Kultur : Kurzmeldungen

Frank Noack

CITY LIGHTS

Jede erfolgreiche Film- oder Fernsehserie wird von zahlreichen Publikationen begleitet. Akribisch recherchierte Nachschlagewerke verraten alles über Edgar Wallace und Karl May, über den „Tatort“ und „Polizeiruf 110“, „Big Brother“ und die „Lindenstraße“. Aber fehlt da nicht etwas? Gab es nicht Ende der sechziger bis Mitte der siebziger Jahre eine ganze Reihe von populären Aufklärungsfilmen? Niemand will sie gesehen haben, dabei waren es die erfolgreichsten westdeutschen Filme ihrer Zeit. Kassenknüller, keine Programmfüller. Und doch stellen sie der Filmkunst in Deutschland ein Armutszeugnis aus: Während Regisseure aus Schweden, Frankreich oder Italien in der Lage waren, Erotik mit hohem Niveau zu verbinden, gab sich das deutsche Kunstkino extrem lustfeindlich. Was blieb da dem Bundesbürger anderes übrig, als sich den doch recht billig heruntergekurbelten „Schulmädchen-Report“ anzuschauen?

Die Autorin Annette Miersch bezeichnet das Phänomen der Aufklärungsfilme als das „Stiefkind der deutschen Filmgeschichtsschreibung“. In Miersch haben die einst berüchtigten, heute nur noch belächelten Streifen endlich eine zuverlässige Chronistin gefunden. 1968 in der DDR geboren, verfügt sie in doppelter Hinsicht über den nötigen Abstand zu ihrem Thema. (Schulmädchen-Report. Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre. Bertz Verlag, 254 Seiten, 25 Euro). Wer sich in die seit Jahrzehnten erste Kinovorführung von Schulmädchen-Report 1. Teil – Was Eltern nicht für möglich halten aus dem Jahr 1970 hineinwagt, stellt erstaunt fest: Derartige Filme sind nicht nur soziologisch hochinteressant, sondern mitunter auch originell inszeniert. (Freitag im Brotfabrik-Kino)

Ein Tabubruch auf höchstem Niveau gelang Leontine Sagan übrigens bereits 1931 mit ihrem Film Mädchen in Uniform. Kaum zu fassen: Trotz seiner bitteren Kritik am preußischen Drill und trotz einer lesbischen Liebeshandlung war dem mutigen Werk ein Welterfolg beschieden. Dorothea Wieck, die in der Rolle einer charismatischen Lehrerin ihre Schülerinnen schier um den Verstand bringt, wurde umgehend nach Hollywood komplimentiert. Und ihre Kollegin Hertha Thiele – sie spielt eine von der Lehrerin besessene Internatsschülerin – erlangte Kultstatus. Einige Liebesszenen rauben dem Zuschauer noch heute den Atem. Warum gab es 1931 keinen Sturm der Entrüstung? Vielleicht liegt das daran, dass weibliche Sexualität damals noch nicht ernst genommen wurde. (Mittwoch im Arsenal)

Im Nationalsozialismus waren Frivolitäten nicht gern gesehen, sie galten als Überbleibsel aus der dekadenten Weimarer Republik. Zu den wenigen, die den Geist dieser verpönten Epoche in die neue Zeit hinüberretten konnten, gehörte Willi Forst. Der Schauspieler, Regisseur und Ex-Liebhaber von Marlene Dietrich inszenierte 1936 die Partnertausch-Komödie Allotria mit Heinz Rühmann, Jenny Jugo, Adolf Wohlbrück und Renate Müller, begleitet von der schwungvollen Musik Peter Kreuders. Nicht allen Beteiligten war zum Lachen zumute. Adolf Wohlbrück wählte kurz nach Ende der Dreharbeiten das Exil, Renate Müller den Freitod. (Montag im Babylon Mitte)

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