Kultur : Kurzmeldungen

Alles längst erforscht? Von wegen. Seit Jahrzehnten beschäftigt sich Reiner Stach mit dem Schriftsteller Franz Kafka. Diese Woche stellt er in Berlin den ersten Teil seiner Monumental-Biografie des Dichters vor Franz K. Superstar

Ulrich Rüdenauer

Sitzt Reiner Stach im Arbeitszimmer seines Hauses auf La Palma und schaut aus dem Fenster, dann eröffnet sich ihm ein unbeschreiblicher Panorama-Blick aufs Meer und auf die Berge. „Cinemascope", sagt er. Das Wetter: ein Drittel Wolken, zwei Drittel blauer Himmel. Die Mittagstemperatur liegt so bei 20, 22 Grad. Um halb Acht geht die Sonne langsam am Horizont unter. Es sind durchaus widrigere Arbeitsbedingungen vorstellbar für jemanden, der sich vor allem mit Worten beschäftigt.

Etwa jene Franz Kafkas zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Prag: In einem Durchgangszimmer, das ausgerechnet zum Schlafraum der Eltern führte, hatte Kafka sein asketisch eingerichtetes Domizil. In diesem Zimmerchen ereignete sich 1912 – scheinbar völlig voraussetzungslos – eine Eruption, die in der Weltliteratur ihresgleichen sucht, wie Reiner Stach in seiner Biografie über den Prager Schriftsteller fast verblüfft notiert. In einer einzigen Nacht schrieb Kafka „Das Urteil" – und wusste von diesem Augenblick an, dass es Wichtigeres als die Literatur in seinem Leben nicht geben würde. „Ja", sagt Stach, „mich verlockt das Rätsel, wie so etwas zustande kommt: die absolute Präzision der Sprache, dieses Schreiben auf höchstem Niveau. Aber auch die absolute Ehrlichkeit und Schonungslosigkeit gegenüber sich selbst, die man bei Schriftstellern selten findet."

Der erste Band von Stachs großer Lebensbeschreibung, der die „Jahre der Entscheidungen" zwischen 1910 und 1915 umfasst, ist bei S. Fischer im Herbst erschienen. Ein Klotz von 700 Seiten, gleichwohl keine Seite zu dick. Der ehemalige Wissenschaftslektor unternimmt darin den spannenden Versuch, zwei Extreme biografischen Schreibens zusammenzuführen: eine empathische, literarische, gar filmische Form und die streng literaturwissenschaftliche.

Die Aufmerksamkeit für das auf drei Bände angelegte Projekt hätte von Anfang an kaum größer sein können. Stach wusste, worauf er sich einlässt, als er seiner Verlegerin Monika Schoeller 1995 seinen Plan präsentierte: „Wenn man über Kafka schreibt, steht man unter genauester Beobachtung einer breiteren Öffentlichkeit - und zwar international.“ Die Messlatte sei enorm hoch, meint er. „Kafka ist eine Popfigur.“ Ein Risiko also, das vom Verlag finanziell voll getragen wurde und sich nun auszahlt: Die dritte Auflage ist ausgeliefert, eine spanische Ausgabe erscheint im Mai, eine englische im nächsten Jahr.

Der besonderen Aufmerksamkeit der akademischen Platzhirsche, die ihr Revier verteidigen müssen, kann man sich bei solch einem Unternehmen ebenfalls sicher sein: Darf der das überhaupt, wurde in mancher Kritik gefragt, romanhaft über den heiligen Franz schreiben? „Ich finde, dass das legitim ist", sagt Stach. „Man darf nur nichts erfinden, das ist klar. Die Fantasie muss man schon im Zaum halten.“ Mythen und Legenden, die über Kafka im Umlauf sind, möchte er stattdessen korrigieren, ein anderes Kafka-Bild schaffen, auch für einen breiteren Leserkreis. Das sei ein wichtiger Impuls bei der Arbeit - und mit einem auf Exklusion bauenden professoralen Gestus, weiß er, lässt sich das schwerlich bewerkstelligen.

