Kultur : Kurzmeldungen

„X-Men 2“ erzählt von besonders begabten Jugendlichen: Sie gehen durch Wände – denn sie sind Mutanten. Eine Berliner Begegnung mit Regisseur Bryan Singer Der Fremde in mir

Ralph Geisenhanslüke

Zu dumm, im „Keyser Soze“ ist er nicht gewesen. Das ärgert ihn jetzt doch ein wenig. Eine Bar, benannt nach einer seiner Hauptfiguren, dürfte jeden Regisseur erfreuen. Keyser Soze war der große Unbekannte in „Die üblichen Verdächtigen“, ein verwirrender, Puzzle-artiger Thriller mit Kevin Spacey. Der Titel wurde sofort bei Erscheinen, 1995, zum geflügelten Wort, der Film selbst zum frühen Klassiker des damals 28-jährigen Regisseurs. Seine Eintrittskarte zum Spiel mit den ganz großen Jungs.

Bryan Singer hat gerade ein Wochenende in Berlin verbracht, ist mit einem Smart durch die Stadt gedüst, hat altes Gemäuer besichtigt, ist bis morgens durch die Clubs von Mitte und Prenzlauer Berg gezogen. Was man so macht bei einem ersten Besuch in der Stadt. Aber am Tresen des Keyser Soze, Tucholsky-, Ecke Auguststraße, führte sein Weg nicht vorbei. Dabei hätte er dort unbehelligt einen Drink nehmen können. Er wäre überhaupt nicht aufgefallen: Sweat-Shirt, Jeans, Turnschuhe, ein paar blondierte Strähnen in den schwarzen Haaren. Er wirkt fast wie ein Mitte-Boy. Wäre da nicht dieses analytische Beharrungsvermögen in den hellblauen Scheinwerfer-Augen. Fast wie ein Scanner.

Bryan Singer lebt in Bildern, seit er mit 13 Jahren zum ersten Mal eine Super-8-Kamera in die Hand nahm. Sein Lebenslauf liest sich schnurgerade: Sein erster Spielfilm gewann den Großen Jury-Preis beim Festival in Sundance, als er den zweiten übernahm, ging er eine Wette ein, die Produktion schneller und billiger fertig zu stellen als geplant. Der Film gewann zwei Oscars, Bars wurden, wie gesagt, nach der imaginären Hauptfigur benannt. Doch bis heute bleibt die Frage ungeklärt: Wer ist Keyser Soze?

Bryan Singer, geboren in New York, wohnhaft in Los Angeles, liegt jetzt mit den Füßen auf dem Sofa in einem Berliner Hotelzimmer, saugt etwas Eiskaffee durch den Strohhalm und wirkt fast wie eine Figur aus seinem neuen Film „X-Men 2“. Darin geht es um besonders begabte junge Menschen. Nun ja, deren Fähigkeiten liegen eher darin, Berge zu durchbohren oder durch Wände zu gehen. Sie sind Mutanten, was wir von Bryan Singer nicht annehmen. Der sagt mit noch immer jungenhaftem Understatement nur: „Ich kann nichts anderes als Filme machen.“

Lass es krachen

Singer drehte bereits den ersten Teil von „X-Men“, der allein in den USA über 150 Millionen Dollar einspielte. Die Fantasy-Geschichte nach Motiven eines Marvel-Comics handelt von einer nahen Zukunft, in der Menschen und Mutanten in Unfrieden miteinander leben. Die Mutanten sind Superhelden, aber im Grunde geht es ihnen um friedliche Koexistenz. Nur die Menschen verstehen das nicht. Reaktionäre Politiker und scharfmacherische Medien rufen immer wieder zum Kampf gegen die Andersartigen. Der gute Geist der Mutanten ist Professor Xavier, gespielt von Patrick Steward. Er leitet ein „Heim für besonders talentierte Jugendliche“: die Mutantenzentrale. Xaviers Gegenspieler wird gegeben von Ian McKellen, der ebenso wie Steward auch in der zweiten Folge sein distinguiertes Bühnenenglisch inmitten krachender Special-Effects ertönen lässt.

Die Geschichte gründet, ähnlich vielen Marvel-Comics, auf einer einfachen Idee: Viele junge Menschen fühlen sich verkannt, nach außen wirken sie wie Underdogs, und manchmal träumen vielleicht davon, sich mit Hilfe von Superfähigkeiten über die schnöde Erwachsenenwelt hinwegzusetzen. Marvel-Comics wie auch „Spiderman“ haben deshalb seit Jahrzehnten eine treue Gefolgschaft – wenn auch stärker in den USA als in Europa – und sie werden reihenweise verfilmt: „Men in Black“, „Daredevil“, demnächst „Die Fantastischen Vier“ oder auch „Hulk“, für den Ang Lee die Regie übernahm.

Bei diesen Stoffen ist Starkstrom-Action geboten und der Einsatz von Super-Computern und Super-Special-Effects mit der guten Sache gerechtfertigt: Es geht fast immer darum, mehr Toleranz zu üben/Schwächeren zu helfen/die Welt zu einem besseren Platz zu machen. Das bringt Überraschungen mit sich: In „X-Men“ gibt es tatsächlich einen Guten, der deutsch spricht und einen Schurken mit jüdischen Vorfahren.

Bryan Singer fühlte sich während der Schule und des Studiums auch wie ein Mutant. Er hatte rund 40 Jobs und wurde überall gefeuert. Tankstellen, Pizzerien, er kann sie noch heute aufzählen. Nun vergibt er die Jobs, mehr als 1000 Computeranimateure waren an der Produktion beteiligt. Und Singer heuert mit Steward und McKellen – aus anderen Filmen auch bekannt als Captain Picard und Zauberer Gandalf – sogar Sagengestalten aus anderen Fantasy-Universen an. Hat er sich schon mal vorgestellt, wie es wäre, lauter Superhelden aus anderen Geschichten in einer Szene zu vereinen? Da erzählt Singer eine Anekdote, die klar macht, dass er doch kein Mitte-Boy ist: Das wäre wahrscheinlich wie beim Dinner zum 90. Geburtstag von Billy Wilder, sagt er. Da standen alle seine wirklichen Helden, allen voran Steven Spielberg, James Cameron, George Lucas in einem Raum – und was redet man dann? „Tja, also. Hi! Na, wie ist es denn so?“

Vorbild Spielberg

Auf den Sets seiner Kollegen treibt Singer sich gern herum. Er hatte sogar im letzten „Star Trek“-Film einen Kurz-Auftritt als Offizier auf der wackelnden Kommandobrücke. Eine Zeitlang besuchte er so viele Sets, dass er sich „vorkam wie Zelig von Woody Allen“. Nur sein großes Vorbild Steven Spielberg, dessen „Weißen Hai“ und „Unheimliche Begegnung“ er mindestens einmal im Jahr sieht – kam auf ihn zu, sagte „Ach, Du hier?“, schüttelte ihm die Hand und geleitete in zur Studiotür. Da stand Bryan Singer plötzlich draußen, geblendet von der Sonne Kaliforniens.

In „X-Men 2“ hätte hier vielleicht die Heldin „Storm“( Halle Berry) ihre wetterbeinflussenden Superkräfte spielen lassen – und ihm eine schattenspendende Wolke hingezaubert.

In 23 Berliner Kinos. OV im Cinemaxx Potsdamer Platz und Cinestar Sony Center

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