Kultur : Kurzmeldungen

Seine Collection kommt als Leihgabe nach Berlin – vielleicht sogar für immer. Ein Gespräch mit Flick Sieben fette Jahre

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Herr Flick, 2000 Werke übersteigen selbst das Fassungsvermögen des Hamburger Bahnhofs. Wie wird Ihre Sammlung in Berlin präsentiert werden?

Wir planen im Frühjahr 2004 zunächst eine Überblicksausstellung, in der wir die Sammlung vorstellen und für die auch Teile des Hamburger Bahnhofs zur Verfügung gestellt werden. Dem hat Erich Marx auch zugestimmt – eine wirklich noble Geste. Danach wird die RieckHalle in einjährigem Rhythmus komplett neu bespielt werden. So sind wir auch auf den Zeitraum von sieben Jahren gekommen. Nicht nur, weil sie in der Bibel stehen, sondern weil wir uns ausgerechnet haben, dass nach sieben Jahren die Sammlung mehr oder weniger in ihrer Gesamtheit gezeigt worden sein wird.

Für Zürich hatten Sie noch andere Pläne mit Ihrer Sammlung. Rem Koolhaas sollte Ihnen ein Privatmuseum bauen. Weshalb nun die Entscheidung, sich in die Obhut einer größeren Institution zu begeben?

Es war alles nicht vorher geplant, sondern hat sich so ergeben. Manchmal geht man nicht den geraden Weg, sondern Schlangenlinien, und ist im Nachhinein froh darüber. Ich bin heute der Meinung, dass ich vor allem Sammler und kein Kunsthistoriker oder Museumsmann bin. Ein eigenes Museum wäre vielleicht gar nicht die richtige Lösung gewesen, das hätte ich nie so gut hinbekommen, wie zum Beispiel Ernst Beyeler mit seinem wunderbaren Museum in Basel. Deshalb finde ich die Lösung mit dem Hamburger Bahnhof für mich als Sammler, besonders aber für die Kunst ideal. Außerdem bin ich froh, dass in Berlin so kurzfristig alles geklappt hat. Für die Planung und den Bau eines Museums können Sie sieben bis acht Jahre rechnen. Wir haben über die Jahre immer wieder viele Werke ausgeliehen, aber jetzt muss endlich einmal alles zu sehen sein. Die Werke haben lang genug im Depot gelegen.

Werden Sie die Sammlung in der Zeit, in der sie in Berlin zu sehen ist, weiter verändern?

Ich betrachte das 20. Jahrhundert für mich als weitgehend abgeschlossen. Nun möchte ich die Sammlung ins 21. Jahrhundert hineintreiben. Das ist natürlich nicht Teil der geschriebenen Verträge mit Berlin, aber ich glaube schon, dass auch die Verhandlungspartner diesen Aspekt besonders interessant fanden. Normalerweise bekommt man eine Sammlung, die abgeschlossen ist. Meine Sammlung ist nicht abgeschlossen. Ich fühle mich noch jung und fit genug, und die Begeisterung für die Kunst wird eher noch stärker als schwächer. Den Schritt ins 21. Jahrhundert hätte ich ohnehin gemacht, aber ich glaube, er ist auch für Berlin wichtig.

Inwieweit werden die Museumsleute des Hamburger Bahnhofs Sie bei Ankäufen beraten?

Natürlich werde ich bei den Präsentationen der Sammlung gefragt werden, ich habe die Sammlung ja schließlich zusammengestellt. Was die Ankäufe angeht: Eine Privatsammlung ist nie enzyklopädisch. Sie ist mit Passionen und persönlichen Empfindlichkeiten aufgebaut worden. Doch ich kaufe ja nie auf den ersten Blick, sondern beschäftige mich mit dem Werk und lasse mich beraten. Ich werde sicherlich auch die Damen und Herren im Hamburger Bahnhof fragen. Aber ich behalte natürlich meine Autonomie. Ich bin der Sammler und ich treffe diese Entscheidungen.

Wird es eine Verbindung zu den vorhandenen Beständen des Hamburger Bahnhofs geben?

Beuys bei Marx, Bruce Nauman bei Flick – das ist doch eine schöne Auseinandersetzung.

Die Pläne, einen Gesamtkatalog der Sammlung zu erstellen, sind damals gemeinsam mit der für München geplanten Ausstellung in München gescheitert. Wird Ihre Sammlung nun in Berlin dokumentiert?

Die gesamte Sammlung ist jetzt schon auf CD gespeichert. Aber es wird für jede der sieben Einzelausstellungen einen Katalog geben, so dass am Ende die ganze Sammlung als Katalogreihe dokumentiert ist. Außerdem bin ich gerade dabei, die Haupt-Werkgruppen in meiner Sammlung in Einzelpublikationen in Zusammenarbeit mit den Künstlern zu dokumentieren. Damit soll am Ende eine ganze Reihe von Veröffentlichungen entstehen.

Als Heinz Berggruen mit seiner Picasso-Sammlung nach Berlin kam, hat er sich eine Wohnung im Museum einrichten lassen. Werden Sie es ihm auch in dieser Hinsicht nachtun?

Ich lebe seit Jahrzehnten in der Schweiz. Das Land ist meine zweite Heimat geworden, und ich bleibe auch hier. Es wäre nebenbei auch etwas schwierig, in der Rieck-Halle zu wohnen.

Aber Sie werden sicher zukünftig häufiger nach Berlin kommen?

Ich kenne Berlin noch nicht so gut. Mein Großvater hat hier gelebt, mein Vater auch. Aber ich finde Berlin sehr spannend, ich merke, dass die Stadt mich immer mehr einfängt. Berlin ist wie die Kunst, die ich liebe: zerrissen, vernarbt, voller Kontraste, direkt, ungefiltert.

Das heißt, die „Berliner Verlobung“, wie Kulturstaatsministerin Christina Weiss es bei der Bekanntgabe nannte, kann auch zu einer länger als sieben Jahre dauernden „Ehe“ führen?

Wir sind mehr als nur „Lebensabschnittsgefährten“. Wenn alles gut läuft, wäre es Unsinn, die Sammlung aus Berlin wieder abzuziehen.

Das Gespräch führten Christina Tilmann und Bernhard Schulz.

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