Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Dass die großen Kinobilder auf dem heimischen Bildschirm ein trauriges Schattenleben führen, daran sind wir seit vielen Jahrzehnten gewöhnt. Seltener kommt das Fernsehen ins Kino – und wenn, dann wird es gerne und grundsätzlich geschmäht wegen minderwertiger Produktionsqualiäten und flacher Beleuchtung.

Fernsehen und Kino einmal ganz bewusst miteinander zu konfrontieren, ist die Absicht eines Kurzfilmabends, den Birgit Kohler und Stefanie Schulte-Strathaus vom Arsenal in ihrem Kino am Montag präsentieren. Das Material von TV (on) Screen sind Filme, die sich auf sehr verschiedene Weise der ästhetischen Auseinandersetzung mit dem Medium Fernsehen widmen. Stan Brakhage untersucht in seinem 1981 gedrehten Murder Psalm die unterschiedliche Materialität der beiden Medien. Marie Menkens Wrestlers (1964) und Runaway von Standish Lawder (1970) spielen mit Bildgrenzen und Kadrierung, während Cathy Joritz’ feministischer Animationsklassiker Negative Man bestimmte Präsentationsformen des amerikanischen Fernsehens mit satirischem Genuss auseinander nimmt.

Mit der Herstellung der Bilder, die die Fernsehkanäle verbreiten, beschäftigt sich Thomas Schadts Kanzlerbilder – Untertitel: „Szenen vom großen und vom kleinen Theater in der Politik“. Schon 1998 hatte Schadt in dem Film Der Kandidat den Wahlkampf des damaligen Kanzlerkandidaten Gerhard Schröder mit der Kamera für ein Filmprojekt dokumentiert. Ein Jahr später ist der Kanzler im Amt – und der Dokumentarfilmer mit seinem Team wieder zur Stelle. Doch was gibt es überhaupt noch zu sehen? Lassen die präformatierten Bilder, lässt die visuelle Inszenierung von Macht den Blick auf Wirklichkeit überhaupt noch zu?

Bis auf ein paar Ausnahmen müssen sich auch Thomas Schadt und sein Team an die engen Vorgaben halten, die das Verhältnis von Politik und Medien organisieren. Doch im Unterschied zur üblichen Fernseh-Berichterstattung werden in Schadts Film die Beschränkungen als solche sichtbar: die Reduzierung journalistischer Präsenz auf die immer gleichen „Auftaktbilder“, die bis ins Detail festgelegten Kamerapositionen bei Staatsbesuchen und anderen Events, die nach Proporz ausgehandelten Pressepools. Und natürlich der Panzer aus Inszenierungskunst und Rhetorik, der Schröder schützt, aber auch fesselt und seine Wirkungsmacht schon wieder schwächt. So lässt Schadt den Kanzlerdarsteller etwa seine Redefloskeln und Machtgesten erbarmungslos immer wieder von Neuem aufsagen. Durch solch serielle Verfremdung gelingt es ihm, unsere Aufmerksamkeit auch für die Aspekte der Inszenierung zu schärfen, die im Fernsehalltag unter der Wahrnehmungsschwelle verschwinden. „Der Kandidat“ läuft am Sonnabend, „Kanzlerbilder“ am heutigen Donnerstag sowie am Sonnabend im Babylon Mitte in der Reihe „Politiker in Aktion“.

Am Ende von Thomas Schadts Film hat Henry Kissinger seinen Auftritt: Er kürt Schröder zum World Statesman of the Year. Welch andere Zeiten! Ins Herz des alten Europa führt uns ein wahrhaft zauberhafter französischer Kurzspielfilm, der einen kleinen Jungen mit einem großen roten Luftballon auf Abenteuerreise durch das Paris der fünfziger Jahre schickt. Gesprochen wird fast nicht – und selbst Vorschulkinder können die schlichte Geschichte verstehen. Erwachsene dürfte beim Mit-Flanieren durch unsanierte Pariser Nachkriegsstraßen eine schöne Melancholie überkommen: So romantisch vertrödelt sah Großstadtleben wirklich einmal aus. Für uns ist Albert Lamorisses Der rote Ballon (1955) Anlass, hier endlich einmal das Spatzenkino vorzustellen, das seit zwölf Jahren die Allerjüngsten ins Kino begleitet. Der Film, ab vier Jahre empfohlen, läuft am Dienstag im Bali und am Mittwoch im Planetarium (Reservierung und Information beim Kinderkino-Servicetelefon 449 47 50).

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