Kultur : Kurzmeldungen

„Schule ist der Ort, wo wir in die Welt kommen“: Dokumentarist Nicolas Philibert über „Sein und Haben“ und die Schwierigkeiten des Zusammenlebens Auf Kinderkopfhöhe

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Einen Dokumentarfilm über eine Zwergschule in der Provinz zu drehen – das klingt nicht gerade aufregend. Was war zuerst da, die Schule oder die Idee?

Es war mehr eine Neugier als eine Idee. Ein halbes Jahr lang fuhr ich mit meinem Auto und einer Landkarte durch die Gegend und besuchte Grundschulen. Am kompliziertesten waren die Vorarbeiten. Um Kontakt zu den Lehrern aufzunehmen, musste ich bei der staatlichen Schulverwaltung alle möglichen hierarchischen Hindernisse überwinden, den Beamten Faxe schicken und sie am Telefon beschwatzen. Wenn ich dann die Nummer des ein oder anderen Lehrers bekam, war es natürlich nicht die Privatnummer, sondern die in der Schule. Also wurde ich Experte für die möglichst effektive Ausnutzung von Pausenzeiten.

Worauf waren Sie denn so neugierig, dass Sie all diese Mühe in Kauf nahmen?

Es geht mir in all meinen Dokumentarfilmen um Begegnungen. Und darum, eine Geschichte zu erzählen. Ich überbringe keine Botschaft, und diskutiere auch nicht die Bildungsmisere oder die PisaStudie. Mich interessiert diese kleine Schulklasse, weil hier das beginnt, was man soziales Verhalten nennt. Die Schule ist die erste menschliche Gemeinschaft, die wir nach der Familie erleben. Hier lernen wir die Regeln der Gesellschaft. Ich wollte mir das genauer anschauen: Wie lernen wir? Wie lernen wir zu lernen und uns dem Unbekannten zu nähern? Wie lernen wir, erwachsen zu werden? Wie entsteht Selbstvertrauen, Verantwortlichkeit, Zuverlässigkeit? Wie beginnen wir, uns zu verständigen? Wie lösen wir Konflikte?

Die Zwergschule als Modell für die Basiswerte der Demokratie?

Genau. Die kleine Klasse gab mir nur die Möglichkeit zu zeigen, wie schwer es eigentlich ist, zusammenzuleben.

Was haben Sie über all diese Fragen herausgefunden, was Sie vorher nicht wussten?

Wenn ich die Antwort auf solche Grundfragen hätte, würde ich aufhören, Filme zu machen (lacht). Filme handeln von Rätseln, nicht von Gewissheiten.

Welche Position haben Sie im Klassenraum denn eingenommen? Etwa die eines Komplizen der Schüler?

Am Abend vor dem ersten Drehtag konnte ich wegen dieser Frage nicht schlafen: Soll ich auf meiner Augenhöhe drehen oder auf der der Schüler? Am anderen Morgen kam ich mir wie ein Idiot vor, denn man muss diese Frage ja gar nicht dogmatisch behandeln. Ich habe dann tatsächlich oft aus der Perspektive der Kinder gefilmt, denn ich möchte beim Drehen meinem Gegenüber nahe sein: körperlich und im Sinn eines freundschaftlichen Verhältnisses.

Sie haben den Schülern aber trotzdem nicht bei Mathe geholfen?

Am Anfang kamen die Kinder mit ihren Heften zu uns, aber wir sagten: Nein, geht zum Lehrer, der ist dafür da. Wir sind zum Filmemachen da. Wir waren zu dritt: Ich machte die Kamera, der zweite zog die Schärfe und achtete auf das Licht (wobei wir kein künstliches Licht verwendeten), der dritte machte den Ton. Meistens saß ich in der Hocke, mit der Kamera auf den Knien.

Es ist, als ob die Kamera gar nicht da wäre.

