Kultur : Kurzmeldungen

Eleganter Nihlismus: Edward Lutwarks provozierendes Standardwerk zur Logik von Krieg und Frieden Strategiespiele

Florian Felix Weyh

Häufig liest man Bücher mit Neugier, manchmal mit Gier, selten mit Ehrfurcht, beinahe nie mit Furcht. Es sei denn, man wird wie bei Thrillern von Angstlust getrieben. Aus ganz wenigen Büchern dagegen steigt ein eisiger Todeshauch auf. Innerlich vergletschert der Leser von Seite zu Seite, bis er so fühllos geworden ist, dass er vor der glitzernden Schönheit einer makellos nihilistischen Weltanschauung kapituliert: „Eine hohe Tötungswahrscheinlichkeit, ein besseres Tauschverhältnis und ein Sieg in der Schlacht sind natürlich wünschenswerter als das Gegenteil.“ Oder: „Das Bombardement war äußerst intensiv, deshalb sind diese Ergebnisse nicht miserabel, aber auch keineswegs ausgezeichnet.“ Keine Frage, wenn man von 11400 Soldaten nach tagelangen Luftangriffen im ersten Golfkrieg nur 100 tötet, sieht das numerisch unschön aus.

Selbst auf Offizierslehrgängen dürfte man hier zu Lande vorsichtiger argumentieren, da die öffentliche Meinung jede Form militärischer Kaltschnäuzigkeit unnachsichtig abstraft, während sie es auf der anderen Seite nicht zulässt, das Tötungshandwerk als solches zu bezeichnen. Mit beiden Positionen haben die Amerikaner weniger Schwierigkeiten. Als Realisten der Macht ziehen sie aus historischen Ereignissen eher strategische als moralische Lehren. Strategie – das ist die Kunst, einen so hohen Aussichtspunkt über dem Schlachtfeld einzunehmen, dass man erstens nicht von den Geschossen getroffen wird und zweitens jedes auch noch so unwichtige Detail erkennt. Eine derartige Vogelperspektive setzt zweierlei voraus: Flügel und scharfe Augen. Erstere haben Tauben auch, letztere können nur Falken für sich in Anspruch nehmen.

Edward Luttwak ist ein Falke. Sein Credo liest sich wie ein Plädoyer fürs Recht des Stärkeren: „Krieg mag das größte Übel der Welt sein, aber er hat auch sein Gutes. Indem er die materiellen und moralischen Ressourcen für die Fortsetzung der Kampfhandlungen erschöpft und zerstört, verhindert er seine eigene Verewigung. Der Krieg muss sich, wie jede Operation im paradoxen Reich der Strategie, nach dem Überschreiten des Kulminationspunkts in sein Gegenteil verkehren.“ Schlichtungsversuche durch die UNO oder andere unbeteiligte Mächte sind Luttwak ein Graus, weil sie das quasi naturgesetzliche Ausbluten des Krieges verhindern und die Konflikte perpetuieren. „Humanitäre Hilfsaktionen“, urteilt er, „sind die uneigennützigsten Interventionen in die Kriege anderer Völker. Es sind auch die destruktivsten.“

Dass ein nicht durch Friedenstherapien verschlepptes Ausbluten bei gleichstarken Gegnern entsetzlich lange dauern kann, bewies schon der Erste Weltkrieg mit seinen hohen Opferzahlen, doch das ficht den Strategen nicht an. Und wer den Frieden als allein selig machenden Zustand betrachtet, dem präsentiert Edward Luttwak eine heimtückische Rechnung: „Wenn Frieden nicht Krieg hervorrufen würde, dann gäbe es keinen Krieg – denn Krieg kann sich nicht selbst unendlich fortsetzen.“

Natürlich existiert dagegen ein stichhaltiger Einwand, dass nämlich Friedenszeiten häufig nur Pausen der Rekonvaleszenz sind, und die sich daran anschließenden Kriege ihre Ursachen in vorangegangenen militärischen Konflikten haben – ausgeblutete Kriege sind eine Wunschvorstellung. Es sei denn, man betrachtete nukleare Totalverwüstungen als solche. Aber Edward Luttwaks Apodiktik dürfte bei den meisten Lesern ihre Wirkung kaum verfehlen. Wegen seines Talents zur prägnanten Zuspitzung ist der aus Siebenbürgen stammende US-Autor auch hierzulande ein gefragter Zeitungsschreiber. Leser der „FAZ“ kommen seit Jahren in den Genuss seiner strategischen Plaudereien, und zwar an dem in Deutschland prädestinierten Ort bewaffneter Konflikte: im Feuilleton. Dort schrieb der Senior Fellow vom Washingtoner Center for Strategic und International Studies auch kenntnisreich über Viehzucht, denn nebenbei betreibt er eine Rinderfarm in Bolivien. Wer im Internet recherchiert, wird freilich noch mehr staunen: Die autonome Linke besitzt eine ausgesprochene Vorliebe für den US-Falken und zitiert gerne aus seinem Bestseller „Turbokapitalismus“ von 1999. Nihilismus – also die Ablehnung jeglicher moralischer Grundgewissheiten – macht offensichtlich attraktiv für alle Seiten, und so erstaunt es nicht, dass die deutsche Ausgabe seines Buches beim Verlag zu Klampen erscheint, der sich der Pflege der „Kritischen Theorie“ verschrieben hat.

