Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Als Performance-Künstlerin wird die Österreicherin Valie Export – 1940 als Waltraud Höllinger geboren – seit ein paar Tagen mit einer großen Werkschau in der Akademie der Künste geehrt (Der Tagesspiegel berichtete am Montag.) Als Filmemacherin ist sie erst noch zu entdecken. Valie Export ist hier bei weitem nicht so bekannt wie Margarethe von Trotta oder Ulrike Ottinger. Das erscheint schwer verständlich, denn ihr Film Menschenfrauen (1979) wirkt aus heutiger Sicht frischer als manche Werke ihrer im eigentlichen Filmgeschäft prominenteren Kolleginnen. Bei Valie Export gibt es keine Sentimentalität, keine Langeweile und keinen Dogmatismus. Der spätere TV-Star Klaus Wildbolz spielt in „Menschenfrauen“ einen verheirateten Macho, der sich drei Geliebte hält. Zwei der Frauen solidarisieren sich miteinander, eine weitere bringt sich auf bizarre Weise um, der Schwerenöter selbst beginnt sein Verhalten zu reflektieren. Für das Werk einer Vertreterin des Wiener Aktionismus ist „Menschenfrauen“ überraschend zugänglich, es wird kraftvoll gespielt – und obwohl unzählige Thesen vorgetragen werden, fühlt man sich von ihnen eigentümlicherweise nie gegängelt. Zum einen bestimmen Ironie und Verfremdungseffekte den Film. Zudem präsentiert Valie Export gegensätzliche Lebensentwürfe, ohne einen von ihnen zu propagieren: Sie nimmt die sinnliche Barfrau genauso ernst wie die verbitterte Lehrerin (Mittwoch im Arsenal)

Das viel gescholtene Österreich – mal erscheint es uns arg bieder, dann wieder, Auswüchse der Biederkeit pflegend, als gefährlich – hat schon immer herausragende Querdenker produziert. Zu ihnen gehörte Fritz Kortner, berühmt als Schauspieler und Regisseur, zu wenig bekannt als Autor. Seine 1959 veröffentlichte Autobiografie fällt völlig aus dem Rahmen, Lichtjahre entfernt von den üblichen Künstler-Memoiren. Bei der Lektüre von „Aller Tage Abend“ vergisst man, dass hier ein Film- und Theatermensch aus seinem Leben erzählt. Kortner hätte sich auch als Philosoph einen Namen machen können.

Sein Buch ist frei von Eitelkeiten, obwohl ihm in Film und Theater herausragende Erfolge beschieden waren, und erst recht frei von Selbstmitleid, obwohl er vor 1933 und nach 1945 antisemitischen Pöbeleien ausgesetzt war. Sein Comeback im deutschen Film feierte er 1948 mit Josef von Bakys Der Ruf , der Geschichte eines Professors, der aus dem amerikanischen Exil nach Deutschland zurückkehrt und an den dortigen Verhältnissen scheitert. Das tragische Ende spiegelte keineswegs die Realität wider: Kortner ließ sich nicht unterkriegen und blieb bis zu seinem Tod 1970 ein unbequemer Zeitgenosse (Sonnabend im Arsenal).

Man kann auch mit Harmlosigkeiten provozieren. George Cukor inszenierte 1941 den wohl harmlosesten Film, der jemals für Empörung gesorgt hat. Es handelte sich um eine durch und durch alberne Verwechslungskomödie mit dem Titel Die Frau mit den zwei Gesichtern , und der Grund für den Skandal war die Hauptdarstellerin: Greta Garbo die Göttliche, habe sich – gewissermaßen Künstlerin ohne Kunstwerk – hier unter ihr Niveau begeben. Was für eine unnötige Aufregung! Es gibt doch nichts Schöneres, als die Götter dabei zu beobachten, wie sie zu uns hinabsteigen (Dienstag im Babylon Mitte).

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