Kultur : Kurzmeldungen

Gegen den Krieg: Bei den Protesten machen Hollywoodstars den kopflosen Deutschen was vor Outpost Berlin

-

Von Peter von Becker

Bei dieser Berlinale ist manches anders. Normalerweise reisen die ausländischen Stars, vor allem die amerikanischen, nach der Präsentation ihrer Filme sehr schnell wieder ab aus dem winterlichen Berlin. Das ist der Unterschied zu den Festivals von Cannes im Frühjahr und Vendig im Spätsommer. Doch diesmal haben sie, und nicht Schröder oder Fischer, die deutsche Hauptstadt auch zur politischen Weltbühne gemacht mit ihren Auftritten und Reden gegen einen Angriff auf den Irak ohne eindeutige rechtliche und politische Begründung.

Natürlich rufen amerikanische (und englische) Schauspieler wie Dustin Hoffman, Christopher Lee, George Clooney und Roger Moore sofort das VietnamSyndrom wach. 1968 wurden die Filmfestspiele von Cannes – durch Interventionen der Jungregisseure Godard und Truffaut – tatsächlich gesprengt und vorzeitig abgebrochen. Dazu kommt es in Berlin schon deswegen nicht, weil es noch keinen Krieg gibt und es ihn jetzt während der Pilgerschaft der Muslime nach Mekka auch gar nicht geben kann.

Doch ist das Festival, ist Berlin für die kriegskritischen Hollywoodstars ohnehin nur der symbolische Ort. Hier ist auch nicht Woodstock 2003. Sie exportieren den Protest nach Europa, um dort einerseits ein „anderes Amerika“ als das der Bush-Administration zu zeigen, um die (für Hollywood, für die Popindustrie) unverzichtbare kulturelle Brücke zum alten Kontinent nicht weiter abzureißen – und um zurückzuwirken auf die in den US-Medien keineswegs totgeschwiegenen, aber zurzeit unterrepräsentierten Bush-Kritiker. Gerade haben 46 amerikanische Nobelpreisträger Einspruch gegen die Politik ihrer Regierung erhoben, und am kommenden Wochenende wollen weltweit, auch in den USA, Hunderttausende Peaceniks auf die Straßen gehen. Aber für die amerikanischen Networks, für die Massenmedien (und nicht nur die „New York Times“) maßgeblicher als Nobelpreisträger sind die Showstars, die Halbgötter der Nation.

Madonna kündigt gerade ein neues Musikvideo mit superhartem Bush-Bashing an – das erreicht naturgemäß mehr Publikum als ein Essay von Susan Sontag. Aber die Protagonisten des amerikanischen Show- und Filmbusiness sind darum nicht zwangsläufig naiver als Schriftsteller, als Berufsintellektuelle. Das Branchen-Magazin „Variety“ schreibt in seiner ersten Februar-Ausgabe über Hollywood/Los Angeles: „The angst (so geschrieben) in this town“ rühre nicht nur an filmwirtschaftliche Aspekte. Sie betreffe „the question of right and wrong“.

Zur Frage, was Recht und Unrecht sein könnten bei der Entscheidung über Krieg und Frieden, hat sich inbesondere Dustin Hoffman bei seiner gestern im Tagesspiegel abgedruckten Rede bei der Berliner Benefizveranstaltung „Cinema for Peace“ sowie in seinen jüngsten Interviews mit einer Leidenschaft und zugleich argumentativen Bedachtheit geäußert wie noch kein deutscher Weckerwalsergrass. Das deutsche teilintellektuelle Pazifistenmilieu hatte sich schon beim ersten Golfkrieg und dann in den Jugoslawienkriegen und im Fall Afghanistan als einäugig und lautstumm erwiesen.

Nun hat Gerhard Schröder einem profilierten Protest in Deutschland noch fast den Rest gegeben. Indem der Kanzler populistisch just auf den apolitischen Impuls des westostdeutschen Pazifismus setzte, hat er seine Strategie von vorneherein entpolitisiert, vertaktiert. Jetzt müsste sich der deutsche Protest gegen einen womöglich völkerrechtswidrigen Präventivkrieg einerseits von ihrem staatlichen Vormund in Gestalt des Kanzlers emanzipieren, gleichzeitig aber hat der Regierungschef die internationale Wirkung auch nicht-staatlicher deutscher Initiativen durch seinen Mangel an Diplomatie und Differenzierung geschwächt. Das kommt einer doppelten Entmündigung gleich – und mag, neben der allgemeinen ökonomisch-sozialen Depression, die geistige Lähmung im Land erklären.

Auch sonst aber sind die Europäer zurzeit nicht die wachsten, die hellsten. Was den Franzosen, im keineswegs lupenreinen Zusammenspiel mit den Deutschen und Russen, jetzt eins vor Zwölf einfällt (mehr UN-Inspektoren für den Irak), ist nicht eben ein Genieblitz. Europa, das schon die Jugoslawien-Tragödie im eigenen Haus ohne die Amerikaner nicht lösen konnte, ist macht- und völkerrechtspolitisch gelähmt oder verharrt, soweit es Bush nicht blindlings folgt, in abgelebten Reflexen. Die alte Antiimperalismus-Geste, die zur Zeit des Vietnamkrieges auch exotischen Projektionen (auf Kuba, China, Schwarzafrika) folgte, flackert im jüngsten Stichwort „Antihegemonialismus“ nochmal auf. Doch Bushs Präventivkriegs-Doktrin, die sich auf die Lehren des 11. September beruft, setzt Europa noch kein ausstrahlendes Konzept universaler Menschen- und Völkerrechte im Zeitalter der Globalisierung entgegen. Globalisierung und die UN wären dabei der Schlüssel – gegen unilaterale, nationale Alleingänge auch eines global player.

Schröders diplomatische Künste werden jetzt mit denen Wilhelm II. verglichen und als politische Operette in tragischen Zeiten bezeichnet. Die Tragikomödie ist nur, dass es neben der Provinzoperette auch die Weltoperette gibt, in der gerade amerikanische Künstler – nicht nur Hollywoodschauspieler – auch den Kitsch erkennen. Nach dem 11. September war Präsident Bush in den USA aus Gründen höherer Gewalt nicht angreifbar. In Afghanistan hat er noch klug gehandelt. Doch das Tremolo, dass „der Irak die Freiheit und Wirtschaft Amerikas bedroht“, wirkte nie ganz glaubhaft. Bush sucht als nicht mehrheitlich gewählter Präsident bis heute eine Art zweiter Legitimation. Und er weiß, dass er sie bei zu vielen Opfern im Irak auch im eigenen Land schnell verlieren kann. Louis Begley, der große New Yorker Anwalt und Romancier („Lügen in den Zeiten des Krieges“), hat Bushs Dilemma gespürt und die letzte Präsidentenrede an die Nation mit ihren sozialen, globalen Milliardenversprechungen an die Welt als Illusion erkannt: eine Botschaft aus dem „Traumland“, nicht der Realität. Right or wrong – das ist keine Frage des politischen Theaters.

0 Kommentare

Neuester Kommentar