Das liegt daran, dass ich den Kindern am ersten Tag alles gezeigt habe. Sie konnten durch die Kamera schauen und das Aufnahmegerät ausprobieren. Bald erschien ihnen mein Handwerkszeug als etwas ganz Banales. Kinder vergessen eine Kamera ohnehin schneller als Erwachsene.

Es gibt sehr bewegende Szenen, zum Beispiel wenn Olivier weint. Wo liegt die Grenze zum Voyeurismus?

Die Kinder sind keine Schauspieler. Ich filme ein Stück von ihrem Leben und zeige es auf der großen Leinwand. Das bringt eine große Verantwortung mit sich. Es gab viele Momente, in denen ich entschied, nicht zu filmen. Nicht weil die Kinder ausdrücklich gesagt hätten, dass ich sie in Ruhe lassen soll, aber sie gaben es mir trotzdem zu verstehen. Olivier spricht von der Krankheit seines Vaters. Dass er zu weinen beginnt, konnte niemand vorher ahnen, nicht einmal er selbst. Ich fühlte mich unbehaglich, aber ich gestattete mir, weiter zu drehen, denn ich konnte die Szene hinterher ja immer noch weglassen – was auch Olivier wusste. Aber ich glaube, man merkt deutlich, dass Olivier sich in diesem Moment nicht von der Kamera belästigt fühlt.

Sie mögen die Bezeichnung Dokumentarfilme nicht. Warum nicht?

Ich gebe zu, dass ich Dokumentarfilme drehe. Das bedeutet, dass es kein Drehbuch gibt und dass die Menschen auf der Leinwand Darsteller ihres eigenen Lebens sind. Dennoch ist der Begriff missverständlich, denn viele Leute denken dabei an Fernseh-Reportagen. Ich habe nichts gegen Fernseh-Reportagen, aber sie sind etwas anderes.

Inwiefern?

Das Fernsehen handelt von Themen. Man macht einen TV-Film über eine Schuhfabrik, über ein Museum, über eine Schule. Das Kino sprengt den Rahmen des Themas, um zu grundsätzlicheren Dingen zu gelangen, wie in „Sein und Haben“ zum Wesen der Vermittlung, der Verständigung. Außerdem funktioniert der Film eher wie eine Erzählung, nicht zuletzt wegen der Landschaft mit den Bäumen, die sich im Wind biegen, den Nachtgeistern und dem Schnee, der alles unter sich begräbt.

Am Anfang laufen zwei Schildkröten durchs Klassenzimmer. Das ist, als wollten Sie sagen: Achtung, dies ist ein Film, in dem die Uhren langsamer ticken.

Der Film nimmt sich Zeit, für seine Protagonisten, für die kleinen, unscheinbaren Dinge. Jeder Mensch hat seine eigene Geschwindigkeit, seinen eigenen Rhythmus, darauf wollte ich eingehen. Ist es nicht großartig, wenn Jojo fragt: Herr Lehrer, ist es Vormittag oder Nachmittag? Und wie er das Wesen der Zeit versteht, weil das Mittagessen den Tag einteilt?

In Frankreich haben mehr als eine Million Zuschauer den Film gesehen. Ist er so erfolgreich, weil er in eine vermeintlich heile Welt zurückblendet?

Der Film spielt heute, im Jahr 2001. Er glorifiziert nicht vergangene Zeiten oder die Kindheit, schon deshalb nicht, weil meine eigenen Erinnerungen an die Schule alles andere als angenehm sind. Aber mir ist klar, dass „Sein und Haben“ bei vielen sentimentale Erinnerungen weckt. Es gibt immer weniger Zwergschulen, diese Schulform verschwindet. Also spielt mein Film an einem mythischen Ort: der republikanischen Schule, dort, wo wir uns in die Welt integrieren. Vielleicht ist es beruhigend zu sehen, dass es diesen mythischen Ort tatsächlich gibt.

Das Gespräch führte Christiane Peitz .

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