Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITY LIGHTS

Am liebsten filmen die meisten Dokumentarfilmer die Arbeit. Genauer: Menschen, die arbeiten. Wahrscheinlich kommt das daher, dass Filmemachen selber mehr Handwerk ist als hehre Kunst. Der Regisseur Thomas Schadt, der mit seinen beiden Dokumentationen über Bundeskanzler Schröder hier vor einigen Wochen schon Erwähnung fand, ist ein fleißiger Handwerker und ein echtes Arbeitstier. So tief steckt der Tätigkeitsdrang im Filmemacher, dass er das Leben ohne das Filmemachen fast nicht aushält. Was also tut er, wenn ihm die Filme ausgehen und Untätigkeit droht? Ganz einfach: Er denkt sich schnell einen neuen Film aus, am besten über das Nichtstun.

Doch auch das ist ein durchaus relativer Begriff. Die Protagonisten von Thomas Schadts Pausenfilm jedenfalls scheinen auch in ihren Pausen noch zwanghaft weiterzuackern. Der Fernsehjournalist im Taxi hält in der linken Hand den Apfel, während er mit der Rechten das Telefon ans Ohr drückt. Einem anderen dienen die Autofahrten von einem Job zum nächsten zur Rekreation. Und auch die Grundschüler müssen das Nichtstun erst mühsam lernen. Von meditativer Ruhe jedenfalls keine Spur, nirgends. Dies ist trotz aller bemerkenswerten Detailansichten auch die größte Schwäche dieses Films: dass er ausschließlich in der Negation verharrt. Der Substanz des Nichtstuns lässt sich so jedenfalls nicht beikommen. Aber vielleicht ist das für einen Pausenfilm ja angemessen. Zur Vorführung im Babylon am Donnerstag ist der Regisseur anwesend.

Das Experiment

Nichts tun ist nicht einfach. Birgit Hein und ihr damaliger Ehemann Wilhelm Hein müssen fleißige Arbeiter sein, wenn man sich die bisherige Werkliste der Künstler und Aktivisten von 1967 bis heute anschaut. In den frühen abstrakt strukturellen Filmen der Experimentalfilmer taucht die Arbeit selbst allerdings nur in den Spuren auf, die sie konkret am filmischen Material hinterlässt. Später haben sich erst beide gemeinsam und dann getrennt auch explizit inhaltlichen Filmaussagen zugewandt, die politisches Aufklärungsstreben mit schonungsloser Selbstentblößung verbanden.

Dabei haben sie auch gerne gezeigt, dass Enttabuisierung kein Vergnügungsspaziergang sein sollte: „Wir versuchen uns hier freizuschaufeln, und das ist wirklich harte Arbeit“, schreiben sie zu ihrem Film Verbotene Bilder (1984-85), der mit der Aneinanderreihung ekelauslösender und schockierender Szenen innere Zensurmechanismen bei Filmemachern und Publikum aufbrechen will – kein einfaches Unterfangen in einer Zeit, in der scheinbar alles erlaubt ist. Auch ihre nach der gleichnamigen Hindugöttin benannten Kali-Filme verfolgen ein ähnliches Projekt. Auch hier wird sowohl mit selbstgedrehten wie gefundenen Bildern gearbeitet: Das Spektrum reicht von – zu Barockmusik abfotografierter – asiatischer Sexual-Kunst bis zu nachgestellten Szenen aus amerikanischen Splatter-Filmen. Beide Filme laufen in einer umfasssenden Birgit-Hein-Werkschau im Arsenal. „Verbotene Bilder“ ist am Sonnabend, die „Kali-Filme“ sind am Donnerstag und Sonntag zu sehen.

Die Allegorie

Birgit und Wilhelm Hein haben in ihren Filmen immer versucht, neben der Sexualität auch die Gewalt ins Licht der öffentlichen Wahrnehmung zu holen. Es war eine Gewalt, die damals erstmals mit den Fernseh-Bildern aus der schmutzigen Realität des Vietnamkriegs breitflächig in die visuelle Aufmerksamkeit einsickerte. Dass auch der US-amerikanische Horrorfilm der späten sechziger und frühen siebziger Jahre als künstlerische Reflexion dieser realen Brutalitäten entstanden ist, ist die These von Adam Simons Dokumentarfilm The American Nightmare (2000). Doch auch früher schon galt nicht nur Splatter-Adepten etwa George A. Romeros schaurig spannender Schwarzweißfilm „Night of the Living Dead“ (1968) als schockierend scharfsinnige Allegorie auf eine Gesellschaft im Kriegszustand. Zusammen mit einigen anderen der Filme, die Simons analysiert, sind beide in der Reihe Bodies That Splatter im Arsenal zu sehen, die sich als Ergänzung zur gleichnamigen Tagung der Humboldt-Universität in der Akademie der Künste (24. bis 26. April) versteht. „The American Nightmare“ läuft am Sonntag, George A. Romeros „Night of the Living Dead“ mit einer Einführung von Harun Maye am Dienstag.

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