Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Neben Erich von Stroheims Megalomanien darf Playtime von Jacques Tati als eines der größten Produktionsdesaster der Filmgeschichte gelten. Ähnlich wie Stroheim trug auch Tati jahrelang seine originäre Filmästhetik mit sich herum, die er in einem Meisterstück endlich in die Tat umsetzen wollte. Wie dort, so wurden auch hier die künstlerischen Extravaganzen des Regisseurs dem Projekt zum Verhängnis. Die praktische Arbeit an „Playtime“ hat Tati 1964 begonnen, ins Kino kam der Film drei Jahre, viele exzessive Proben und etwa 250 lange Drehtage später: Die Produktionsgeschichte wäre ein Monumentalfilm für sich. Für Jacques Tati war es der letzte Film.

Wieder tritt der Regisseur selbst als Monsieur Hulot auf, diesmal als staunender Beobachter – zwischen amerikanischen Touristengruppen und in einem hyperfuturistischen Paris der Zukunft, das funktionelle Kälte zeigen soll und doch vor allem die Sexy Sixties miterzählt. Weil die ursprüngliche Absicht, den Film an Originalschauplätzen zu drehen, an den Drehgenehmigungen für Flughäfen und Supermärkte scheiterte, ließ Tati von seinem Ausstatter Eugène Roman die Zukunfts-Stadt als Modell mit fahrbaren Kulissen vor den Toren von Paris aufbauen. Einzelne Bauteile des Flughafens Orly etwa wurden abfotografiert und – in Originalgröße – in die Film-Dekoration tapeziert.

„Playtime“ ist Kino pur, mit allen herrlichen Tricks dieses Mediums. Kino allerdings à la Tati: fast ohne Handlung, dafür ganz dem Gestischen und dem künstlichen Raum hingegeben. Dass Tatis tiefenscharfe Panoramen auf dem TV-Schirm nicht funktionieren, machte unlängst eine Ausstrahlung des Films auf Arte drastisch klar. Nun aber steht Kinoglück ins Haus, analog und komplett: Am Freitag wird der Film im Rahmen einer FU-Tagung zu „architektonischen und kinematographischen Räumen“ mit einer Einführung der Filmwissenschaftlerin Gertrud Koch im Arsenal aufgeführt, und das in einer frisch restaurierten 70-mm-Kopie.

Tatis Film dürfte auch Banausen den kategorischen Unterschied zwischen Pixeln und Zelluloid begreiflich machen. Gerade sogenannte Experimentalfilmer sind da oft sehr materialbewusst, manchmal auch echte Fetischisten. Dass neben den Installateuren der Bildenen Kunst heute immer mehr Filmemacher mit Video arbeiten, hat vereinzelt ästhetische, aber meist Kostengründe. So hat auch Theo Thiesmeier sein Ta Katie t’a quitté (bitte laut aussprechen!) auf Digital-Video gedreht, die Arbeit daran allerdings auch bewusst als Übung in dem für ihn neuen Material konzipiert. Der Film, bei dem ein Halbdutzend verschiedene Aufführungen eines Vortragsabends der Chansonsängerin Anne Bennent sanft zu einem etwa 15-minütigen Rondo zusammenfließen, ist Teil des monatlichen, stets anregenden FilmSamstags im Babylon Mitte. Theo Thiesmeier versammelt neben der eigenen Arbeit kurze Filme von Ernie Gehr, Jean Rouch, Renate Sami und Len Lye.

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