Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Erstaunliche 18 Personen fanden sich letzten Sonntagnachmittag im Arsenal ein, obwohl draußen das Frühlingserwachen tobte. Auf dem Programm stand ein vierstündiger Dokumentarfilm des 1940 in New York geborenen und vor einigen Jahren gestorbenen Regisseurs Robert Kramer. Kramer hatte sein Heimatland Ende der siebziger Jahre aus politischen Gründen in Richtung Europa verlassen. Zehn Jahre später kehrte er für eine längere Erkundungsreise zurück. Mitgebracht hat er eine Filmkamera und ein kleines Aufnahmeteam, einen Hauptdarsteller (eigentlich Radiojournalist), viel Neugierde und ein ebenso simples wie anspruchsvolles Konzept: Route One/USA folgt dem Verlauf der gleichnamigen Straße, die an der US-amerikanischen Ostküste von der kanadischen Grenze bis nach Key West verläuft.

Es ist eine Reise, die durch die damalige Gegenwart des Landes führt, zu Indianern und christlichen Sektierern, Fischarbeiterinnen und Bürgerrechtlern, in Vorstadtsiedlungen und Vergnügungsparks. Eine Reise in die Hinterhöfe und Suppenküchen, wo das oft übersehene Leben der meisten sich abspielt. Denn die heroischen Tage der Landstraße Nummer Eins sind längst vorbei. 1936 war sie die meistbefahrene Straße der Welt, 1989 ist sie manchmal kaum zu finden zwischen Highways, Hinweisschildern und Brücken. Doch die Geschichte lebt, nicht nur in Kriegerdenkmälern und Monumenten, sondern auch in der Erinnerung von Veteranen der ersten bis vierten Generation. Und in den amerikanischen Klassikern: Henry David Thoreau und Walt Whitman sind für Kramer lebendige Zeugen eines anderen, besseren Amerika (nochmal Sonntag im Arsenal.

Als die Route One ihre besten Tage hatte, schwitzte man in den MGM-Studios an der Westküste über der dritten Verfilmung von L. Frank Baums Kinderbuch „The Wonderful Wizard of OZ“. 1939 war Victor Flemings Der Zauberer von OZ nach vielem Hin und Her dann kinofertig. Auch hier ist es die Landstraße, die die kleine Dorothy durch viele Abenteuer ins Smaragdschloss des Zauberers führt. Art Director Cedric Gibbons hat diese yellow brick road auch bildlich als Element entworfen, das zwischen dem Märchenland und Dorothys Heimat im nüchtern ländlichen Kansas vermittelt: eine Art mittelwestliche Technicolor-Idealidylle mit weißen Koppelzäunen, wogenden Maisfeldern und Apfelbäumen, die in bizarrem Kontrast steht zu einigen erstaunlich aggressiven Elementen der sonstigen Inszenierung – vor allem der monumentalen Siegesparade, bei der Dorothy von den frisch befreiten Munchkin-Zwergen artigst für den sauberen Tod der bösen Hexe gedankt wird. Ein zweiter Triumphzug zum Tod der „Bösen Hexe des Ostens“ fiel den Eingriffen einiger Skriptdoktoren zum Opfer, die sich zu Dutzenden daran versuchten, aus der Buchvorlage ein erfolgsträchtiges Musical zu machen (Potsdamer Filmmuseum, Sonnabend- und Sonntagnachmittag).

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