Kultur : Kurzmeldungen

Heute erscheint in den USA und in Deutschland der dritte und beste Roman von Siri Hustvedt: „Was ich liebte“ Ein Schatten des Malers

Günther Grack

„Für Paul Auster“: Siri Hustvedt hat ihren neuen Roman, wie schon ihren Erstling "Die unsichtbare Frau", ihrem Ehemann gewidmet, und man darf aus der wiederholten Dedikation schließen, dass das Imperfekt des Titels „Was ich liebte“ nicht für die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft des New Yorker Schriftsteller-Paares gilt. „What I Loved“, die amerikanische Originalausgabe, erscheint dieser Tage in New York zeitgleich mit der deutschen Übersetzung im Rowohlt Verlag.

Paul Auster und Siri Hustvedt sind, über die Literaturszene hinaus, eine doppelte Attraktion: ein schicker Mann, eine schöne Frau. Wache Augen freilich sind ebenso erforderlich für Austers jüngstes „Buch der Illusionen“ wie jetzt für Hustvedts dritten, umfangreichsten und anspruchsvollsten Roman. Nach ihrem Debüt „Die unsichtbare Frau“ (1992) und dem Nachfolger von 1996, „Die Verzauberung der Lily Dahl“, hat die 47-jährige Autorin in „Was ich liebte“ eine geballte Menge Lebenserfahrung eingebracht: „der Roman als Sack, in dem alles Mögliche stecken kann“, wie es in Anspielung auf Sternes „Tristram Shandy“ einmal heißt.

Ihre vorangegangenen Romane hatte Siri Hustvedt, sozusagen naturgemäß, aus weiblicher Perspektive erzählt. Als Tochter eines Skandinavistik-Professors und einer Norwegerin in Northfield/Minnesota aufgewachsen, in New York an der Columbia University zur Literaturwissenschaftlerin ausgebildet und mit einer Arbeit über Charles Dickens promoviert, schickte sie in jenen beiden Büchern ihre jungen Heldinnen auf eine abenteuerlich-alptraumhafte Suche nach sich selbst. Nun ist sie angekommen in der Welt der Künstler und Intellektuellen, der sie auch selber angehört – allerdings hat sie als erzählendes „Ich“ das Geschlecht gewechselt. Hier spricht ein Mann: Leo Hertzberg, 1930 als Sohn jüdischer Eltern in Berlin geboren, seit 1938, nach drei Londoner Exiljahren, ansässig in New York, von Beruf Hochschullehrer der Kunstgeschichte.

Was er hier, in der Rückschau, aus seinem Leben erzählt, umspannt 25 Jahre und endet im Sommer 2000 mit der letzten Seite seiner Aufzeichnungen. Angefangen hat alles mit der Faszination, die das Bild eines jungen Malers, ausgestellt in einer Galerie Downtown Manhattan, auf den Kunsthistoriker ausübt: ein Frauenakt, vom Künstler William Wechsler rätselhafterweise als „Selbstporträt“ betitelt. Leo Hertzberg, das Bild studierend, begreift, dass es tatsächlich drei Personen zeigt: außer der Zentralfigur, einer liegenden, nur mit einem T-Shirt bekleideten fülligen Frau, eine zweite, aus dem Bildraum heraustretende Frau, von der nur ein Fuß zu sehen ist, und den Schatten einer dritten Person, Bauch und Schenkel der Liegenden verdunkelnd – es könnte der Schatten des Betrachters sein. Oder auch des Malers. „Es ist, als betrachtete man den Traum eines anderen“, sagt Leos Frau Erica zu dem Bild, das ihr Mann für die gemeinsame Wohnung erworben hat.

Als Leo den Maler in seinem Atelier besucht, beginnt eine wunderbare Freundschaft, die bald auch die Ehefrauen einschließt, Erica und Lucille, beide schwanger, sowie eine weitere Frau, Violet, das Modell für Bill Wechslers Akt. Der Schatten, der über diesem „Selbstporträt“ liegt, wird sich später als bedeutsam erweisen, als Vorzeichen einer allmählichen Entfremdung.

