Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Klingt das nicht aufregend? „Hedy Lamarr als Eingeborenenmädchen Tondelayo, das die Männer einer Gummiplantage in den Wahnsinn treibt“? So knapp und zutreffend beschreibt eine Programmzeitschrift das exotische Drama White Cargo (1942), das in den USA Kultstatus genießt, bei uns aber nie einen Verleih gefunden hat. Die in Wien geborene Hedy Lamarr, eigentlich Hedwig Kiesler, hatte in Hollywood einen Sonderstatus: Als einzige deutschsprachige Schauspielerin durfte sie ihre Herkunft vergessen und südländische Schönheiten verkörpern. Wenngleich es dem MGM-Boss Louis B. Mayer nicht gelang, aus ihr eine zweite Garbo zu machen, so avancierte sie doch immerhin zur Liebesgöttin des gehobenen B-Films, und dafür ist „White Cargo“ ein exzellentes Beispiel. In den sechziger Jahren, als ihre Karriere längst beendet war, sorgte Hedy Lamarr als Ladendiebin für Schlagzeilen. Und bewies dabei gewiss mehr Stil als Winona Ryder (Mittwoch im Arsenal).

Ähnlich bizarr wie der Rollenname Tondelayo klingt Thymian. So heißt Louise Brooks in G.W. Pabsts Tagebuch einer Verlorenen (1929), einem der letzten deutschen Stummfilme und einem äußerst seltenen Beispiel für intelligente Kolportage. In dem Groschenroman, der ihm als Vorlage diente, entdeckte Pabst gesellschaftskritisches Potential. Die Apothekertochter Thymian, im bewusstlosen Zustand vergewaltigt und von ihrer Familie verstoßen, landet in einem Erziehungsheim, wird von einer Aufseherin (grandios: Valeska Gert) gequält, bricht aus – und findet Zuflucht in einem Bordell. Bei Pabst ist das ein Happy-End (Sonntag im Arsenal).

Auf die derzeit über Wochen laufende vollständige Luis Buñuel-Retrospektive im Arsenal ist bereits hingewiesen worden. Ein bisschen geringschätzig blicken manche Cineasten dabei immer wieder auf die mexikanischen Melodramen, die sein Werk der fünfziger Jahre dominierten. Dabei sind diese Filme, etwa Susana, die Tochter des Lasters (1951, gezeigt am Sonnabend), Musterbeispiele für ironisch distanzierte, kein bisschen tränenselige Abrechnungen mit einer heuchlerischen Gesellschaft.

Tragische Schicksale kann man auch auf dritte Art schildern, ohne die ironiefreie Kolportage von „White Cargo“, ohne die Distanz eines Pabst oder Bunuel. Sydney Pollacks Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss (1969) handelt von einem Tanzmarathon im Amerika der dreißiger Jahre. Die Teilnehmer stehen mit einem Bein in Hollywood und mit dem anderen in der Suppenküche. Pollack gelang großes Gefühlskino ohne Kitsch, und seine Hauptdarstellerin Jane Fonda hätte einen Oscar gewonnen, wäre sie nicht kurz vor der Verleihung wegen ihrer Opposition zum Vietnamkrieg als „Hanoi Jane“ diffamiert worden. Überhaupt schaffte der Film einen ungewöhnlichen Rekord: neun Oscar-Nominierungen, darunter keine für den besten Film. Dem Auswahlgremium war er zu unbequem, seine Abrechnung mit der Traumfabrik zu schmerzhaft (heute und Freitag im Babylon Mitte).

0 Kommentare

Neuester Kommentar