Kultur : Kurzmeldungen

Alle reden über Berlins Opernhäuser. Keiner spricht über den Tanz. Will die Opernreform zukunftsweisend sein, darf sie den Tanz nicht abschaffen. Ein Plädoyer Vierheiligkeit

Adolphe Binder

Man nehme: Ertrinkende, die sich an Rasierklingen klammern, Aufsteiger, die über Leichen gehen, Entscheider ohne Courage, die ganze paralysierte Struktur. Ingredienzen für eine künstlerische Zukunft made in Berlin? Horrorszenario? Nicht schon wieder ein Artikel zur Berliner Opernreform! Doch, denn in der Diskussion um Strukturreformen und (Brand-)Stiftungsmodelle hat man etwas Wesentliches vergessen: den Tanz.

Die Berliner Kulturpolitiker haben die Verantwortung für die Kunstgattung Tanz. Warum wird im Tanz immer klein gedacht, klein gehandelt? Liegt es daran, dass die deutsche Kultur auf Worte baut? Liegt es an der Flüchtigkeit des Tanzes, an unserem Misstrauen gegenüber dem Körper?

Unter Druck lässt sich nicht gut kreativ sein. Das gilt für Künstler wie Kulturpolitiker. Nun sitzt man seit Monaten, rechnet und konzipiert, und zieht dabei die gewachsenen Erfahrungen der Ballett-Profis nicht zu Rate. Nur ihr Wissen aber könnte eine zukunftsträchtige Konzeption des Tanzes innerhalb der Opernreform erbringen. Sämtliche Fragen der Programmgestaltung und Personalstruktur können nur unter Prüfung der Argumente der Macher erörtert werden. Am Reißbrett und mit Sparvorgaben allein werden nur die Fehler der letzten Jahre fortgesetzt. Es kann demnach nicht angehen, dass der Tanz in einer längst überfälligen Neupositionierung kein Anhörungsrecht hat!

Vielleicht haben jene Ballettdirektoren ja selber Schuld, die ’97 versuchten, sich aus der Vormundschaft gleichgültiger Intendanten zu befreien und die Idee eines Berliner Tanzhauses vorantrieben. Bestraft wurden sie mit Radunskis Konzept einer Ballettfusion, die zu nicht viel mehr als zum konsequenten Stellenabbau diente. 35% aller Tänzer wurden gefeuert. Der Rest-Rumpf aber behielt den selben Auftrag. Tanzen bis zum Umfallen, aber bitte mit Erfolg!

Und tatsächlich sind es die Ballette, die trotz aggressiver Schrumpfung nach wie vor ein Viertel der Spielpläne an den Opernhäusern ausmachen, einen großen Publikumszuspruch haben und darüber hinaus effizient wirtschaften. Ballette schreiben seit Jahren schwarze Zahlen! Sie haben gute Auslastungen, arbeiten flexibel und kosten wenig - nicht nur weil sie die Niedrigstlohngattung im subventionierten Theater ausmachen. Doch in der Opernnot frisst der Teufel Tänzer, und so sieht wohl die aktuelle Planung die Reduzierung der Ballette um weitere 30% vor. Von einer Ballett GmbH und 88 Tänzerstellen ist nun die Rede. 1999 waren es noch 180, heute sind es 117 Tänzer.

Das bedeutet nicht nur, dass bereits eine Compagnie liquidiert wurde, sondern dass es bald zwei weiteren an den engen Kragen geht. Dann hätte man in fünf Jahren 65% des Berliner Tanzpotentials gekappt. Und ich zähle Johann Kresnicks ehemalige Volksbühnen-Truppe nicht einmal dazu. Man stelle sich die Entrüstung in anderen Sparten vor! Das neue Ballett-Bonbon schmeckte dann etwa so: Dafür dass ihr die ertragreichste Sparte seid, kürzen wir Euch um ein weiteres Drittel und lassen Euch mit unkündbaren Altlasten zurück. Damit könnt ihr dann alle Häuser betanzen und das ganz ganz oft.

Oder muss der Tanz vielleicht ganz weg, weil man das bisschen Geld, was er im Verhältnis kostet, für die Sanierung des Musik-Theaters braucht? Gilt es als Konzept, 88 Tänzer mindestens 150 Vorstellungen und drei verschiedene Bühnen meistern zu lassen? Klassisches Repertoire wie neoklassisches, modernes wie zeitgenössisches, mal auf Spitze mal auf barem Fuß … Wer so rechnet, hat sich kaum die Mühe gemacht, über Auftrag, Kern und Potential der Ballette nachzudenken. Hier scheinen die Intendanten nicht die besten Repräsentanten.

Künstlerische Identität ist nicht ohne weiteres austauschbar. Man braucht andere Tänzer für die klassische „Bayadère“ an der Staatsoper als für die zeitgenössische Choreographie „Casa“ der Brasilianerin Deborah Colker an der Komischen Oper. Choreographie bedeutet Bewegungskreation im Raum. Ballette werden auf eine Bühne zugeschnitten, auf Körper maßgeschneidert. Gibt es kein inhaltliches Konzept, so bedeutet Reform für das Ballett Deform – und die verdreifachte Ohnmacht an allen Opernhäusern. Fortsetzung dessen, was dem Ballett seit Jahren zugedacht blieb: Lückenbüßerei und Rückendeckung, auf dass das Musiktheater gesunde!

Wir brauchen neue Konzepte, andere Strukturen, Fantasie statt blinder Liquidierung. Nichts spricht gegen die Kooperation und Verflechtung der Berliner Ballette. Man muss aufhören, die Kunst von Morgen mit den Werkzeugen von gestern zu verstehen und zu behandeln! Die Opernreform ist automatisch auch eine Ballettreform, und sie muss gestalterisch und konzeptionell aktiv von der Tanzseite mitentwickelt werden.

Der Tanz als übersprachliche Kunstform ist wichtig für eine Stadt, die sich international positionieren will. Die Zeit ist reif, in Berlin tanzgerechte Strukturen und egalitäre Partnerschaften zu verankern. Diese Stadt verdient wenigstens ein klassisches und ein zeitgenössisches Ballett neben der Schaubühne und den freien Experimentellen. Und es verdient (auch im Falle der beiden letzteren) Bekenntnisse seitens der Kulturpolitik, denn nicht nur die Ballette sind gefährdet, dem ganzen Tanz geht’s ans Eingemachte.

Trotz aller Unkenrufe beweisen zeitgenössische Choreographien wie baRock oder Minotaurus, (alle letzte Saison an der Komischen Oper), dass sie vermögen, ein großes Haus zu füllen sind. Auch zukünftige Produktionen wie „Casa“ oder „Screensaver“ des Israeli Rami Be’Er werden den Blick auf die Möglichkeiten des Tanzes in dieser Stadt erneuern, auch indem sie über die Grenzen Europas hinausblicken. Damit diese Aufbauarbeit weitere Früchte tragen kann, braucht es mehr als eine kurzfristig aus dem Boden gestampfte Spielzeit.

Leider fehlt die Lobby für den Tanz in Berlin. Und die Retter in der Not? Die ritualisieren den Tanz ums goldene Kalb. Und von diesem gibt es in Berlin gleich drei - in kaum zu überbietender Dreiheiligkeit.

Die Autorin ist künstlerische Leiterin des BerlinBalletts/ Komische Oper.

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