Kultur : Kurzmeldungen

Die Architekten Daniel Libeskind und die Think-Gruppe stehen im Finale des Wettbewerbs zum Wiederaufbau am New Yorker Ground Zero Höher und höher hinaus

Matthias B. Krause

Die abschließende Planungssitzung dauerte knapp vier Stunden, und die meisten Teilnehmer verließen sie gut gelaunt. So berichtet es jedenfalls der New Yorker Vize-Bürgermeister Daniel Doctoroff bei der Vorstellung der beiden Halbfinalisten im Wettbewerb um die Wiederbebauung des Ground Zero am Dienstag. Bis Ende Februar haben nun das Studio Daniel Libeskind und die Think-Gruppe um die New Yorker Architekten Rafael Vinoly und Frederic Schwartz Zeit, ihre Vorstellungen zu überarbeiten – danach wird der Gewinner gekürt. Was dann in zehn bis zwölf Jahren tatsächlich an jenem Platz stehen wird, aus dem bis zu den Anschlägen des 11. September 2001 die beiden Zwillingstürme des World Trade Center in den Himmel ragten, ist damit allerdings noch lange nicht ausgemacht.

Wenn es nach Meinung der New Yorker ginge, käme wohl eine Synthese der beiden konkurrierenden Ideen zu Stande. Nach rund 50 öffentlichen Anhörungen und der Auswertung von fast 20000 Kommentaren stellt sich heraus, dass Libeskinds Vorschlag, die Fundamente der Zwillingstürme weitgehend unberührt zu lassen und als begehbares Mahnmal zu gestalten, auf weitgehende Zustimmung stößt. Auch seine Idee, die Lichtführung des neu entstehenden Platzes so anzulegen, dass die Sonne jedes Jahr am 11. September zum Zeitpunkt der Anschläge durch die Häuserschluchten schattenfrei auf den Tatort scheinen kann, findet viel Lob.

Die Think-Gruppe dagegen punktet mit ihren Zwillingstürmen aus filigranen Stahlgerüsten, die wegen ihrer Luftigkeit einerseits an den Eiffelturm erinnern und gleichzeitig eine Doppelhelix nachahmen. Auf nur wenigen Ebenen bieten die Türme Platz für Kultureinrichtungen wie einen Konzertsaal, ein Museum und einen Versammlungsraum. Besonders nachts bei effektvoller Beleuchtung wirkt der Entwurf im Modell wie eine Hommage an die zerstörten Türme, die den Phantomschmerz, unter dem die Stadt weiterhin leidet, am besten zu lindern vermag.

Hoch hinaus jedenfalls wollen beide Konkurrenten. 506 Meter soll das Konstrukt der Think-Gruppe messen, Libeskind plant einen 541 Meter hohen Wolkenkratzer, das sind fast 100 Meter mehr als die früheren Gebäude. Weltrekordhalter wäre damit nach heutigem Stand jedes der beiden Bauwerke. Und die Kosten? Nach einer ersten überschlägigen Rechnung würde allein die Erhaltung der WTC-Fundamente und die Anlage des umliegenden Platzes nach den Vorstellungen von Libeskind zwischen 280 und 330 Millionen Dollar kosten. Vinoly beziffert die Ausgaben für die Gestaltung des „Think“-Projektes inklusive der beiden Stahltürme auf 750 bis 800 Millionen Dollar.

Auch wenn die Favoriten nun feststehen und die übrigen fünf Vorschläge, die im Dezember präsentiert worden waren, zu den Akten gelegt sind, bleibt noch ein weiter Weg bis zur Realisierung. „Keiner dieser Pläne ist in Stein gegossen“, warnt der Planungschef der zuständigen Lower Manhattan Development Corporation (LMDC), Roland Betts: „Es ist ein gigantisches Puzzle.“ Gleichzeitig beteuert er, die Grundidee der Architekten werde nicht verwässert. „Bisher ist mit uns fair und respektvoll umgegangen worden“, bestätigt Libeskind. Es gebe das ernsthafte Bestreben, mit jedem Team zu arbeiten. Als hinderlich könnte sich allerdings die äußerst verzwickte Verteilung der Zuständigkeiten erweisen.

Neben der LMDC hat auch die mächtige Hafenverwaltung von New York und New Jersey als Besitzer der WTC-Flächen ein Mitspracherecht. Außerdem erheben Michael Bloomberg, der Bürgermeister New Yorks, und der Gouverneur des gleichnamigen Bundesstaates ihre Stimmen. Und schließlich versucht auch Larry Silverstein, der einen langfristigen Pachtvertrag für das World Trade Center besitzt, seine Interessen durchzusetzen. In einem Brief ließ Silverstein Ende vergangener Woche die Planer wissen, dass er den Architektenwettbewerb als nicht bindend betrachte und darüber nachdenke, Experten seiner Wahl mit der Neubebauung am Ground Zero zu beauftragen.

Vize-Bürgermeister Doctoroff nimmt solche Drohungen derzeit gelassen hin: „Ich bin mir sicher, dass am Ende Bürgermeister und Gouverneur entscheiden werden.“ Noch ist nicht entschieden, wer zuletzt tatsächlich das Sagen hat.

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