An wissenschaftlicher Gründlichkeit und Methodenbewusstsein mangelt es dem 1951 in Sachsen geborenen und in der Nähe von Karlsruhe aufgewachsenen Biographen dennoch nicht: Dutzende Regalmeter mit Materialordnern, Büchern und Dokumenten umgeben den Autor; zeitgenössische Reiseführer über Prag und Böhmen oder das Deutsche Reichsbahn-Kursbuch von 1913 stehen griffbereit. Sein PC birgt ein noch viel größeres Wissensarchiv: mit Akribie angelegte Datenbanken, die zielsicheren Zugriff auf jedes Kafka-Zitat, auf jeden Tag in dessen, äußerlich betrachtet, recht ereignisarmem Leben erlauben – eine enorme Erleichterung im Vergleich zum Zettelkastensystem, das für Stach noch bei seiner 1987 erschienenen Dissertation über „Kafkas erotischen Mythos“ state of the art war. Das alles muss sein: Zwar geht nichts über das „narzisstische Erlebnis“, eine gute Seite geschrieben zu haben, aber die Fleißarbeit setzt der liebe Gott davor. „Ich habe zum Beispiel in den letzten Tagen 700 Sonntage - böhmische, christliche und jüdische Feiertage - in diese Datenbanken eingetragen. An manchen Tagen ist es wichtig zu wissen, ob Kafka im Büro war, ob er die Möglichkeit hatte, nach Berlin zu Felice zu fahren - oder eben nicht.“ Eine imposante Kafka-Chronik hat sich Stach so nach und nach erarbeitet, und diese soll nach Vollendung der Biografie veröffentlicht werden. „Das wird eine Überraschung geben“, sagt er. „Wenn die publiziert wird, kann das Publikum auch sehen, was ich alles weglassen musste.“

Bis dahin dürfte noch ein Weilchen vergehen. Die Frage nach dem Zeitplan für die beiden folgenden, ebenso umfangreich konzipierten Bände findet er „kitzlig“: Noch einmal sechseinhalb Jahre solle es aber nicht dauern, bis der Teil über Kafkas letzte Lebensjahre zwischen 1915 und 1924 erscheint. Der richtige Ton ist ja inzwischen gefunden. Allerdings: Die Quellenlage wird dünner, der Briefwechsel Kafkas ist weniger dicht, und im politischen Umfeld überstürzen sich zu jener Zeit die Ereignisse.

Ein weiteres Problem stellt sich für den Band über die Kindheit und Jugendjahre, den Stach zuletzt angehen wird: Man weiß darüber nur sehr wenig; Kafka hat alle frühen Schreibversuche verbrannt. Unverzichtbare Erkenntnisse erhofft sich Stach vom noch nicht zugänglichen Nachlass Max Brods, der nur ein Jahr jünger war als Kafka, zur gleichen Schule ging, zum Teil die gleichen Lehrer hatte. Auch über die Zeitatmosphäre, das Leben in einer jüdischen Familie und die Prager Literatenszene, könnte dieses Konvolut aus knapp 20 000 Briefen, aus Tage- und Notizbüchern weiteren Aufschluss geben.

Ansonsten behält Stach das Grundmuster seiner Arbeit bei: „Ich gehe nicht von der Psyche dieses einzelnen Menschen aus. Was hilft es mir, wenn ich weiß, dass Kafka zwangsneurotisch war? Stattdessen versuche ich erst einmal, eine Gesamtsituation zu verstehen, um dann die Person Kafka in diesem Gesamtkontext zu situieren.“

Der immense Aufwand mag ein Grund dafür sein, dass sich bisher niemand an eine solch umfassende Kafka-Biografie gewagt hat. Zumal die enorme Wissensexplosion erst in den letzten Jahren stattfand – die Prager Archive öffneten sich, seit kurzem liegt eine Kritische Ausgabe vor, und Stach selbst entdeckte den Nachlass von Kafkas Verlobter Felice Bauer in den USA. Aber auch die Vielfalt an Themen, mit denen man sich zu befassen hat, mag manchen Germanisten von der Aufgabe abgeschreckt haben. Stach, der in Frankfurt Philosophie, Literaturwissenschaft und Mathematik studiert hat, musste schon als Wissenschaftslektor eine große Bandbreite von Sachgebieten abdecken – „da ist man eher gewöhnt, viele Themen parallel im Kopf zu haben“.

All das erfordert eine gewisse Disziplin: Morgens nach dem Frühstück geht es an den Schreibtisch, bis 14 Uhr meistens, dann ist das Energiedepot geleert, aber eine weitere Seite beschrieben - „danach ist Schluss, ähnlich wie bei Thomas Mann“. Nachmittags bietet dann La Palma genügend Möglichkeiten, sich zu erholen: „Es ist immer wie ein kleiner Urlaub.“

Damit man nicht zu neidisch wird: Nur die Wintermonate verbringt er auf den Kanarischen Inseln, den Sommer über schaut Stach vom Schreibtisch in einem Haus in Osnabrück auf einen kleinen Garten. „Die Arbeitsbedingungen sind natürlich nicht optimal, weil es keine große Bibliothek gibt. Aber das wird sich irgendwann auch ändern. Nicht, dass ich dreißig Jahre in Osnabrück verbringen werde." Dass er die nächsten dreißig Jahre mit Kafka verbringen wird, klingt da schon wahrscheinlicher.

Reiner Stach stellt seine Biografie „Kafka. Jahre der Entscheidung“ am Dienstag um 20 Uhr im Literaturhaus vor.

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