den nüchternen Blick der italienischen Neorealisten zur sozialen Aufbruchsfantasie erweitert. Doch Revolution wird hier nicht gemacht, ganz und gar unmaterialistisch kommt die Erlösung von einem wundertätigen Himmelsgeflügel, das eine gütige alte Dame den Bewohnern einer Mailänder Elendssiedlung aus dem Himmel herabschickt. Am Ende reiten die Armen einfach auf ihren Besen vom Mailänder Domplatz in den Himmel. (Sonntag und Dienstag im Babylon.)

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