Kultur : Kurzmeldungen

Silvia Hallensleben

CITYLIGHTS

Erzähl mir was über dich... heißt die Serie von vier einstündigen Porträts, die die tschechische Dokumentaristin Helena Trestíková über Jugendliche am Rande der Gesellschaft gedreht hat. Lebenswege zwischen Heim, Drogen, Kriminalität und Gefängnis. Die 1949 geborene Trestíková, die gerade auf dem Festival in Pilsen den tschechischen Dokumentarfilmpreis gewann, gilt als tschechische Spezialistin für Langzeitstudien, ihre Jugendporträts aus den 90er Jahren sind nach einem Zyklus mit „Eheetüden“ das zweite derartige Projekt. „Erzähl mir was über dich...“, sagt die Regisseurin immer wieder aus dem Off, „beschreib mir deine Gefühle!“ Besonders die Jungs haben damit große Schwierigkeiten. „Wie sieht du deine Zukunft?“ ist da schon leichter, schließlich weiß man, wie die angemessene Antwort lauten soll. Oft erfüllen die Selbstaussagen der Jugendlichen auch bereitwillig die Erwartungen: Sehnsucht nach einen normalen Leben, nach Arbeit und Familie. In ihrer Anteilnahme vor allem am privaten Glück der Einzelnen lassen die Filme sich auch als eine traditionellen Weiblichkeitsbildern verpflichtete Form dokumentarischer Annäherung verstehen: Film als mitfühlende Sozialarbeit (Sonntag, Dienstag und Mittwoch im Babylon, am Dienstag in Anwesenheit der Regisseurin). In Abänderung des Programms wird an diesem Abend „Tell Me Something about Yourself, Rene“ gezeigt.

Ein entgegengesetztes Konzept betreibt seit ebenso vielen Jahren der Filmemacher Hartmut Bitomsky, der hartnäckig einen dokumentarischen Ansatz verfolgt, der sich nicht am Schicksal von Einzelpersonen orientiert, sondern Beziehungsgeflechte in Bild und Ton setzt. Bitomskys wohl bekanntester Film Reichsautobahn dekonstruierte 1985 brillant und unterhaltsam all jene Mythen, die sich immer noch um den Hitlerschen Autobahnbau rankten und setzt das Unternehmen als nationale Inszenierung – und Projekt modern-ökologischer Landschaftsarchitektur – in neues Licht. Wie Harun Farocki, der – mit ästhetisch sehr unterschiedlichen Mitteln – einen ähnlichen Ansatz verfolgt, hat Bitomsky neben seinen Filmen auch immer geschrieben. Anfang dieses Jahres schon ist ein Sammelband mit vielen seiner Texte zu eigenen und fremden Filmen beim Berliner Verlag Vorwerk 8 herausgekommen, der zur Zeit wohl die interessantesten Bücher zum Kino in Deutschland publiziert. Hier schreibt der ehemalige „Filmkritik“-Autor sich von Lumière zu Lumière. Und er unterfüttert seine eigenen Filme mit zusätzlichen Ideen und nützlichem Material. Kinowahrheit wird am Freitag im Arsenal vorgestellt, anschließend sind die Filme „Deutschlandbilder“ (1983) und „Infrastruktur Berlin West“ (1987) zu sehen. „Reichsautobahn“ wird am Montag gezeigt.

Zu Propagandazwecken wurde inszeniert, seit es die Fotografie gibt. Der Fotograf James Nachtwey hat das Bildermachen in und aus Kriegs- und Krisengebieten zu seiner Berufung gemacht – und dabei den Glauben an die Macht der Wahrheit der Bilder nie verloren. Ein leidenschaftlicher Aufklärer ohne Rücksicht auf die eigene Person. Christian Freis War Photographer zeigt beides, die unaufhaltsame Zirkulation der Bilder und den Mensch, der versucht, sie für einen Schockmoment zu stoppen und dabei sein Privatleben verliert. Wo Nachtwey derzeit arbeitet? Vielleicht weiß Christian Frei es. Am Sonntag Vormittag stellt er seinen Film in der Akademie der Künste vor.

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