Kultur : Kurzmeldungen

Premiere gelungen: Fünf Tage lang trafen sich 500 Filmschaffende beim ersten Talent Campus der Berlinale. Und begeisterten sich für die Zukunft des Kinos Gewitter im Kopf

Deike Diening

Thomas Struck spürt Energie. Er streckt die flachen Hände aus, parallel zum Boden, als läge sie dort unten, die Energie, schwerer als Luft. Energie ist nicht unwichtig im Haus der Kulturen der Welt. Energie zu erzeugen, vorhandene Energie zu potenzieren, das sei das Ziel, sagt Struck. Und so wächst dort, wo tags die Raben krähen, in der Betonmuschel im Tiergarten, die kleine, helle Perle der diesjährigen Berlinale: der Talent Campus. Es ist der erste, zu dem 500 Teilnehmer nur mit dem Nötigsten angereist sind, bei Freunden übernachten oder in Backpacker-Herbergen wohnen: eine heterogene, internationale Zusammenkunft von aussichtsreichen Produzenten, Regisseuren, Schauspielern und Kameramännern, die allein der Begriff „Talent“ zu einer Gruppe vernäht. Denn dieses unbestimmte Versprechen, das kitzelnde „Noch Nicht“ des Talents, haben sie alle im Gepäck.

Struck ist Filmemacher und einer der Organisatoren des Campus. Hört man ihn reden, glaubt man bald, es handele sich hier um ein chemisches Experiment. Die zahllosen Stoffe, Ideen und Menschen – beim Gesamtkunstwerk Film zunächst chaotisch verstreut – will er hier miteinander zur Reaktion bringen. Damit unter der Zufuhr von Zeit und Energie Filme entstehen können. Und wie ein Alchemist erwartet er, am Ende Gold zu sehen. Dass dies möglich sein könnte, wusste er, als er die 1500 Bewerbungsfilme sah – „mein größter Lohn, die zu sehen“.

Tom Tykwer versteht das Schweigen

Und die Talente? Haben diese Euphorie im Blick. Im Kopf, sagen sie, gewittern die Filme, die Workshops, die Diskussionen, die Exkursionen und die Begegnungen. Zu viel, um alles sofort zu verarbeiten. Fünf Tage zum Thema Philosophie des Films, Pre-Production, Production, Post-Production und Promotion stehen auf dem Programm. Aber das hier ist nicht einfach ein Branchentreff. Jann Ji Werner möchte zum Beispiel wissen, was sie mit ihrem Leben macht. Wie viele hier. Sie studiert im ersten Semester an der Münchner Filmhochschule. In den Seminaren erschrecken sie die Regeln, hier wirkt sie wie von einer Last erlöst.

Den Organisatoren ist es gelungen, „hungrige“ Teilnehmer und ernsthafte Lehrer zu finden, die von ihren Erfahrungen berichten. Im Rummel am Potsdamer Platz sind Wim Wenders, Dennis Hopper, Stephen Frears und Tom Tykwer umhummelt von gierigen Kameras und Autogrammjägern. Hier sieht man sie in konzentrierter Arbeitsatmosphäre. Tom Tykwer etwa, der mit langen Fingern wedelt und davon spricht, wie er das Schweigen eines Publikums unterscheiden lernte: das gebannte Schweigen, die Skepsis, die Langeweile. Die kann er inzwischen riechen.

Am Potsdamer Platz kann man die Folgeerscheinungen des Kinos sehen: die Stars und die Schlangen vor den Kinos, das Popcorn und die Pailletten. Auf dem Talent Campus kann man seine Bedingungen studieren: die Arbeit und die Idee und die Kommunikation. Ein ständiges Vor und Zurück. Irgendwo dazwischen entsteht der Film. Die Spannung aus der Konfrontation der Welten kann man hier verorten. Die „Talente“ müssen im Tiergarten nur den blauen Doppeldeckerbus besteigen, um mit dem Shuttle am Potsdamer Platz die Seiten zu wechseln, von der Produktion zur Rezeption. Eine Berlinale-Akkreditierung hat jeder erhalten.

Aufmerksam und unaufgeregt sitzen die Teilnehmer in blauen Sesseln. Sie erstarren nicht vor Ehrfurcht, sondern stellen Fragen. Sie gehen in Workshops zum Thema Digitalisierung, Copyright und Literaturverfilmung. Ihre Kameras und Fotoapparate scheinen unendliche Akkus zu besitzen. Sie filmen aus ihren Sitzen die Menschen auf dem Podium, Volker Schlöndorff, Tom Tykwer, Stephen Frears. Aber anders als am Potsdamer Platz spiegelt sich in den Monitoren der DV-Kameras nicht der Strahlenkranz des Erfolgs, sondern die Gestik und die Energie der Kreativen. Im Atemrhythmus heben und senken sich die Kameras, filmen jede Frage, jede Antwort, jede Regung.

Der Erzählwert der Pleite

Filmen ist ein Zustand, keine Beschäftigung. So werfen sich die Teilnehmer in eine Welt, die andere schon vor ihnen betreten haben. Die hatten Erfolg und sind zurückgekommen, um davon zu erzählen. Oder sie überlebten nur knapp wie die drei zähen Pleitiers, die im Seminar „Bankrott und Wiederauferstehung“ diskutieren: Rainer Kölmel, der den Kinowelt-Verleih aufbaute und vor die Wand fuhr sowie die Produzenten Cedomir Kolar und Nik Powell tauschen Erfahrungen und Anekdoten aus. Eine Pleite, weiß man nachher, ist ein Ereignis mit geringem Erlebniswert und hohem Erzählwert. Das Genick muss sie einem nicht brechen.

Und dann ist da noch die verblüffende Qualität der Teilnehmer-Arbeiten selbst, die diese zur Bewerbung eingesandt hatten. DieKürzestfilme kann man sich auf den Monitoren im Foyer anschauen und sich darin verlieren. Wer alle 500 sehen will, muss 500 Minuten auf dem Barhocker sitzen. Die Filme entführen in die Wüste, in dunkle Keller, in Trickfilmwelten, in Städte, über Klippen, digital und analog. Sie sind stumm oder mit Musik. Eine Minute Zeit hat jeder, einen eigenen Sog zu entwickeln. Fast alle schaffen das. Und so gerät man in einen Strudel von Atmosphären, und ist nachher froh, Jens Krassnig zu treffen – zum Kaffee, ganz real. Der Schauspieler strahlt. „Um den eigenen Willen zu schärfen“ komme er hierher, sagt er. Er will sehen, wo er selber steht, was er will und was andere wollen. Er will mit Regisseuren sprechen und mit Drehbuchautoren. Hat er Glück, findet er Mitstreiter.

Wim Wenders hatte zu Beginn des Talent Campus gesagt: „Das Ziel ist nicht, sich anzupassen, sondern sich frei zu machen.“ Ohne den Film wäre er ein scheuer, ja langweiliger Mensch. Da haben wir’s: Filme prägen nicht nur den Zuschauer, sondern auch den Filmemacher selbst.

Gemeinsam mit Wenders hatte Dennis Hopper die Eröffnungsveranstaltung bestritten. Und dessen furiose Unbedingtheit hatte beinahe komisch gewirkt, als er in einem Film von der Leinwand rief: „Sie müssen sich fragen: Wenn Ihnen die Möglichkeit genommen würde, kreativ tätig zu sein – würden Sie dann sterben?“ Das Auditorium hatte irritiert geschwiegen. Heute ist die Antwort klar: Sterben vielleicht nicht gerade. Aber fehlen würde unendlich viel.

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