Dabei muss man Edward Luttwak konzedieren, dass schon lange kein Nihilist mehr so weitsichtig gedacht und schlüssig argumentiert hat. Am 11. Januar 2001 – acht Monate vor dem Anschlag auf das World Trade Center – warf er den USA in einem „FAZ“-Artikel ihre hausgemachte Handlungsunfähigkeit bei der Terrorismusbekämpfung vor, insbesondere bei der Verfolgung Osama bin Ladens. Das in den USA kurz nach dem Terrorakt in überarbeiteter Fassung erschienene Strategiebuch (es stammt von 1987) erweist sich gleichfalls als prophetisch, indem es die europäisch-amerikanische Entfremdung bis ins Detail vorhersagt.

Postheroische Kriege

Derartige Prognosefähigkeit scheint das Ergebnis eines erstaunlich effektiven Denkinstruments: der paradoxen Logik. In Krisen- und Kriegsfällen, so Luttwak, vollzieht sich stets Unvorhersehbares. Weder existiert ein Zusammenspiel von Aktion und Reaktion, noch lassen sich bestimmte Züge der Gegenseite logisch antizipieren. Als Grundregel entdeckt der Stratege das Prinzip der Überdehnung und Überschreitung eines Kulminationspunktes, in deren Folge sich die Verhältnisse umkehren. Ob Napoleon oder Hitler, ihre Siege im Osten überdehnten die eigenen Kräfte, weil die Nachschubwege zu lang wurden. Umgekehrt überschritt auch die Niederlage der Russen ihren Kulminationspunkt, indem die fliehenden Truppen immer näher an die eigenen Versorgungslinien herangetrieben wurden und so einen erheblichen strategischen Vorteil einheimsten.

Diese paradoxe Logik schlägt sich seit dem Altertum in dem Spruch „Si vis pacem, para bellum“ nieder: Wenn du den Frieden willst, bereite den Krieg. Doch wer sich danach richtet, rüstet womöglich so hoch, dass er für seine Nachbarn zur Bedrohung wird und sie zu einem Präventivschlag verleitet. Damit produziert das überdehnte Sicherheitsdenken sein Gegenteil, nämlich Unsicherheit.

Die Anwendung dieses Prinzips ließ Luttwak auch voraussehen, was Anfang 2003 eintreten sollte. Während die Clinton-Administration noch kluge Selbstbescheidung übte, ließ sich die Bush-Regierung von den veränderten Verhältnissen nach dem 11. September zur Maßlosigkeit verführen: „Wenn die passive Realität der amerikanischen Vormachtstellung (...) dem aktiven Streben nach globaler Hegemonie weicht“, notierte er hellsichtig, „könnte die nur die Reaktion hervorrufen, die es in der Vergangenheit immer hervorgerufen hat: untergründigen Widerstand seitens der Schwachen, offene Opposition seitens der weniger Schwachen.“ Für Letzteres kann man getrost Deutschland und Frankreich einsetzen. Den durch die Terroranschläge entstandenen Solidaritätsbonus überzog George W. Bush; die Chancen einer unangefochtenen Weltmacht USA sieht Edward Luttwak deshalb äußerst skeptisch. Ein weiteres Problem dürfte für die USA in ihrer demographischen Entwicklung liegen. Nachkommenschwache westliche Zivilisationen machen andere Kosten-Nutzen-Rechnungen in Sachen Menschenleben auf als Nationen mit üppigem Kinderreichtum. Darin erkennt Luttwak die Ursache dafür, dass selbst die Großmacht USA nur noch „postheroische“ Kriege riskieren kann, also hochtechnisierte Materialschlachten fast ohne eigene Tote und Verletzte. Den Staaten der westlichen Welt fehlt Heldentum schlicht als ideologische Geschäftsgrundlage.

Für „alte Europäer“ eine eher tröstliche Gewissheit, wohingegen weite Teile des Buches auf die demilitarisierte deutsche Leserschaft wie der leibhaftige Gottseibeiuns wirken dürften. Da gibt es Berechnungen von Tötungs- und Vernichtungskapazitäten, abstrakte Intelligenzübungen bei der Ausformulierung von Gefechtsfeldstrategien und -taktiken, ein stetes Abwägen von Kosten und Nutzen des Zerstörungshandwerks. Letzteres verbindet den militärischen mit dem ökonomischen Diskurs.

Das paradoxe Denken der Machtpolitiker lässt sich bei Edward Luttwak bestens studieren. Er ist unabhängig genug, die Sandkastenspiele bis zum bitteren Schluss durchzuexerzieren: Dass Kriege sein müssen, weil der Mensch seiner destruktiven Energien nicht Herr wird, dass sie sich aber nie und für niemanden auszahlen. Vernichtung ist teurer als Bewahrung, und wer mit einer gezielten Vernichtungsstrategie etwas bewahren will, wird unweigerlich Opfer der paradoxen Logik. Moralisten haben für sie freilich ein anderes Wort: Sie nennen sie pervers.

Edward Luttwak: Strategie. Die Logik von Krieg und Frieden. Verlag zu Klampen, Springe 2003. 356 Seiten, 34 €.

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