Siri Hustvedt hat das Gruppenbild, das aus diesem Gemälde erwächst, groß angelegt und seine diversen Partien mit feinem Pinsel ausgefüllt. So die familiäre Nähe der beiden Ehepaare, die es lieben, mit ihren kleinen Jungen Matthew und Mark zusammen Urlaub auf dem Bauernhof zu machen. So die nervösen Spannungen, die sich aus den beruflichen Ambitionen der drei jungen Mütter ergeben: Erica, Literaturwissenschaftlerin, schreibt ein Buch über Henry James, Lucille arbeitet als Lyrikerin und freie Lektorin. Und Violet, deren Beziehung zu Bill immer enger wird, bereitet ihre Dissertation über ein medizinhistorisches Thema vor, die Behandlung von Hysterie im Pariser Krankenhaus Salpetriere gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Bill selbst wendet sich von der Porträtmalerei einem neuen Genre zu, der Installation dreidimensionaler Objekte: Puppenstuben, die in der Kombination von Figuren, Fotos und Texten Rätsel aufgeben.

Zu Beginn seiner Rückschau darauf, „was ich liebte“, ist Leo Hertzberg ein Mann in den besten Jahren. Der gebürtige Berliner, der sich nur noch vage seiner Kindheit in einer großzügigen Altbauwohnung in der Mommsenstraße 11 erinnert, hat sich in der New Yorker Wahlheimat etabliert, glücklich in Ehe und Beruf.

Auf dieses Glück aber ist kein Verlass. So wie sich die Sehkraft des Kunstkenners durch eine Augenkrankheit eintrübt, so fällt auch über sein Leben in der anfangs harmonischen Gemeinschaft mit Frau und Kind, Freund und Freundinnen ein Schatten, der sich mehr und mehr verdüstert. Schlag folgt auf Schlag: Sohn Matthew, zusammen mit Bills Sohn Mark in ein Feriencamp geschickt, verunglückt beim Paddeln tödlich, Leos Ehe geht darüber kaputt, Freund Bill stirbt einen plötzlichen Herztod. Vage verspürt Leo, wie ihn ein lähmendes Gefühl der Frustration erfasst. Was ihm noch bleibt, ist die stellvertretend väterliche Fürsorge für Mark, der zwischen den Frauen seines Vaters, Lucille und Violet, hin- und hergerissen ist. Ein Sorgenkind, das sich allen Zuwendungsversuchen mit Lug und Trug entzieht, schließlich in die Halbwelt einer Kunstschickeria abtaucht, deren Horror-Performances in einem realen Mord gipfeln. Leos Versuch, des flüchtigen jungen Mannes, der, als Frau verkleidet, sich einem satanischen Guru angeschlossen hat, habhaft zu werden, wird zur „seltsamsten Reise meines Lebens“: durch bizarre Superhotels von Minneapolis, Iowa City und Nashville immer auf den Spuren des den Herrn Professor narrenden schrägen Pärchens. Eine glänzend geschriebene Passage, voller Drive, funkelnd von Ironie, auch Selbstironie.

Der fesselnde Roman endet, ein weiterer Vorzug, gänzlich unsentimental. Leo Hertzberg, mittlerweile siebzig, ist in seiner Wohnung allein, es ist der Abend des 30. August 2000, er hat erzählt, was zu erzählen war, was und wen er geliebt hat. „Ich werde jetzt aufhören zu tippen, mich in meinen Sessel setzen und meine Augen ausruhen.“ Aber nicht zum Schlafen oder gar Sterben. Er erwartet, wie an jedem Abend, seinen Adlatus: "In einer halben Stunde kommt Laszlo und liest mir vor."

Siri Hustvedt: Was ich liebte. Roman. Aus dem Amerikanischen von Uli Aumüller, Erica Fischer und Grete Osterwald. Rowohlt Verlag, Reinbek 2003. 477 Seiten. 22,90 Euro.

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