Kultur : Kurzmeldungen

Sachsenhausen, Ravensbrück: Vor zehn Jahren wurde die „Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten“ gegründet. Plädoyer für eine Fusion mit Berlin Eine feste Adresse

Jürgen Dittberner

Vor zehn Jahren wurde die „Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten“ gegründet. Am heutigen 25. Februar wird es hierzu eine Festveranstaltung in Potsdam – nicht in Oranienburg, dem Sitz der Stiftung – geben. Seit 1993 hat sich das Umfeld der brandenburgischen Gedenkstätten erheblicher verändert als diese selber. Und das Zeichen, dass Deutschland die dunkelste Epoche seiner Geschichte nicht verdrängen will, entsteht nun in Berlin, neben dem Brandenburger Tor, auf dem Gelände der Ministergärten.

Als Deutschland wiedervereinigt wurde, schien die Nachkriegszeit zuende. Die Teilung des Landes hatte bis dahin als Konsequenz aus der Niederlage des Nationalsozialismus gegolten: die „gerechte Strafe“. So kamen, besonders im Ausland und bei den überall noch aktiven Gruppen ehemaliger KZ-Häftlinge, Befürchtungen auf, dass nach dem Ende der Teilung deren Vorgeschichte relativiert würde.

Neue Aufgabe

Manche Ereignisse schienen die Befürchtungen zu bestätigen: Das leitende Personal der „Nationalen Mahn- und Gedenkstätten“ in der untergegangenen DDR wurde „abgewickelt“. Der neue Potsdamer Landtag stoppte das Projekt einer weiteren Gedenkstätte in Brandenburg/Havel. Die zentralen Ausstellungen der Gedenkstätten wurden abgebaut. Aus Ravensbrück wurde 1991 bekannt, dass an der Zugangsstraße zur Gedenkstätte ein Supermarkt geplant sei. Und 1992 wurde die „Baracke 38“ – die jüdische – auf dem Gelände des ehemaligen KZ Sachsenhausen in Brand gesetzt. Währenddessen sanken die Besucherzahlen in Buchenwald, Sachsenhausen, Ravensbrück.

So erwuchs mit der Wiedervereinigung eine politische Aufgabe: Wenn Deutschland sich nicht abkehren wollte von den Lehren, die es aus dem Nationalsozialismus gezogen hatte, wenn es Skeptiker nicht zuletzt im Ausland davon überzeugen wollte, dass diese Lehren gültig bleiben, dann mussten die KZ-Gedenkstätten erhalten werden. Dazu war es nötig, sie institutionell abzusichern. Der Bund war zu überzeugen, dass ihre Finanzierung auch seine Aufgabe war. Nach mühseligen Diskussionen hat er das Ende der 90er Jahre eingesehen. Die Sitzländer mussten den Gedenkstätten inhaltliche Perspektiven bieten: Brandenburg und Thüringen setzten Gedenkstättenkommissionen ein, deren Berichte weiterer Arbeit Ziele vorgaben. Institutionen mussten errichtet werden: So wurde 1993 zuerst in Brandenburg eine angemessene Struktur geschaffen, die „Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten“.

Neue Präsentation

Diese Gründung einer Stiftung mit den Hauptstätten Sachsenhausen und Ravensbrück war eine eminent politische Tat. Sie war wie die folgenden Engagements anderer Bundesländer und des Bundes Ausdruck des Versprechens, dass das größere Deutschland eine Erinnerungskultur pflegen und diese in der praktischen Politik beherzigen werde. Das beruhigte damals viele, insbesondere die Opfer- und Betroffenengruppen. Die Gründung trug zur Akzeptanz der deutschen Wiedervereinigung bei.

Heute hat die brandenburgische Stiftung nicht mehr diese Bedeutung, sie ist keine vordergründig politische Angelegenheit mehr. Historiker, Museologen und Gedenkfunktionäre haben sich ihrer bemächtigt. Der Präsentation der Gedenkstätten ist das nicht schlecht bekommen. Originalanlagen wurden restauriert, Ausstellungsräume mit teilweise anspruchsvollen Darstellungen wurden geschaffen, die Gelände erweitert. Besucher kommen wieder in größerer Zahl. Bei Staatsbesuchen aus Israel ist Sachsenhausen eine feste Adresse. Und doch verlagern sich die Gewichte: Zwar ist das Holocaust-Mahnmal noch nicht errichtet, aber die aktuelle politische Funktion der Gedenkstätten hat es schon als Projekt an sich gezogen.

Sollen sich die KZ-Gedenkstätten damit abfinden? Soll die Gedenkstätten-Stiftung deshalb in den eingefahrenen Bahnen weiter arbeiten? Einerseits schon: Für die noch wenigen lebenden Opfer, ihre Angehörigen und Freunde haben Sachsenhausen und Ravensbrück eine emotionale Relevanz, die beim Holocaustmahnmal nicht vorhanden ist – auch nicht bei vielen anderen Einrichtungen der Berliner Gedenkstättenlandschaft. So hat die brandenburgische Stiftung vor allem die Authentizität früherer Lager zu pflegen, als Geste der Verbeugung ihrer Träger – des Bundes und des Landes – vor den Opfern. Das ist nicht spektakulär, aber nachhaltig, und wird von Betroffenen mit Dank aufgenommen.

Andererseits wäre dieser Stiftung mehr Mobilität zu wünschen. Die brandenburgischen Gedenkstätten wollen doch auch Orte des Lernens und – im bescheidenen Rahmen – der Forschung sein. Dafür müssen sie ihre organisatorische Hülse aufbrechen: Der gesamten Gedenkstättenlandschaft in Berlin-Brandenburg täte es gut, käme es zu einem Verbund zwischen den Berliner und den brandenburgischen Einrichtungen. Bei der Verwaltung und der Öffentlichkeitsarbeit ließen sich so Kräfte bündeln, den Mitarbeitern würde sich Chancen der Mobilität zwischen den Einrichtungen eröffnen. Die Einrichtungen würden leichter zeitweilige Schwerpunkte für wichtige Projekte bilden.

Fusion mit Berlin?

Zudem könnte ein solcher Verbund an ein geeignetes Institut einer Universität Berlins oder Brandenburgs angebunden werden. Geistige und personelle Fluktuation wären über geeignete Lehrveranstaltungen und Forschungsaufgaben zu organisieren: mit dem Personal der Gedenkstätten einerseits, mit Studenten, Assistenten und Hochschullehrern andererseits.

Allerdings wird von den Institutionen selbst ein Verbund nicht angestrebt. Sie haben sich verfestigt, zu stark sind die meisten ihrer Mitarbeiter den eigenen Strukturen verhaftet. Und dennoch ließe sich hier der Slogan „sparen und gestalten“ verifizieren: Die Politik muss es nur wollen. Aus dem Bedürfnis gegründet, im vereinten Deutschland die Erinnerung an den Nationalsozialismus zu bewahren, ist die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten heute Hüterin des Vermächtnisses einstiger Brennpunkte des Terrors. Sie sollte eine Institution sein, die das Lernen und Hinzulernen über den großen Kulturverfall des Zivilisationsbruches organisiert. Dass sie dabei eine akademische Anbindung bekommt, ist ihr für die Zukunft zu wünschen.

Der Autor, Politikwissenschaftler und Staatssekretär a.D., lebt in Berlin. Er war Gründungsdirektor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten von 1993 bis 1997.

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