Kultur : Kurzmeldungen

Karl Friedrich Schinkels Bauten für den Osten Preußens werden erstmals in einem monumentalen Buch vorgestellt Kirchenprovinz

Bernhard Schulz

Wann immer heute von Preußen die Rede ist, so ist damit der Staat gemeint; das geografische Gebiet hingegen und seine Kultuschätze sind beinahe völlig aus dem Bewusstsein entschwunden. Das Land Preußen, historisch höchst unterschiedlich in West- und Ostpreußen geteilt, bildete stets den armen Hinterhof des gleichnamigen Staates. Im 19. Jahrhundert kam noch die überwiegend polnische Provinz Großherzogtum Posen hinzu.

Allen drei Landesteilen galt die beständige Aufmerksamkeit der Oberbaudeputation, der obersten Baubehörde Preußens, in der Karl Friedrich Schinkel seit 1810 für das „ästhetische Fach“, mithin für die Gestaltung zuständig war. Diese Aufgabe ermöglichte es ihm, „seine architektonischen Vorstellungen dem Bauwesen in ganz Preußen aufzuprägen“. So beschreibt es Eva Börsch-Supan in der Einleitung des von ihr verfassten Buches über Ost- und Westpreußen sowie Posen, des nunmehr 18. Bandes des „Schinkelwerks“. Wohl keines zweiten deutschen Architekten Werk ist Gegenstand so gründlicher Forschung geworden, wie dasjenige Schinkels. Das „Schinkelwerk“ seinerseits sprengt längst alle Maßstäbe. Sein erster Band erschien 1939, und noch längst ist kein Abschluss abzusehen; allein sechs weitere Bände befinden sich in Vorbereitung.

Das will für das Erscheinungsdatum wenig besagen. So nahm der vorliegende, am Wochenende rechtzeitig zu Schinkels 222. Geburtstag am Donnerstag dieser Woche vorgestellte Band seinen Ausgang bereits im Jahr 1977. Die Teilung Europas verhinderte jahrelang den Fortgang der begonnenen Arbeit, dann hatte die Autorin andere Publikationen im Blick. Erst ab 1997 konnte der Schinkel-Band bei nunmehr freiem Zugang zu allen Archiven fertiggestellt werden. Er wurde mit 740 Seiten der bislang umfangreichste der gesamten Reihe und bildet in seiner Ehrfurcht gebietenden Vollständigkeit den Maßstab für alle künftigen Bände.

Die drei Provinzen im Osten des Königreichs Preußen standen nie im Mittelpunkt von Schinkels unübersehbarer Tätigkeit. Die einzige Ausnahme bildet wohl die Marienburg, an der sich Schinkels romantische Gesinnung, beflügelt durch seinen Lehrer David Gilly, früh entzündete. Sie wurde zum Exempel späterer denkmalpflegerischer Maßnahmen; allerdings auch des Unverstandes, dem Schinkels Werk schon wenige Jahrzehnte nach seinem Tod begegnete: Bereits 1901 wurden seine Eingriffe vernichtet.

Ansonsten hatte Schinkel vor allem den Bau von Kirchen zu begutachten, die in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zu Kristallisationspunkten des kommunalen Selbstbildes wurden. Das delikate konfessionelle Gefüge in den von Deutschen und Polen bewohnten Provinzen brachte es mit sich, dass Schinkel gleichermaßen evangelische wie katholische Kirchen weniger entwarf als vielmehr korrigierend auf gestalterisches Niveau zu bringen suchte.

Zahllos sind seine Klagen über das handwerkliche Unvermögen in der Provinz, die er erst 1834 in einer längeren Dienstreise besuchte. Sein umfangreicher Reisebericht, im vorliegenden Band abgedruckt, ist ein kulturhistorisches Zeugnis ersten Ranges. Wenn Schinkel selbst entwarf, wie etwa das Gebäude für die Bezirksregierung in Gumbinnen, bricht sein Zorn über den Unverstand vor Ort in seltener Schärfe hervor: „Die Regierung hätte sich glücklich schätzen müssen, in ihrer Provinz endlich einmal ein Projekt ausführen zu können, in welchem artistische und wissenschaftliche Einsicht einen Fortschritt in der Zeit fühlen läßt“ (1833).

Von Fortschritt konnte im Osten keine Rede sein, zumal der frömmelnde König Friedrich Wilhelm III. beständig in die Bautätigkeit eingriff. Auf ihn geht der Entwurf der „Normalkirche“ zurück, die in allerdings stets abgewandelter Detailgestaltung in allen drei Provinzen als schlichte Saalkirche – dem Regelentwurf nach ohne Turm – verwirklicht wurde. Einen befremdlichen, gotisierenden Entwurf mit geradezu fantastisch anmutenden Fächergewölben lieferte Schinkel für die Altstädtische Kirche in Königsberg (1836), die als Kriegsverlust von 1945 regelrecht aus der Schinkel-Forschung gefallen ist. Sie wird hier erstmals vollständig publiziert. Seinen wohl eigenwilligsten, aber zweifellos schönsten Entwurf lieferte Schinkel für das Jagdschloss des Fürsten Radziwill in Antonin im äußersten Süden der Provinz Posen: einen oktogonalen Zentralbau mit dreigeschossiger Halle samt einer gewaltigen, tragenden Mittelsäule.

Jenen Schinkel indessen, der in Berlin mit Bauten wie dem Alten Museum oder der Bauakademie Architekturgeschichte schrieb, wird man selbst in dem originellen Jagdschloss vergeblich suchen. Die zehrende Arbeit für die Ostprovinzen verdeutlicht vielmehr, wie ungeheuer das Dienstpensum war, das Schinkel zu leisten hatte und an dem er schließlich 1841 zugrunde ging. Im neuen, 18. Band des „Schinkelwerks“ tritt die andere oder vielmehr vielleicht eigentliche Seite des preußischen Staates hervor, gekennzeichnet von nüchterner Zweckmäßigkeit, Armut und Plackerei.

Eva Börsch-Supan: Die Provinzen Ost- und Westpreußen und Großherzogtum Posen. Karl Friedrich Schinkel Lebenswerk Band 18. Deutscher Kunstverlag, München/Berlin 2003. 740 S. m. 614 Abb., Ln. 148 € .

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